Das war mal eine Ansage. Festival-Eröffnungen sind immer eine Herausforderung an das Sitzfleisch der Gäste im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus. Reden werden gehalten, Sponsoren müssen genannt werden, musikalische Gäste sind aufgeboten, alles wichtig, alles richtig - und dann kam bisher immer der Eröffnungsfilm.

Auch an diesem Dienstag ist das Protokoll abgearbeitet worden. Martina Münch (SPD), Brandenburgs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, begrüßte die Festivalgäste und Vertreter aus Politik, Medien und Gesellschaft. Betonte die Bedeutung des Festivals und stellte seitens Landesregierung weitere Unterstützung in Aussicht.

Die Cottbuser Bürgermeisterin Marietta Tzschoppe (SPD) hob die Specials-Reihe des 26. Filmfestivals, "Spuren suchen: deutsch-polnisch-tschechische Geschichte(n) im Wandel", hervor: "Flucht und Vertreibung sind nicht von ungefähr herausragende Themen auf diesem Festival. Sich diesen Fragen vorurteilsfrei und ungewöhnlich zu nähern, ist immens wichtig für unsere Zeit."

Bernd Schiphorst, der Vorsitzende des Festival-Kuratoriums, schloss sich "allen Freundlichkeiten an", grübelte ein wenig über den diesjährigen Länderfokus Kuba und lieferte die obligatorische Anspielung auf Energie Cottbus.

Aber halt: Dazwischen gab es schon den ersten Kurzfilm: "Komm zurück" (Ukraine). Und gleich den zweiten hinterdrein: "Family offline" (Russland). Nicht zu vergessen die knalligen musikalischen Einlagen der in Cottbus wurzelnden Punkrockband "Two Doors To 69". Und nun muss endlich auch ein Loblied auf den Moderator des Abends gesungen werden: Schauspieler und Regisseur Axel Ranisch ("Dicke Mädchen", "Ich fühl mich Disco"). Ist der Mann erfrischend, ist der unterhaltsam wie charmant! Ranisch kann sein Publikum im Stile eines Comedian amüsieren und trotzdem Festival-Programmchef Bernd Buder ernsthafte Fragen stellen.

Der Höhepunkte nicht genug, als Überraschungsgast erschien Regisseur Andreas Dresen ("Nachtgestalten", Halbe Treppe", "Wolke 9"), um eine Laudatio auf Kirsten Niehuus zu halten. Die Geschäftsführerin der Filmförderung des Medienboard Berlin-Brandenburg wurde an diesem Abend mit einer Ehren-Lubina ausgezeichnet. Dresen: "Kirsten Niehuus war eine der wenigen, die in den 90ern als Unterstützerin in diese Region kam. Ihr haben wir zu verdanken, dass diese heute eine der führenden Filmregionen ist. Sie ist dem Filmfestival Cottbus zutiefst verbunden. Eine Frau mit Stil, bodenständig und ein herzensguter Mensch." Niehuus gerührt: "Dieser Preis bedeutet mir sehr viel. Im selben Jahr mit der Lubina ausgezeichnet zu werden wie Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis, freut mich sehr. Die Lubina ist - so gesehen - für mich der Nobelpreis für Filmschaffende und ein Ansporn, die Kunstfreiheit weiterhin zu fördern." Kisten Nie huus ist die vierte Preisträgerin der Ehren-Lubina. Vor ihr erhielten diese Oscar-Preisträger István Szabó, Ehrenpräsident des Filmfestivals, Matthias Platzeck, ehemaliger Ministerpräsident des Landes Brandenburg sowie Bernd Schiphorst.

Gelungene Eröffnung, abgerundet von zwei weiteren tollen Kurzfilmen, "Omatag" (Polen) und "Mausoleum" (Estland).

Die nächsten vier Spielfilme starten heute in den Wettbewerb (alle in der Stadthalle, Wiederholungen morgen im Weltspiegel). "Das Haus der Anderen" der georgischen Regisseurin Rusudan Glurjidze ist quasi der klassische Beitrag für das Festival des osteuropäischen Films. Eine Familie siedelt sich in einem im Krieg verlassenen Dorf an. Sie richtet sich in einem Haus ein, das von den früheren Bewohnern aufgegeben wurde. Aber kann sie hier jemals heimisch werden? Georgiens Oscar-Hoffnung für 2017 ist eine nachdenkliche Studie.

Nachdenklich werden kann man auch bei dem Beitrag "Zoologie" des Russen Ivan I. Tverdovskiy, der 2014 in Cottbus mit "Correction Class" den Hauptpreis gewonnen hat. Einer Frau wächst ein Schwanz, die Ärzte sind ratlos, die Umgebung ist verstört. Und doch erlebt sie eine späte Liebe. Flott durchgedreht, sehr speziell.

Was erst recht gilt für "All the Cities of the North" in der Regie von Dane Komljen (Bosnien). Ein extrem einsilbiger Film über Männer, die in einem verlassenen Ferienappartement-Komplex aus besseren Zeiten leben. Leben sie in der Vergangenheit, haben sie eine Zukunft? Hier ist ein geduldiger Zuschauer gefordert.

Deutlich unterhaltsamer, weil als Mischung aus Thriller und Comic angelegt, ist "Kills on Wheels" von Attila Till. Rupaszov ist ein ehemaliger Feuerwehrmann, der im Rollstuhl sitzt. Ein Auftragsmörder. Aber ein Killer mit Herz, der sich um andere Behinderte kümmert, sie aber schließlich selbst braucht . . . Ungarns Kandidat für den Auslands-Oscar im kommenden Jahr.