Herr Teschke, wie sind Sie mit Strittmatters Werken in Berührung gekommen?
Meine Mutter war Strittmatter-Leserin und gab mir den "Schulzenhofer Kramkalender" zu lesen. Mir gefielen viele Naturbeschreibungen in dem Buch und die Brecht-Anekdoten, aber später lag Strittmatter nicht auf meiner Wellenlänge. Ich interessierte mich mehr für Bertolt Brecht und Heiner Müller. Erst als das Cottbuser Staatstheater mich gefragt hat, ob ich eine Theaterfassung zum "Laden" schreiben würde, fing ich an, Strittmatters Romane zu lesen.

Was ist für Sie das Grundthema des "Ladens"?
Es geht um Erinnern und Verdrängen. Ich denke, Strittmatter wollte immer über etwas schreiben, über das er im Grunde nicht geschrieben hat. Sein Ich-Erzähler Esau Matt kreist ständig um ein Problem, das nicht zur Sprache kommt. Er nimmt immer wieder Anlauf, etwas zu erzählen, weicht dann aber in Anekdoten aus. Dieses beredte Schweigen ist typisch für Strittmatters Generation. Bei meinem Großonkel war das ganz ähnlich, wenn er über den Krieg gesprochen hat.

Was ist das Ungesagte?
Ich glaube, das sind Strittmatters Erlebnisse als Gebirgsjäger und Ordnungspolizist im Zweiten Weltkrieg. Als Tagebuchschreiber seiner Einheit muss er von den Kriegsverbrechen des Regiments gewusst haben. Im "Laden", der ja ein autobiografischer Roman ist, kommen seine Kriegserlebnisse aber kaum vor. Ich greife diesen Punkt im zweiten Teil auf, indem ich andere Figuren auf der Bühne immer wieder fragen lasse: Wo warst du, Esau? Aber Esau schweigt.

Sie haben aus dem dreibändigen Roman zwei Theaterabende gemacht. Wie haben Sie den Stoff verteilt?
Der erste Abend beinhaltet die Bände 1 und 2: Esau Matts Kindheit und Jugend nach dem Ersten Weltkrieg in Bossdom alias Bohsdorf und Grodk alias Spremberg. Den dritten Band mit der Zeit ab 1945 habe ich für den zweiten Abend, der erst im Herbst Premiere hat, bearbeitet. Dessen Fassung ist noch nicht fertig. Falls Annette Leos Strittmatter-Biografie, die im Juni erscheint, wichtige neue Fakten über die NS-Jahre enthält, werde ich sie berücksichtigen.

Was ist am "Laden" für unsere Gegenwart interessant?
Jeder Mensch blickt irgendwann zurück und fragt sich: Wie bin ich geworden, was ich bin? Wie ist es wirklich gewesen? Gerade viele Ostdeutsche haben seit der Wiedervereinigung den Eindruck, dass ihren Biografien die Relevanz abgesprochen wurde, weil sie im falschen System gelebt hätten. Dagegen wehren sie sich. Sie wollen die Deutungshoheit über ihr Leben zurückgewinnen. Genauso ist es bei Strittmatter. Das macht ihn für viele Leser zur Identifikationsfigur.

Wie lässt sich Strittmatters Anekdotenfülle auf der Bühne wiedergeben?
Das geht nicht. Ich konzentriere mich im ersten Teil auf die engere Familiengeschichte, im zweiten auf die "politische Biographie" Esau Matts.

Die Familie Matt versucht, sich mit ihrem Laden in den Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik zu arrangieren, so wie sich Esau später im Dritten Reich und in der DDR zu arrangieren versucht. Man kann sehen, wie das eine das andere bedingt.

Wie glaubwürdig sind Strittmatters Romane angesichts seiner verschwiegenen Kriegseinsätze?
Aus diesem Verschweigen folgt meiner Meinung nach nicht, dass alles, was Strittmatter geschrieben hat, unehrlich oder literarisch bedeutungslos ist.

Im "Laden" schildert er die Konflikte im Dorf und in seiner Familie schonungslos-realistisch. Er äußert sich auch polemisch über die sozialistische Kulturpolitik und greift Themen auf, die in der DDR Tabu waren:

Wie deutsche Frauen von Rotarmisten vergewaltigt wurden. Wie aus ehemaligen Nazis die überzeugtesten Kommunisten wurden. Wie Menschen in die Lager des NKWD oder über die Grenze verschwinden. Die ersten beiden Teile sind noch in der DDR erschienen, viele Leser rechneten ihm seine kritische Haltung hoch an.

Doch sein Alter ego hat Strittmatter von dieser schonungslosen Kritik ausgespart, was die Figur literarisch schwächer macht. In gewisser Weise ist das sogar verständlich: Strittmatter hatte sich aus einfachsten Verhältnissen zum gefeierten Schriftsteller hochgearbeitet und sicherlich große Angst, diesen Status zu verlieren.

Gerade in Spremberg wird über den Umgang mit dem Ehrenbürger wegen dessen NS- und Stasi-Vergangenheit gestritten. Wie stehen Sie zu diesem Konflikt?
Wie hätten wir uns an Strittmatters Stelle verhalten? Ich selbst möchte jedenfalls kein moralisches Urteil über ihn fällen und überlasse das auch im Theater dem Publikum.

Welche Bedeutung hat für Ihr Stück die strittmattersche Sprache?
In dieser Sprache wird eine ganze Welt konserviert. Den Lausitzer Dialekt in der Familie Matt und bei den Dorfbewohnern - das möchte ich auch gern auf der Bühne hören. Ich denke, das Regieteam und die Schauspieler vom Cottbuser Staatstheater werden dafür eine passende Spielweise finden.

Die Fragen stellte

Felix Johannes Enzian

Zum Thema:
Holger Teschke wurde 1958 in Bergen auf Rügen geboren. Er war als Regisseur und Dramaturg am Theater der Bergarbeiter Senftenberg sowie von 1987 bis 1989 und 1992 bis 1999 am Berliner Ensemble engagiert. Dort arbeitete er unter anderem mit Heiner Müller, Peter Palitzsch, Robert Wilson und Peter Zadek. Seit 2010 ist er Research Fellow an Mount Holyoke und unterrichtet Schauspieldramaturgie und Theatergeschichte an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Darüber hinaus ist Holger Teschke international als Autor, Übersetzer und Regisseur tätig und wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet.