Manche Leute ängstigen sich vor Ihrem Urteil. Freut Sie das„
Seit siebzehn Jahren ängstigt sich kein Mensch mehr vor meinem Urteil. Was man journalistisch bewirken kann, ist doch heutzutage gleich Null. Jeder kann sagen, was er will, und die Mächtigen in Politik und Wirtschaft machen, was sie wollen. Es sei denn, sogenannte Enthüllungsjournalisten legen Tatbestände offen, die eigentlich zum Arbeitsbereich der Staatsanwälte gehören sollten.

Ihre Schlagfertigkeit ist Legende. Gab es Situationen, in denen Sie sprachlos waren“
Im Sommer 1993 stellte ich bei einer Lesung auf Usedom mein Buch "Ossis, rettet die Bundesrepublik" vor. Ein Gast fragte mich, ob es nicht anmaßend sei, ausgerechnet Ostdeutsche die Bundesrepublik retten zu lassen. Da war ich für Bruchteile einer Sekunde sprachlos, aber dann erklärte ich ihm, ich hätte den Titel ironisch gemeint, denn bei uns glaube niemand daran, dass die Bundesrepublik zu retten sei.

Sind Ironie, Komik und Satire wirksame Waffen gegen Dummheit„
Ich fürchte, die Dummheit ist unausrottbar. Im Übrigen habe ich, abgesehen von der Kino-Eule, in der ich ja mehr transportiere als nur die Meinung über einen Film, Mitte der neunziger Jahre aufgehört, aktuell-politische Satiren zu schreiben.

Warum“
Weil die Ungeheuerlichkeiten der Realität satirisch nicht zu toppen sind.

Erwarten Sie zu Lebzeiten noch eine Revolution„
Zu meinen jedenfalls nicht mehr. Aber ich bin überzeugt davon, dass es so, wie es jetzt ist, nicht bleiben kann.

Sie werden nach wie vor viel gelesen und viel gehört, das heißt, Ihre Lesungen sind beneidenswert gut besucht. Wie kommt das“
Das liegt am starken Zusammenrottungsbedürfnis der Ossis. Oder besser gesagt: Es ist was Familiäres. Man hat dieselbe Vergangenheit, nämlich die DDR, und ziemlich übergangslos ist man in einer Gegenwart gelandet, in der man sich ein bisschen zwangsadoptiert vorkommt. Darüber kann man nur mit vertrauten Menschen reden, also mit solchen, denen man auch schon früher vertraut hat. Ich bin sehr glücklich, dass ich dazugehöre. Und dabei versuche ich immer wieder, und zwar mit wachsendem Erfolg, zwei in der DDR antrainierte Eigenschaften am Leben zu erhalten: Selbstironie und Selbstbewusstsein.

Vergessen darf man aber nicht: Kunst ist nur Begleiter der Gesellschaft, die Macht liegt woanders. Würden Sie für einen Tag mit Angela Merkel den Job tauschen wollen„
Mit der schon gar nicht.

Wann schreiben Sie Ihre Autobiographie“
Nie. Dazu muss man entweder wirklich bedeutend sein oder an Selbstüberschätzung leiden. Alles Erzählenswerte aus meinem Leben trug sich bei Begegnungen mit interessanten Zeitgenossen zu und steht in meinem Büchlein "Die tote Else lebt".

Sind Sie bescheiden„
Leider nein. Aber in aller Bescheidenheit möchte ich anmerken, dass ich seit 50 Jahren für den "Eulenspiegel" arbeite. Dieses Jubiläum hat vor mir noch keiner geschafft.

Neil Postman sagte mir einmal, die Medien betreffend, in der heutigen Zeit gebe es nur die Alternative, dass alles zum Varieté verkomme oder sich zur Diktatur entwickle. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen“
Ja, weitgehend. Die praktizierte Demokratie geriert sich oft reichlich diktatorisch. Und dass Satire immer mehr zur billigen Comedy wird, finde ich gar nicht komisch.

Ihr Werk ist betont kulturkritisch. Gibt es für Sie Grenzen der publizistischen Auseinandersetzung„
Selbstverständlich. Ich verabscheue Zynismus, denn der geht immer mit Menschenfeindlichkeit einher.

Es scheint, als verberge sich hinter Ihren forschen, zupackenden Texten eine große Sehnsucht nach Harmonie. Ist das vielleicht der Anlass Ihres Schreibens“
Der äußere Anlass fürs Schreiben war bei mir das Fehlen anderer Talente. Aber die große Sehnsucht nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, also nach Harmonie, hat mich immer angetrieben. Das ist es auch, was mich gegenwärtig so hilflos und zornig macht: die Schamlosigkeit, mit der Politiker agieren. Vielen von denen ist es ja nicht mal peinlich, im Interesse des Kapitals Menschenrecht zu beugen.

Was fällt Ihnen auf Anhieb zum Begriff "Blühende Landschaften" ein„
Wie schön es jetzt in Bitterfeld und Wolfen ist. Unzählige ehemalige Werktätige wurden buchstäblich an die frische Luft befördert.

Zum Schluss: Träumen Sie zuweilen vom Paradies“ Und wo könnte das liegen?
Ich habe immer nur Verfolgungsträume. Aber ehe ich geschnappt werde, klingelt regelmäßig der Wecker.

Mit RENATE HOLLAND-MORITZ sprach Klaus Trende