Was ist das für ein Gefühl, das Große Haus wieder in Besitz zu nehmen„
Ein wunderbares. Damit geht für mich auch ein Traum in Erfüllung. Weil unser Theater dereinst aus bürgerschaftlichem Engagement gegründet wurde, hatten wir uns vorgenommen, wenn es 100 Jahre alt wird, wollten wir Politiker und die Leute in der Stadt gewinnen, etwas für seinen Erhalt zu tun. Sich für das Erbe verantwortlich zu fühlen. Das hat funktioniert. Ein Jahr vor dem 100. sind wir fertig. Dafür sind wir dankbar und darauf sind wir stolz.
Meine Vision, dem Theater eine solide Basis für die Zukunft zu schaffen, indem wir nach und nach die bauliche Situation verändern, hat sich erfüllt. Als ich 1991 nach Cottbus kam, probierten wir in ehemaligen Klassenzimmern und ausrangierten Kinos, das ging so. Heute haben wir ein Probenzentrum, das ist toll. Unsere Schneiderei ist inzwischen aus den beengten Räumen in der Wernerstraße in die Kaserne, Lausitzer Straße, umgezogen. Viel ist geschafft.

Was ist denn alles neu im alten Haus“
Das beste ist, dass man auf den ersten Blick fast nichts davon sieht. Das ist hohe Renovierungs-Kunst. Neu sind die Toiletten, das sieht man. Wir haben eine neue Bestuhlung, das merkt man. Alles ist wieder schnucklig, glänzt und strahlt. 80 Kilometer Kabel sind unter Putz verlegt worden, die sieht man nicht. Die Logen wurden mit Sesseln ausgestattet, für Besucher, die es ganz bequem wollen. Wir haben eine neue Tonanlage, die Hörgenuss auf allen Plätzen garantiert. Was die Besucher hoffentlich nie in Aktion erleben mögen, ist unsere Brandschutzanlage, die modernste in Südbrandenburg. Sie löscht mit Wasserdampf in wenigen Sekunden, ohne das Haus zu fluten. Und es gibt jetzt eine Klimaanlage. Besonders erfreulich ist, dass sich wie durch Geisterhand die Akustik verbessert hat.

Eröffnet wird heute Abend mit „Rheinnixen“ , wunderschön, aber bereits im Repertoire. Warum gibt es keine Premiere„
Das hat zwei Gründe. Bei einer Premiere sind wir an das Abo gebunden, haben aber heute Abend viele Gäste, so dass wir Platzprobleme bekämen. Außerdem waren die „Rheinnixen“ die letzte Premiere vor der Schließung des Großen Hauses. Diese Offenbach-Oper ist etwas Besonderes. Sie wird deutschlandweit zurzeit nur in Cottbus gespielt. Von der Qualität aller beteiligten Künstler her ist sie eine Aushängeschild weit über die Region hinaus und damit würdig für unsere Feierlichkeit.

Sie läuten damit die neue Spielzeit ein, die unter dem Motto „Sich finden“ steht. Was findet sich“
Wir sehen das als zentrales Thema der heutigen Zeit. Es ist schwierig, sich in der Komplexität der Welt zu positionieren. Ich denke, kompliziert war die Welt schon immer, nur durch die Medien rückt uns auch die Ferne nah. Die damit zusammenhängenden Fragen, auch Verunsicherungen verlangen es, sich immer wieder neu zu finden. Mit den vier Uraufführungen, aber auch den anderen Stücken haben wir versucht, Stoffe in den Vordergrund zu stellen, die sich mit den ewigen Fragen des modernen Menschen befassen, wie sie etwa Faust stellt. Wir werden immer älter, wollen aber jung bleiben – was macht man mit der gewonnenen Lebenszeit„ Wie fülle ich das Leben“ Auch das Arbeitsleben ist heute so wechselvoll, dass man sich immer wieder finden muss.
Am allerwichtigsten aber ist, dass das Publikum sich einfindet.

