Zurück ins Jahr 1941. Auf der Wolokolamsker Chaussee, einer 120 km langen Fernstraße von Moskau nach Westen, stoppt die Rote Armee den Vormarsch der Deutschen Wehrmacht. Die Soldaten sollen noch "in den Wolken weiterkämpfen", treibt der russische Kommandant die Moral des Bataillons an. Thomas Harms ist einer von acht Soldaten, in deren Augen sich das Gebell der Bomben und Geschütze, Angst und Kriegsmüdigkeit spiegeln. Mit einer Besonderheit: Der Schauspieler gibt als Chorführer den Atem vor. "Ich atme an", erklärt er, damit für den Chor der Einsatz für die gemeinsame Klage, für Flüstern und Schreien leichter wird. Denn im Chor zu sprechen, ist wesentlich schwieriger als allein. "Bevor wir einen gemeinsamen Rhythmus gefunden hatten, klapperte es noch ein wenig. Inzwischen aber atmet jeder für sich allein", sagt Harms nach der Probe.

Begabt und subversiv

Der 57-jährige Schauspieler steht schon zum dritten Mal bei Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee auf der Bühne. Im dritten Teil wird er aus dem Chor heraustreten und im "Schwarzen Juni" 1953 als Stellvertreter mit einem Betriebsdirektor ein Duell ausfechten.

Genaugenommen aber begann seine Begegnung mit dem Dramatiker bereits während des Studiums an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Gemeinsam mit Manuel Soubeyrand, seit dieser Spielzeit Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, und anderen Kommilitonen wie Thomas Rühmann, heute vielen bekannt durch die TV-Serie "In aller Freundschaft", setzten sie in den 1980ern gern auf Heiner-Müller-Texte in den Studentenprogrammen. Selbst wenn man nicht gleich jedes seiner Worte verstand. Galt der Dramatiker unter ihnen doch nicht nur als äußerst sprachbegabt, sondern auch als befreiend zynisch, "ein bisschen subversiv". Ein Grübler, der einen selbst anstachelte zum Weitergrübeln.

Nach dem Studium geht Harms zurück in seine Heimatstadt Schwerin, zu Christoph Schroth, 1992 bis 2003 dann Intendant in Cottbus, der innerhalb seiner berühmten "Entdeckungen" am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin Heiner Müller, dem Schwierigen, Sperrigen, beim Publikum scheinbar nur schwer Durchsetzbaren, einen Platz einräumt. Harms wirkt 1988 im dritten Teil der Wolokolamsker Chaussee in Schwerin mit. Müllers Texte werden durch ihre analytische Klarsicht zur Herausforderung einer stagnierenden Gesellschaft. "Damals besaß Theater eine ganz andere Relevanz. Wir hatten Angst, dieses Stück überhaupt aufführen zu können, das weder den 17. Juni 1953 ausspart noch die Stasi. So offen wie Heiner Müller hatte das vorher noch niemand am Theater ausgesprochen", erinnert sich Harms.

2001 wird er wieder in dem Stück auftreten, diesmal in Cottbus innerhalb von Schroths "Zonenrandermutigungen". Es ist der IV. Teil. Wie das Schauspielerleben so spielt: Damals mimt er bei den "Sicherheitsorganen" den Genossen Ober, Susann Thiede den Genossen Unter. Nun, im Jahre 2015, spricht er den Genossen Ober im Chor, Susann Thiedes Tochter Lucie verwandelt sich in den Genossen Unter.

Überschrieben ist dieser freche vierte Teil mit "Kentauren". Eine aberwitzige Idee, die wie vor vierzehn Jahren hingebungsvoll ausgeschlachtet wird. Funktionäre verwachsen mit ihrem Schreibtisch. Unten Holz, oben Fleisch. Ein Möbelmensch, ein Mensch möbel. Wehe, wenn da der Wurm drin ist. . . Ein irres Spektakel beginnt, das gewiss auch das Publikum nicht kalt lässt, glaubt Thomas Harms, der von der Vielfalt der Rollen zehrt. Hier kann er nicht nur seine nachdenkliche, sondern auch seine komödiantische Ader ausleben.

Mehr als 20 Jahre gehört er schon zum Cottbuser Ensemble. Und auch wenn er eines fernen Tages mit seiner Frau ins Mecklenburgische zurückkehren will: Die Arbeit macht ihm noch jeden Tag Spaß: "Weil ich mit Regisseuren und Kollegen zu tun habe, die die Vision antreibt, Neues herauszubekommen über die Welt und sich selbst", weiß Harms.

Keine Selbsthilfegruppe

Seit er 1993 in Cottbus begann, hat sich die Zahl der Schauspieler fast halbiert. "Ich hoffe sehr, dass das hohe künstlerische Niveau zu halten ist und das Ensemble nicht mit immer weniger Schauspielern auskommen muss" sagt er.

"Ich spiele anderen Menschen gern etwas vor", bekennt Harms. Theater sei für ihn keine Selbsthilfegruppe, er spiele doch nicht für sich selbst. "Die Leute müssen es sehen wollen. Ich will unterhalten, auch Vergnügen am Denken anstiften", betont er. Deshalb ist er nicht dafür, alles im Theater auszuprobieren, nur um des Experiments willen. Mit einer großen Ausnahme: Heiner Müller sei immer ein Wagnis wert.

Er ist einer der wichtigsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Und doch werden seine Stücke nur noch selten gespielt. "Zu Unrecht", findet Thomas Harms: "Ich habe Heiner Müller selbst erlebt, als er in Schwerin bei Whisky und Zigarre seine Texte las. Auch im Staatstheater Cottbus. Er war ein ganz großer Dramatiker mit einer einzigartigen Sprache. Es macht Spaß, seine besonderen Formulierungen zu sprechen und zu hören", sagt der Schauspieler, der sehr darauf setzt, dass auch die Zuschauer das so empfinden. Denn hier geht es ja nicht nur um die Wucht der Sprache zwischen Poesie und Analyse, beißendem Spott und formaler Strenge. Es geht um Erinnerung, Auseinandersetzung, um Wunder und Wunden, so wie es das Spielzeitmotto verheißt.

Erinnern statt Vergessen. Das kann auch ein einprägsames Spiel sein: Wenn Livemusik zu wilden Schreibtischtänzen treibt. . .

Zum Thema:
Als eines der letzten dramatischen Werke Heiner Müllers (1929 - 1995) folgt der fünfteilige Zyklus der Spur russischer Panzer. Zwischen der Schlacht vor Moskau 1941, über den 17. Juni 1953 in der DDR bis zur Zerschlagung des Prager Frühlings 1968 wird das Scheitern der Idee des Sozialismus offenbar.Regisseur Mario Holetzeck findet mit Bühnenbildner Juan León, Kostümbildnerin Susanne Suhr und der Choreografin Gundula Peuthert fünf Bilder, die die jeweilige historische Situation markieren. Sie werden zu Erinnerungsräumen der acht Darsteller.Karten für die Premiere am 20. Juni, 19.30 Uhr, und die Vorstellungen am 23. und 28. Juni über Ticket-Telefon: 0355/ 78242424