Herr Moor, der eine oder andere konnte Sie in den vergangenen Tagen bereits in der Lausitz antreffen . . .
Das ist richtig. Wir haben mit unserem Team für die neue Staffel "Bauer sucht Kultur" gedreht. Und haben unter anderem in Doberlug-Kirchhain und Calau viele nette Leute getroffen.

Gibt es schon einen Sendetermin?
Das könnte schon Ende Juli im rbb ausgestrahlt werden - aber verhaften Sie mich nicht, falls ich irre.

Zur Sache: Sie lesen demnächst aus Ihrem jüngsten Werk in Cottbus, Guben und Doberlug-Kirchhain vor - was wird die Besucher dort erwarten?
Ich bin vor allem neugierig, was mich erwartet. Es sind die ersten Lesungen zum neuen Buch - Lesungen, die in die Schweiz der 60er-Jahre führen. Ein lustiger Dialekt ist also vorprogrammiert. Aber die Besucher können wählen: halbwegs Hochdeutsch oder Hardcore-Schweizerdeutsch.

Welchen Eindruck hatten Sie denn bei Ihren früheren Auftritten in der Lausitz vom hiesigen Publikum?
Grundsätzlich waren die Lesungen in Brandenburg immer wie Heimspiele. Ein ganz tolles Publikum. Die tolle Tradition der Kulturhäuser wird hier immer noch gepflegt. Das ist wunderbar - gerade für Lesungen!

Nach den "Geschichten aus der arschlochfreien Zone" folgen nun jene aus der "neutralen Zone" - wie würden Sie Ihr neues Buch in einem Satz beschreiben?
(Pause)

Erinnerungen an eine andere Welt . . .

. . . eine Art autobiografisch-fiktive Reise in Ihre Schweizer Kindheit?
Weniger autobiografisch, wenn auch meine Kindheitserinnerungen mit eingeflochten sind. Es ist ein fiktionaler Erinnerungsversuch an eine vollkommen andere Welt, in einem vollkommen anderen Land. Die Schweiz hat sich ja zuletzt mit Sepp Blatter und der Fifa wieder als vollkommen verblüffend herausgestellt.

Auch im Buch mangelt es nicht an Seitenhieben gegen das "munzi-winzige Land".
Das ist halt einfach ein Fakt. Die kindliche Erkenntnis, wie klein die Schweiz im Verhältnis zur Welt ist, relativiert vieles. Und es lässt sich manches daraus ableiten. Zum Beispiel, dass Bürger eines kleinen Landes ein klein wenig anders funktionieren.

So wie das Schweizerdeutsch - ist es nun eigene Sprache, Dialekt oder doch nur die beschriebene "Halskrankheit"?
(lacht) Wegen der vielen ch-Laute drängt sich bei Nicht-Schweizern natürlich der Verdacht einer Halskrankheit auf. Tatsächlich aber ist es eine eigene Sprache. An der mir außerordentlich gut gefällt, dass sie so lebendig ist. Einen Duden sucht man dort vergebens.

Im Buch taucht die Vaterfigur Geeri auf - ausgerechnet ein Versicherungsvertreter. Klingt nicht gerade nach abenteuerlicher Kindheit?
Für mich präsentiert er diese Nachkriegsgeneration außerordentlich gut. Jene, die glaubten: Wenn du nur alles richtig machst, wird's gut! Eine Figur, die auch nah an meinem Vater dran ist. Mit seiner Fürsorge und Selbstbeschränkung bot er Eigenschaften, die heute unvorstellbar geworden sind. Leider.

Eine Sache konnten Sie den Eltern dann aber doch nicht verzeihen: Ihren Vornamen. War die Umbenennung von Dieter zu Max wirklich nötig?
Ich wäre nicht gestorben, wenn ich mich nicht umbenannt hätte. Aber ich genieße es unglaublich, jetzt als Max im Studio oder auf der Bühne angesprochen zu werden. Dieter mochte ich einfach nicht.

Warum?
Geschmackssache.

Wie läuft's derzeit mit Ihrer deutschen Staatsbürgerschaft?
Es liegt leider ausschließlich an mir und nicht, wie man vermuten könnte, am deutschen Amtsschimmel. Ich komme einfach nicht dazu, den letzten Behördenschritt, der noch nötig ist, zu machen.

Apropos Wohnsitz: Warum halten Sie weiter an Ihrer Wahlheimat Brandenburg fest?
Weil ich mir gemeinsam mit meiner Frau hier ein Lebenswerk aufgebaut habe. Weil sich die ersten Eindrücke Brandenburgs nicht ins Gegenteil verkehrt haben. Und, weil ich mich einfach sehr wohlfühle hier. Unser Dorf ist für mich zur Heimat geworden. (Pause) Ein klügerer Mann als ich sagte mal: "Heimat ist da, wo man merkt, wenn du nicht da bist".

Schreiben, Moderieren, Schauspielern - wo bleibt da noch Zeit für Ihren Bio-Bauernhof in Hirschfelde (Barnim)?
Gute Frage - und mein altes Problem: Einerseits bin ich glücklich, ein so gefülltes Leben zu haben. Andererseits bin ich dadurch in den letzten Jahren zu wenig auf dem Hof. Heute Morgen habe ich noch ein frisch geborenes Kalb gesucht. Da machen jetzt gerade andere statt meiner weiter.

Wird es den Zeitpunkt geben, an dem Sie endgültig die Medienbranche für die Rinderzucht an den Nagel hängen?
Ich glaube, das Gesetz der Medien lautet vielmehr, dass man an den Nagel gehangen wird. Es kommt sicherlich der Tag, wo Verleger mir sagt: "Wir hätten da jemand Jüngeren, der auch noch …" Dann erledigt sich die Frage von selbst.

Letzte Frage, da sind Sie der Profi: Wie moderiert man ein Interview mit Max Moor möglichst galant ab?
Ich moderiere meine Interviews immer ganz banal mit dem berühmten Spiegel-Zitat ab: "Vielen Dank fürs Gespräch, war ganz toll."

Vielen Dank fürs Gespräch, Herr Moor, war ganz toll.
(lacht)

Mit Max Moor

sprach Bernhard Schulz

Max Moor: "Als Max noch Dietr war, Geschichten aus der neutralen Zone", Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2015; 288 Seiten; 9,99 Euro.

Max Moor liest am 11. Juni, 19 Uhr, im Refektorium Schloss Doberlug-Kirchhain. Am 12. Juni, 20 Uhr, gastiert er in der Fabrik Guben; am 10. Juli, 19.30 Uhr, im Staatstheater Cottbus.