Was sind für Sie die hervorhebenswerten Stücke des Spielplans„
Das ist immer eine schwere Frage. Mir sind alle „Kinder“ lieb. Für mich als Künstler sind es natürlich die Inszenierungen, die mich selbst weiterbringen. Shakespeares „Der Sturm“ ist ein Schwerpunkt, weil es eine Mehrspartenproduktion ist. „Der Sturm“ war um 1900 eins der meistgespielten Stücke – Sie merken, das hat mit unserem 100. zu tun. Die Problematik ist sehr modern: Prosporo zieht sich nach Mallorca zurück – nicht ganz freiwillig. Doch statt dort mit dem Luftgeist Ariel die Exotik zu genießen, bohrt in ihm die Frage: Wie komme ich wieder an die Macht“ Warum kann er nicht loslassen„ Es geht ihm ja nicht schlecht. Dazu die tolle Musik von Jean Sibelius. 2007 ist ja Sibelius-Jahr, eine schöne Chance, sich mit seinem letzten Werk auseinanderzusetzen. Er hat kurz vor seinem Tod nicht irgendwas geschrieben, sondern ein großes philosophisches, dramatisches Werk.
„Faust“ ist für mich ein Höhepunkt, vor allem, weil wir Christoph Schroth als Regisseur gewinnen konnten – den Meister des „Faust“ im Osten. Ich bin sehr gespannt, wie ein weiser, abgeklärter Schroth jetzt mit dem Stoff umgeht. Ich stelle mir vor, dass Schroth-Fans, die seine legendäre „Faust“ -Inszenierung in den 70er-Jahren in Schwerin gesehen haben, auch gespannt sind: Wie macht der Schroth das jetzt“ Außerdem haben sich die Schulen den „Faust“ gewünscht. Den zweiten Teil heben wir uns für die Jubiläumsspielzeit auf, und der wird ganz außergewöhnlich. Mehr sage ich dazu jetzt nicht.

Das Ballett wartet mit mehreren Uraufführungen auf.
Am Freitag hat „Welcome, Mr. Gershwin“ Premiere, die erste der Spielzeit, wo das Ballett auch steppt. Sehr spannend. Und unser Weihnachtsmärchen wird in diesem Jahr getanzt. Mit Torsten Händler, der an Spitzenhäusern wie an der Deutschen Staatsoper Berlin oder in Chemnitz choreografiert hat, haben wir eine Koryphäe gewonnen. Die Tänzer erzählen die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau – in der es ja auch um das Sich-Finden bzw. Sich-Neu-Finden geht.

Das Musiktheater startet am nächsten Sonnabend mit dem „Freischütz“ in die neue Spielzeit. Worauf freut sich der oberste Opernregisseur des Hauses besonders„
Auf die Fortsetzung der semiszenischen Operninszenierungen mit „Troubadour“ . Wir besetzen ihn aus dem eigenen Ensemble, und wie „Die Rheinnixen“ wird er eine Herausforderung für unsere Solisten. Bei der Verquastheit des Stoffes hilft die semiszenische Fassung, eine neue Qualität zu gewinnen. Hier ist das Sich-Finden auf eine ganz andere Weise widergespiegelt. Im Schauspiel ist ein großes Projekt die „Familie Schroffenstein“ und damit die Beschäftigung mit Kleist. Im Rahmen unserer Kooperation mit dem Kleist Forum Frankfurt (Oder) findet dort die Premiere statt. Das Stück habe ich mir schon gewünscht, seit ich in den 70er-Jahren den Film von Hans Neuenfels gesehen hatte. Ich bin sehr froh, dass Bernd Mottl, der sich bei uns bisher nur als Opernregisseur vorgestellt hat, hier seiner eigentlichen Profession, Schauspielregisseur zu sein, nachgeht.

