Er sitzt schon auf gepackten Koffern, am Wochenende geht es los. Dann beginnt für David Lehmann ein zweimonatiger Aufenthalt im türkischen Istanbul. Ein Abenteuer, auf das er sich gut vorbereitet hat: mit Büchern, Google, und indem er Kontakt zu Malern in der Stadt am Bosporus aufgenommen hat. Überraschend war für ihn, wie politisch die Künstlerszene dort ist. "Die Künstler dort gehen zu Demonstrationen, kämpfen für Freiheit und Demokratie, was unter der Regierung Erdogan nicht ungefährlich ist", sagt David Lehmann. Eine Haltung, die dem jungen Maler gefällt, ist er doch selbst jemand, der gesellschaftliche Verwerfungen hinterfragt, sich auch philosophisch mit dem Zustand der Gesellschaft befasst. Vor allem aber will er in Istanbul "über Farbe nachdenken". "Ich möchte die Farben der alten Mosaiken, in der Hagia Sophia zum Beispiel, studieren und sehen, wie ich sie für meine Malerei nutzen kann." Die jüngsten Anschläge dort machen ihm keine Angst, vorsichtig will er aber schon sein.

Malerei war für den 1987 in Luckau Geborenen schon immer ein wichtiger Teil seines Lebens. "Eine frühere Mitschülerin erzählte mir neulich, ich hätte damals schon in den Pausen wie ein Autist in der Ecke gesessen und gezeichnet", so Lehmann. Noch vor dem Abi sei für ihn klar gewesen, dass aus dem Hobby ein Beruf werden sollte. Um zu malen, habe er manchmal sogar die Schule geschwänzt, gesteht er. Otto Dix vor allem hinterließ Spuren in dem jungen Mann. Und dann die Goya-Ausstellung 2005 in Berlin: "Ich war fasziniert von der Kraft der Bilder und ihrer Wirkung auf die Betrachter."

Nach dem Abitur hat er sich zwei Jahre als Autodidakt mit Malerei auseinandergesetzt. "Ich bin das ziemlich preußisch angegangen", erinnert er sich. "Fünf Tage die Woche klingelte mein Wecker um sieben Uhr. Vormittags habe ich gelesen, nachmittags gemalt." Viele Stunden hat er in den Museen Europas zugebracht, Wien, Venedig, Mailand, London, Paris, Madrid, um die Meister zu studieren. 2009 dann war er einer der glücklichen dreißig, die unter rund 1600 Bewerbern für ein Studium an der Universität der Künste in Berlin ausgewählt wurden. Noch während er 2013 an seinem Bild für die Absolventenprüfung malte, erhielt er den Nachwuchsförderpreis. Zielstrebigkeit und Fleiß, die sich zu Kreativität und Talent gesellen, machen ihn zu einem erfolgreichen jungen Künstler. Seiner Professorin Valérie Favre habe er viel zu verdanken, sagt David Lehmann. Nicht nur, weil sie sein Potenzial erkannt, sondern "den jugendlichen Spinnereien Richtung gegeben" habe. Nach dem Abschluss war er noch ein Jahr lang Meisterschüler bei der namhaften Schweizer Malerin.

Inzwischen hat David Lehmann sein eigenes Atelier in Cottbus. Wie üblich arbeitet er an mehreren Bildern gleichzeitig, damit ihm nicht langweilig wird, wie er sagt. Dabei weiß er oft am Anfang nicht, was schließlich aus den aufwendig präparierten Leinwänden hervortritt. "Ich habe schnell gemerkt, dass es mich behindert hat, wenn ich mit einer konkreten Vorstellung angefangen habe zu malen", beschreibt David Lehmann seine Arbeitsweise "Für mich ist die reine Malerei interessant." Erster Arbeitsschritt ist eine Schüttung mit Gouache (Farbe mit gröberen Pigmenten). "Wenn ich das Ergebnis dann betrachte, sehe ich, was daraus wird." Viele andere Farbbindungen von Alkydharz, Dispersion, Kupferoxidation bis Eitempera kommen dann außerdem zum Einsatz, wie bei dem Bild "Waste Land". Bevölkert ist es unter anderem von Masken, in der Mitte ein überdimensionaler Vogelkäfig mit einer Möwe darin. Weiß leuchtet sie aus dem Bild heraus - ein Wegweiser und Hoffnungsträger?

Die Zeit sitzt dem Maler wieder mal im Nacken, denn Istanbul ist nur einer der sich drängelnden Termine.

Zum Thema:
Noch während des Aufenthalts in Istanbul wird am 23. Februar eine Gemeinschaftsausstellung mit der Bildhauerin und Grafikerin Sylvia Hagen in der Vertretung des Landes Brandenburg bei der EU in Brüssel eröffnet. Im Mai zeigt er Arbeiten auf Papier im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk. An den "Kinoträumereien" - eine Reminiszenz an seine zweite große Leidenschaft, den Film - arbeitet David Lehmann noch. Bereits im April erscheint der Katalog der Ostdeutschen Sparkassenstiftung "Signifikante Signatur XVI", für den in diesem Jahr Arbeiten David Lehmanns ausgewählt wurden. mar1