Grönemeyer, Clueso, die Fantastischen Vier - bislang durften nur die großen Musiker mit einem Orchester spielen. Ist das für dich eine Auszeichnung?

Absolut. Aber es ist natürlich auch eine riesen Verantwortung. Du musst da vorne auch stehen können, mit 70 Mann und der Band im Rücken. Und du musst es dir trauen - und das mache ich!

Wie sehen die letzten Tage vor dem Konzert aus?

Wir haben noch eine große Probe mit dem Orchester vorher im Probenraum. Aber wir haben nur eine einzige Probe beim Soundcheck im Theater selbst. Wir können jetzt nicht rein, weil es für den Theaterbetrieb besetzt ist. Einen Tag nach unserem Konzert ist die Carmen-Premiere. Insofern gibt es noch ein gewisses Restrisiko. Die Abmischung von Band und Orchester kann erst am Tag selbst gemacht werden.

Ihr wisst also noch nicht genau, wie es klingen wird?

Nein, es ist noch ein kleines Überraschungsei (lacht). Was viele unterschätzen: Ich muss vom Gefühl her alles sehr kompakt haben auf der Bühne. Der Probenraum ist vielleicht 20 Quadratmeter groß, da ist alles sehr nah dran. Jetzt kommt aber noch das Orchester dazu und die Bühne ist sehr groß. Da hoffe ich, dass es von der Dynamik her auch für das Publikum sehr direkt ist. Es muss sein, als wenn du die Kopfhörer in die Ohren steckst und die Musik aufdrehst. Das wird eine Herausforderung.

Wie war der Eindruck in den Proben?

Bei den Flashmobs am vergangenen Wochenende hat das Orchester nur mit 40 Musikern gespielt, normalerweise sind es 70. Diesen Unterschied merkt man schon deutlich vom Druck her. Wir werden am Donnerstag mit verstärkten Mikrofonen spielen. Das Orchester spielt in der Regel ohne Verstärkung, die 70 Musiker sind alleine schon laut genug. Die Band kommt aber noch dazu, und durch die Verstärkung von Band und Orchester können wir alles besser abmischen und aufeinander abstimmen.

Wie habt ihr das musikalisch umgesetzt? Deine Songs sind eigentlich zum Beispiel für Gitarre, Keyboard und Schlagzeug geschrieben. Was spielen dann die Geigen?

Als wir das Projekt angegangen sind, wussten wir, dass es ein großer Aufwand wird. Nicht nur für mich oder meinen Produzenten, sondern auch für denjenigen, der die Partituren schreibt. Golo ist 21 Jahre alt und ein Mega-Talent. Mit ihm haben wir die letzten dreieinhalb Wochen im Studio gesessen und die schon vorhandenen Songs umarrangiert auf das Orchester. Aber selbst wenn du dich im Studio einschließt und daran bastelst, weißt du am Ende des Tages nicht, ob es auch tatsächlich mit dem Orchester funktioniert und wie es sich anhört. Als wir vor einem halben Jahr mit Evan Christ und dem Orchester das erste Mal im Probenraum saßen und zwei neue Songs aufgenommen haben, war es schon toll zu merken, dass es funktioniert. Erst danach haben wir das Konzert in Angriff genommen.

Und jetzt füllt ihr damit auf Anhieb das ganze Haus.

Ja, darauf freue ich mich riesig. Es wird mein größtes eigenes Konzert, was ausverkauft ist in meiner bisherigen Karriere.

Ausgerechnet in deiner Heimatstadt.

Ja, das ist doch geil! Wenn mir das jemand erzählt hätte vor zwei Jahren, hätte ich das niemals erwartet. Cottbus ist vom Publikum her auch gar nicht so einfach wie man glaubt, was die Ticketverkäufe angeht. Wir werden sechs neue Songs vom nächsten Album spielen.

Für die Studioaufnahmen für das neue Album warst du zuletzt mehrere Wochen in Frankreich?

Ja, das Konzert und die Vorbereitungen fallen eigentlich in einen Zeitraum, wie er ungünstiger nicht sein könnte. Wir haben gerade die Albumproduktion vier Wochen unterbrochen und uns nur auf das Konzert konzentriert. Das sieht man mir auch etwas an, weil es ein großer Aufwand ist. Wir hätten uns diesen Stress auch nicht machen müssen. Aber ich bin jemand, der nie stillsteht und lieber mehr als weniger riskiert. Das kann auch alles schiefgehen. Es hängt alles am seidenen Faden würde Tim Bendzko jetzt sagen (lacht).

Wie ist die Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Evan Christ?

Evan ist ein überragender Typ. Wir haben uns drei Minuten gesehen und wir waren sofort auf einer gemeinsamen Ebene. Wir sind uns sehr ähnlich: Er ist auch sehr hibbelig und beweglich und versteht vor allem auch meine Musik. So einen Dirigenten findest du in dieser Sparte von Musik nur sehr selten.

Wie genau sieht der Austausch zwischen euch aus?

