Kunst als gestaltete Biographie - wie formt sie Ihr Weltverhältnis, den Blick auf Mensch und Natur„
Sie ist eine meiner wesentlichen Identifikationsformen, die sowohl historische Wurzeln dafür bedeuten, wo ich herkomme als auch welchen Menschen ich begegne. Es war und ist der freie Raum, in den ich ausweichen konnte, wann immer ich es wollte.

Die Zeitgeschichte, das "Urgedächtnis" der Natur, spielt in diesem "freien Raum", in der Arbeit eine herausragende Rolle. Kann man Ihre Idee von Kunst auf die knappe Formel "Glück" bringen“
Ich sprach von den Wurzeln: Das Land zwischen Elbe und Börde, seine Weite und einzigartige Schönheit. Ein Kindheitsmuster, das mir nie verloren ging. Und in Bildern vollzog sich vielleicht das Festhalten dieser Erinnerungen, das mir im Schaffensprozess Glück bedeutet.

Klarheit und eine kräftige Sehnsucht nach den einfachen Dingen unseres Lebens sprechen aus vielen Ihrer Bilder, aus den Farben und Formen. Erzählen Sie etwas von Ihrer Arbeitsidee, Ihren Träumen.
Sie fragen nach meinen Träumen und den ungezählten Bildern über sie. Eine Linie, die Himmel und Erde definiert, bildet bereits einen Klang, der ein Spannungsfeld immer weiterer Klanggebilde schafft - der Musik vergleichbar. Eine Form, schon als Baum oder Gestalt kann die Erregung bringen, die dich wie andere berührt. Doch sucht man sie nicht; sie wird erlebt. Ja, das ist eines jener beglückenden Geheimnisse, die nie gelüftet werden. Mit Worten ist es nicht getan, - dann müsste ich nicht gestalten. Doch solange ich bewusst lebe, wehre ich mich gegen gestalterische Beliebigkeit, gegen abstrakten Barock und manieriertes Stil-Ende.

Steine der Eiszeit waren für Sie eine große Entdeckung am Beginn der neunziger Jahre. Mittlerweile sind von Ihnen in der Lausitz ein Dutzend Installationen mit diesen Zeugen der Erdgeschichte entstanden. Was reizt an dem Material, an den Sinnbildern von Zeit und Vergänglichkeit„
Steine lernte ich auf dem Gut der Großeltern kennen. Aber das Raumerlebnis "Stein", seine gestalterischen Möglichkeiten erlebte ich auf der Insel Hombroich im Kölner Raum. Während der Studentenwochen mit jungen Leuten der Technischen Universität Dresden und den Architekten Hannelore und Wolfgang "James" Joswig entstanden viele meiner Entwürfe, die zufällig Professor Kurt Häge sah. Das war die Lösung: Installation mit sozialem Anspruch, Denkmal, Erinnerungsmal! Ein Glücksfall, wenn einem Menschen begegnen, die Ideen durchsetzen können.

Solche Ideen suchten Sie in England, Frankreich und Italien, waren auf den Spuren Jahrtausende alter, berühmter Steinsetzungen. Was empfindet man da“
Seit Jahrtausenden vollbrachten unsere Vorfahren Anstrengungen, die einen intakten kollektiven Willen beweisen. Sie wollten sesshaft sein und überleben. Mit den Steinen brachten sie das zum Ausdruck, weltweit. Bewunderung bedeutet mir gleichsam auch Erkenntnis, wie fragwürdig Fortschrittsdefinition ist. Die Menschen waren weder unterentwickelt noch historisch unreif. Sie waren lediglich anders als wir; und dort ahne ich Ansätze einer positiven Kollektivität. Dort fing der Mensch an, zivilisiert zu werden. Das gab mir Energie und das Gefühl, ein wenig beizutragen zu deren Leistungen.