Die Theaterleute sind während der Schließung des Großen Hauses durch die ganze Stadt gezogen. Wie resümieren Sie diese Zeit der Interimsspielstätten“
Ganz positiv. Das war für uns ebenso wie für das Publikum ganz interessant. Anfangs mit Skepsis aufgenommen, kam irgendwann der Effekt, dass selbst die Theaterfreunde, die gesagt hatten, wir kommen in einem Jahr wieder, den Weg in die Interimsspielstätten gefunden haben. Die Mundpropaganda hat da gut funktioniert. Konzert im Hangar, „Ladys Night“ im Lehrgebäude 9, „Kontrabass“ mit Thomas Harms im Saal der Stadtverordneten – das Entdecken der vielen Spielorte hat dem Publikum schließlich Spaß gemacht und uns auch. Wir haben erfahren: Das Wollen kann Berge versetzen. Und es gab ja richtige Renner wie „Zar und Zimmermann“ mit einer Kogge als Bühnenbild, wo wir die Kartenwünsche kaum erfüllen konnten. Das macht Mut für die Zukunft. Wir wollen auch weiterhin mobil bleiben, vielleicht mit unserer Kogge aus „Zar und Zimmermann“ nächstes Jahr an den Cottbuser Ostsee ziehen.

Das Theater bewegt sich auf das große Jubiläum zu – wie weit sind denn die Pläne gediehen„
Sehr weit.

Vielen Dank für die erschöpfende Antwort, so viele Details wären jetzt nicht nötig gewesen. Wie wäre es, wenn Sie den Vorhang wenigstens ein bisschen lüpfen und uns schmulen lassen“
Nein, das darf ich nicht. Es wird sehr ungewöhnliche Sachen geben. Wir haben uns genau überlegt, wie wir an die 100 rangehen. Wichtig ist mir, nicht nur eine Rückschau zu halten – die passiert in Form eines Buches. Für das Andere sind die Planungen auch schon weit gediehen.

Und wie sehen die aus„
Sie sind aber auch hartnäckig. Na vielleicht so viel: Weil es ein Bürgertheater ist, wollen wir mit ganz Cottbus feiern. Wir machen uns gerade Gedanken, wie wir cirka 8000 Leuten gute Gastgeber sein können.

Ein Theaterfest für alle“
Vor allem überraschen wollen wir die Kinder von Cottbus. Ich hatte mit allen 16 Schulräten eine Besprechung und habe sie gefragt: Können Sie sich vorstellen am 1. Oktober um 10 Uhr mit Ihren Kindern auf den Schillerplatz zu kommen. Sie waren begeistert und haben Schulfrei versprochen. Die 100 Jahre begehen wir also zuerst mit den Kindern und tun damit etwas für die nächsten – na sagen – wir 50 Jahre. Ich möchte, dass die Kinder so beeindruckt sind, dass sie den Tag nicht vergessen. Aus Australien wollen wir zum Beispiel fliegende Menschen engagieren, eine Theatertruppe, die sich an Glasfiberstäben bewegt. Mehr dann später.

Jetzt sind die Kinder aber bevorteilt.
Na gut, Gerechtigkeit soll sein. Die Erwachsenen werden den Auszug der Musen aus dem Kuppelfoyer im Musentempel auf dem Schillerplatz erleben. Die BTU hat versprochen uns für die Nacht eine Lichtinstallation zu bauen, gesponsert von der Grünebaum-Stiftung. Sterne über dem Schillerplatz. Immer zur vollen Stunde wird ein Lichtspiel zu erleben sein. Ein Jahr lang soll das der Stadt erhalten bleiben, eine Sehenswürdigkeit werden.
Am liebsten würde ich die ganze Stadt einladen. Eine Geburtstagsfeier mit den Bürgern. Poesie pur soll walten. Und es soll etwas bleiben. Ich würde mir wünschen, dass das bei Jubiläen von Einrichtungen zu einer Tradition wird. So wächst ganz nebenbei die Attraktivität der Stadt.

Mit MARTIN SCHÜLER
sprach Renate Marschall