Lugau kommt wieder ins Gespräch. Das kleine Dorf zwischen Finsterwalde und Doberlug-Kirchhain im Elbe-Elster-Kreis, abseits der Bundesstraßen und am Rande der Bahnverbindungen in die weite Welt, findet im späten Winter 2016 plötzlich Platz in den Kulturmagazinen etlicher Fernseh- und Radiosender. Dafür sorgt Alexander Kühne.

Der Berliner Autor hat sein Lausitzer Heimatdorf als Ort der Handlung seines ersten Romans gewählt. Er verortet es als Düsterbusch - so ähnlich klingt der noch immer übliche Kosename für das naheliegende Finsterwalde, das damals die Kreisstadt war.

In Düsterbusch wächst der Romanheld Anton Kummer in für jene Zeit "geordneten sozialistischen" Verhältnissen auf. Aber Anton bricht schließlich aus dem trägen Einerlei aus. Er ist jung und will etwas erleben. Doch dafür möchte er nicht in die weite Welt ziehen, sondern die Welt zu sich ins Dorf holen. So träumt er sich an die Stelle des tristen Mähdrescherfriedhofs hinterm elterlichen Wohnhaus eine schrille Metropole mit Leuchtreklamen und Hochhäusern nach Londoner Vorbild.

Die von einem Freund aus dem Westen mitgebrachte David-Bowie-Platte nährt seinen Hunger auf diese Musik. Nachdem die Musikkneipe "Zentrale" im Nachbarort Kirchhausen (im wahren Leben der "Kohlenpott" in Doberlug-Kirchhain) nach einem Blueskonzert in die Brüche geht und schließen muss, kommt Anton auf die Idee, in der vor Langeweile dahindämmernden Dorfkneipe selbst Konzerte mit Bands aus dem musikalischen Untergrund der DDR zu veranstalten.

Die Obrigkeit ausgetrickst
Mit wie viel Naivität und dennoch Witz Anton und seine Freunde dabei die Obrigkeit austricksen und tatsächlich Tausende junge Leute aus der ganzen Republik zu ihren ungewöhnlichen Punk- und New-Wave-Konzerten pilgern, beschreibt Alexander Kühne auf sehr amüsante Weise in der Sprache der 80er-Jahre-Jugend der DDR. Die kann er schließlich gut. Denn: In Anton Kummer steckt eine ordentliche Portion von Alexander Kühnes Erlebnissen selbst.

Mit seinen Freunden vom Jugendklub "Helden des Fortschritts", den sie der FDJ untergejubelt haben, hat der heute in Berlin lebende Autor vor etwa 35 Jahren schon einmal dafür gesorgt, dass Lugau ins Gespräch gekommen ist. So war die Dorfkneipe einerseits bald zu einem (mindestens) DDR-weiten Geheimtipp in dieser Musik-Szene geworden und auf der anderen Seite auch der Obrigkeit im Kreis ein Dorn im Auge. Und im Dorf selbst wurde das wilde Treiben an den Wochenenden, das oft genug die Vorgärten und sogar den Friedhof in Mitleidenschaft gezogen hat, eher mit Argwohn betrachtet.

Jenseits des Klischees

"Ich will den Roman aber nicht als Abrechnung verstanden wissen", sagt Alexander Kühne. "Weder mit den Leuten, mit denen wir uns in jener Zeit auseinandersetzen mussten, noch mit der DDR. Ich bin kein Widerständler." Er wolle das Lebensgefühl seiner Jugend vermitteln. Bisher nämlich habe er sich in Büchern oder Filmen über das Leben in der DDR nicht wiedergefunden.

Dass er mit seiner Geschichte dieses Lebensgefühl trifft, zeigen auch die Kommentare zum gerade erst im Heyne-Verlag erschienenen Buch in den sozialen Medien. Von "Jenseits des gängigen Klischees" bis "Endlich ein Gegengewicht" zu "bisweilen subjektiv-rosaroten bis tiefschwarzen Sichtweisen sogenannter ,Promis'" ist da die Rede. Denn Anton ist einer mitten aus dem Leben in einer Heimat, aus der er sich nicht wegtraut und nicht wegwill. Die er liebt und die er besser machen will, auch wenn sie es ihm nicht immer leicht macht. Er ist einer, der bleibt und kämpft, nicht politisch, aber mit den Mitteln der Popkultur, wie sein Schöpfer es nennt. Seine Geschichte berührt auch, weil sie von der Suche nach dem eigenen Weg, nach Liebe und Anerkennung junger Leute erzählt, von Ängsten und tragischen Geschehnissen. Die, die Lugau in jener Zeit erlebt haben, werden nach bekannten Personen und Vertrautem in Düsterbusch suchen. "Sie werden das eine oder andere entdecken", sagt Alexander Kühne. Doch Anton ist eine Romanfigur aus Wahrheit und Dichtung. Erlebtes ist verdichtet erzählt. Düsterbusch soll also, so sagt es der Klappentext, angeblich kein Ort für Helden sein. Denn auch der Romanheld spürt zwar während der gelungenen Konzerte den Hauch von Glück, fühlt sich aber danach - einsam im Dorf zurückgelassen - immer mehr "herausgefallen aus dieser Welt". Der Geist dieser Jahre scheint geblieben. Das echte Lugau hat wieder Menschen hervorgebracht, die - wie der Held des Fortschritts, Anton - versucht haben, die Welt ins Dorf zu holen. Ab 1994, als Alexander Kühne dann doch schon längst seinen Platz in der echten Großstadt hatte, hat die Rallye Monte Lugau mit ihrem legendären Schwalbenrennen und spektakulären Open-air-Konzerten 18 Jahre lang noch mehr junge Leute angezogen. Und auch heute noch gibt es in Lugau das "Landei", das sich als einzig wahrer Szeneschuppen im Elbe-Elster-Kreis versteht.

Zum Thema:
Alexander Kühne hat erstmals seinen am 29. Februar 2016 erschienenen Roman "Düsterbusch City Lights" am Mittwoch im Grünen Salon in Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz vorgestellt.Der Autor ist am Freitag auf der Leipziger Buchmesse zu hören (17 Uhr: Messe-Allee 1, Forum Literatur "buch aktuell", Halle 3, Stand E 401; 20.30 Uhr: Café Puschkin, Karl-Liebknecht-Straße 74).Nach Lesungen in München und Berlin kommt Alexander Kühne schließlich am 28. April in die Region, in der der Roman spielt, und liest in der Buchhandlung Mayer in Finsterwalde und am 31. Mai in Doberlug-Kirchhain in der Buchhandlung Huppa.