Sie sprechen von den Generationen vor uns. Bei der Arbeit zur Steinsetzung "Sonnenuhr" auf Gut Geisendorf 2004 beschäftigten Sie sich mit germanischen Götter- und Heldendichtungen des 13. Jahrhunderts. Gibt es prägende Orientierungen„
Ja, die prägenden Orientierungen sind auch kindheitsimmanent. Die heute verdrängten Nationalepen aus den Traditionen der Völker müssen wieder einen Platz finden im Bewusstsein der Nationen. Jedes Volk besitzt seine Identität; und das braucht unser Volk im Reigen der Europäer als gleiches unter Gleichen. Wir müssen begreifen, dass wir Träger einer Tradition sind, die nicht austauschbar ist. Amerikanisierung ist unser Trauma.
Das Trauma schafft ja der Mensch selbst. Er ist bei all Ihren Bildern und Stein-Zeichen mitgedacht - ob im Dialog von Kain und Abel oder als "kollektives Bewusstsein".
Tatsächlich braucht unsere Welt dieses kollektive Bewusstsein zum Überleben. Allerdings wäre alles Trachten ohne Hilfe der Träger dieser Gesellschaft nicht denkbar. Aber ein Bild ist ein Bild. Was jeder daraus macht, entzieht sich dem Künstler letzten Endes.

Was meinen Sie, kann der Künstler das "Naturschöne" übertreffen“
Niemals, denn wir sind lediglich Teil der Natur. Marx bezeichnete Kunst als zweite Natur des Menschen. Das sagt alles; und was ein Künstler mit welchen Mitteln daraus wählt, ist immer aus dem eigenen Weltverständnis heraus entstanden. Das so genannte "Nichts" in der Kunst, oft als "Abstraktion" verkleidet, mag manchem Zeitgenossen wichtig erscheinen, doch berührt es keine der emotionalen Schichten des Bewusstseins.

Den Veränderungen der Landschaft in der Lausitz durch den Braunkohlentagebau ist eine Ihrer wichtigen Werkgruppen gewidmet. Welche künstlerischen Konflikte sind zu bestehen im Spannungsfeld von Natur und Industrie, jenem janusköpfigen Wesen menschlicher Entwicklung„
Das war für mich kein Konflikt, wenngleich ich wahrnahm, was in der Lausitz passierte. Als ich 1961 in Schwarze Pumpe ankam, interessierten mich die Dimensionen der "Wüste" und das Abenteuer inmitten der Schlote und Brücken, das unbeschwerte Miteinander der Frauen und Männer. Selten vernahm man die Mahnung dessen, was man verlieren kann oder bereits verloren hatte.

Ein Wort zur Liebe in Ihrem Werk. In sensiblen Aquarellen haben Sie Mann und Frau einsam, jedoch nicht isoliert, in die Natur gezeichnet.
Ja, die Liebe durchzieht all meine Arbeit; Glück und Abschied, Berührung und Erinnerung. Ich hatte das Glück, viel Liebe zu erfahren. Die Liebe ist wohl der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.

Seit der Jahrhundertwende halten Sie sich oft in Korsika auf. Ist es ein Fluchtpunkt“
Korsika ist meine Oase, seit ich es zuerst erlebte. Seine Menschen sind wie die Landschaft, erhaben und stolz, von trauriger Schönheit. Wenn ich die Insel betrete, beginnt ein anderes Leben. Allerdings immer nur begrenzt.

Wollten Sie im 65. Lebensjahr eine stenografische Zwischenbilanz Ihrer Künstlerexistenz geben, wie sähe sie aus„
Wer weiß, ich hätte sie wiederholt, die Unabhängigkeit, wiederholt die Schritte auf dem Weg zur Einmaligkeit, wiederholt die wohl einzige Freiheit, die ein Mensch haben kann. Ich habe getan, was ich konnte und wollte. Was noch kommt“ Ich sage ja.

Mit GERHART LAMPA sprach Klaus Trende