Ich komme selbst gar nicht aus der Theorie, sondern mache aus dem Bauch heraus Musik. Dafür ist dann mein Produzent zuständig, das auf das Blatt zu bringen. Evan kommt eigentlich aus der Theorie, aber entscheidet auch viel aus dem Bauch heraus. Als Dirigent muss er die Emotionen und die Dynamik, die ich bei der Musik fühle, dem Orchester vermitteln. Und Evan versteht, was ich mit meiner Musik sagen will. Das ist sehr außergewöhnlich.

Er hat durchaus auch ein Faible für andere Musikrichtungen.

Absolut. Cottbus hat mit ihm als Generalmusikdirektor unfassbares Glück. Und ich glaube, dass er irgendwann woanders sein wird. Berliner Philharmoniker, San Francisco - er hat mir mal erzählt, welche die größten Orchester sind. Die Kulturwelt in Cottbus muss so einen Dirigenten sehr schätzen. Ich habe ihn immer den Pep Guardiola des Cottbuser Staatstheaters genannt (lacht).

Neben ihm gibt es aber auch noch 70 weitere Musiker auf der Bühne.

Genau, aber mit Evan und dem Orchester ist es sehr leicht zu arbeiten. Es ist schon ungewöhnlich: Da kommt der Knappe auf die Bühne und vor ihm sitzen 70 Musiker, die alle schon Tausende Jahre Musikerfahrung haben. Aber es funktioniert. Wenn sich irgendein Hampel vorne auf die Bühne stellen würde, würden sie sofort merken, ob er es ernst meint oder nicht.

Und nach dem Konzert geht es direkt weiter mit den Albumaufnahmen?

Ja. Nach zwei oder drei Tagen Pause werden wir uns wieder komplett auf das Album fokussieren, was nächstes Jahr im Mai oder Juni erscheinen soll. Wenn ich das mal Revue passieren lasse, bin ich seit zweieinhalb Jahren praktisch permanent am ackern. Das erste Album haben wir auch anderthalb Jahre lang geschrieben. Dazu die ganze Promophase, die sieht man ja meist gar nicht. Dann die Touren, das zweite Album direkt dran und jetzt noch das Konzert. Da geht man schon ganz schön auf dem Zahnfleisch. Es gibt diesen schönen Spruch: "Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht." So ist es auch mit der kreativen Arbeit. Da muss man eigentlich immer viel Leerraum haben, um wieder kreativ sein zu können. Mit Druck kann man nicht kreativ arbeiten. Diese Waage zu halten muss ich erst mal lernen.

Was hat sich in den vergangenen zwei Jahren, seit wir uns das erste Mal kurz vor der Veröffentlichung deines Debütalbums getroffen haben, für dich persönlich geändert?

Das Ganze ist komplettes Neuland. Ich bin reingerutscht in dieses Business. Mir hat vor zweieinhalb Jahren jemand gesagt, dass ich echt gute Songs schreiben kann. Das habe ich probiert und ich habe gemerkt, dass es stimmt. Jetzt habe ich Blut geleckt. Wir hatten einen großen Erfolg mit Platz 21 des Albums und 83 mit "Weil ich wieder zu Hause bin" in den Charts. Die Hymne aus Cottbus wird in allen Radios in ganz Deutschland gespielt. Jetzt will ich eigentlich nochmal nachlegen, das kann noch nicht alles gewesen sein. Aber ich bin auch bereit, Rückschläge in Kauf zu nehmen. Man will immer schnell zu viel, muss sich aber auch vor Augen führen, dass andere Bands und Musiker schon seit 20 oder 30 Jahren auf dem Markt sind und dann erst so richtig abgreifen. Das ist wie im Sport: Du hast zwar ein Spiel gewonnen. Aber nach dem Spiel ist vor dem nächsten Spiel. Du willst wieder gewinnen, am besten wieder 6:0. Und bist dann enttäuscht, wenn es nur ein 2:1 wird. Das sind alles Dinge, die ich noch lernen muss.

Wird es eine Fortsetzung geben?

Mal schauen. Kiel hat schon angefragt, die machen jedes Jahr ein großes Open-Air. Die würden uns gerne nächstes Jahr haben wollen. Ob mit dem Cottbuser Orchester oder einem anderen ist noch offen. Das Konzert ist eine coole Geschichte, die vor allem auch für das Staatstheater sehr interessant ist. Am Donnerstag werden glaube ich zu 70 Prozent Leute im Theater sein, die vorher noch nie dort waren. Insofern ist es jetzt schon ein Gewinn für alle. Es ist schließlich durchaus ein Risiko, das alle dabei eingehen. Wir haben aber schon gesagt, dass wir so ein Konzert nächstes Jahr wieder machen wollen, wenn es gut läuft. Dann vielleicht auch mit Knappe und Friends, also anderen Musikerkollegen. Wir wollen das jedes Jahr ein Mal machen als Event für das Orchester, wo auch mal anderer Schwung in das Theater kommt.

Mit Alexander Knappe sprach Sven Bock.

Das Konzert von Alexander Knappe mit dem Philharmonischen Orchester beginnt am Donnerstagabend um 21 Uhr. Das Staatstheater ist bereits ausverkauft, mit etwas Glück könnte es aber noch einige wenige Restkarten an der Abendkasse geben.