Sie wollen „im weihnachtlichen Zauber die Sinne beflügeln“ , heißt es in einer Ankündigung. Werden Sie, analog zu Ihrer Travestieshow, als Weihnachtsfrau auftreten„
Nein, ich werde auch nicht ständig Weihnachtslieder singen oder sowas. Es geht um die Nöte einer Hausfrau, um die ganzen Vorbereitungen, um das viel zu viele Essen. Und darum, dass Weihnachten immer früher beginnt - vor allem in den Geschäften.

Wie recherchieren Sie die Nöte einer Hausfrau zur Weihnachtszeit“
Oh, da gibt es ja wohl eine ganze Menge, da muss sie putzen, da muss sie kochen, da muss sie dekorieren und zwischendurch noch die Kinder versorgen, es müssen Geschenke eingepackt oder besorgt und eingekauft werden. Das Thema ist ja unendlich weit. Es gibt ja viele vermeintliche Freuden zu Weihnachten, die man auf die Schippe nehmen kann. Oder auch die Fresserei, dass man wieder abnehmen müsste. Am Schluss wird das Ganze dann auch damit enden, dass ich den Leuten noch ein gutes neues Jahr wünsche. Es gibt ja auch noch ein Silvester danach.

Stichwort Silvester: Welche Hoffnungen setzen Sie in das Jahr 2007„
Im Moment wünsche ich mir, dass diese Show ein Erfolg wird - und daran arbeite ich.

Was verbinden Sie mit Weihnachten“ Wie werden Sie die Festtage verbringen„
Ich werde viele Freunde einladen, dann wird zusammen gegessen und getrunken. Bei uns gilt die Regel: Jeder muss die Reste dessen, was er mitgebracht hat, auch wieder mit nach Hause nehmen.

Heute werden Sie allerorten als Travestiekünstler gefeiert, doch zu Beginn Ihrer Karriere in der Bundesrepublik der 70er-Jahre mussten Sie gegen Widerstände ankämpfen.
Das stimmt, in den Siebzigern hielten sich noch viele Vorurteile aus der Nazizeit, in der es hieß, das ist „entartete Kunst“ . Es ist heute nichts Besonderes mehr, wenn ein Mann ein Frauenkleid anzieht. Damit können Sie heute auch niemanden mehr sexuell reizen. Das ist auch ganz klar, denn sonst hätte ich mich nicht so lange halten können.

Ihr Repertoire umfasst Schauspiel, Kabarett und Gesang. Dennoch werden Sie vor allem als Travestiestar gefeiert. Nervt Sie diese eindimensionale Würdigung“
Nein, warum soll mich das nerven, das war für mich der größte Geniestreich meines Lebens. Die Leute gehen zu „Mary“ , also zu einer Person, die es in Wirklicheit gar nicht gibt. Ich habe damit Erfolg gehabt und den Menschen gefällt das, was ich da mache. Warum soll mich das nerven„ Ganz im Gegenteil. Das Einzige, was in Deutschland nervt, ist, wenn sich Kritiker darüber wundern, dass die „Mary“ in dem Theaterstück „Draußen vor der Tür“ als Beckmann auftritt. Hinterher müssen sie sich revidieren und merken, dass das, was ich als „Mary“ mache, eben Schauspielerei ist. Das hat sich positiv verändert.

Seit 30 Jahren machen Sie in Travestie. Werden Ihre Fans „Mary“ irgendwann als Oma sehen“
Ich habe nie gesagt, wann ich anfange und werde nie sagen, wann ich aufhöre. Es wird eines Tages heißen: Von dem haben wir schon lange nichts mehr gehört, der tritt gar nicht mehr auf. Aber das werde ich nie an die große Glocke hängen, ich werde nie sagen, das ist meine letzte Show. Wenn ich es wüsste, würde ich es nicht verraten. Wenn einer gerade ein neues Programm macht, wird er wohl kaum in den nächsten Tagen aufhören.

In einer Tour-Ankündigung heißt es, sie treten ausschließlich in Ostdeutschland auf, um Ihren dortigen Fans zu danken. Wie kam es zu dieser Idee„
Dazu kann ich nichts sagen, das ist von der Konzertagentur. Aber das ist für mich natürlich sehr schön, dass ich da im Ostteil auftreten kann in dieser Show. Und das freut mich ganz besonders, weil ich schon im Osten aufgetreten bin, als die Mauer noch stand und ich da natürlich sehr viele Fans habe. Ich habe tolle Erlebnisse gehabt in der DDR.

Was war die schönste Episode in der DDR“
Das war, wenn ich mich zum Beispiel gegen das Regime gewandt habe innerhalb einer Conférence und sich die Leute dann schützend vor mich gestellt haben, indem sie mir einen regen Applaus gegeben haben - obwohl sie genau wussten, dass die Stasi drinnen war. Niemand hat sich getraut, mich von der Bühne zu holen. Da hat man doch diese Kraft gespürt, die in diesen Menschen steckt und diese Sehnsucht nach Freiheit.

Welche Bühnenerlebnisse verbinden Sie mit Cottbus„
Nichts Spezielles, sondern das, was ich eben gesagt habe. Aber das verbinde ich auch mit anderen Städten in der DDR, zum Beispiel Suhl. Die Liebe, die mir damals entgegengesprungen ist, das ist heute noch so tief in mir drin, das spüre ich heute noch.

Für Ihr Engagement gegen Rechtsradikalismus wurden Sie mit dem Beauty Award ausgezeichnet, kürzlich wurde der antisemitischen Progrome am 9. November 1938 gedacht. Werden Sie diese Themen in Cottbus aufgreifen“
Auch, natürlich, auch. In meinem Programm bekämpfe ich schon seit 1984 den Rechtsradikalismus. Auch meine Interpretation von Cabarét war in dieser Hinsicht total gegen den Rechtsradikalismus angelegt. Die Judenverfolgung ist für mich einer der furchtbarsten Teile in der Geschichte. Auf der anderen Seite steht der 9. November auch dafür, dass die Mauer gefallen ist.

Es heißt, Sie neigen einerseits zu „überdrehter Komik“ und andererseits zu „bodenloser Tragik“ . Lieben Sie die Extreme„
Ich liebe das Leben und Leben ist so. Sie sind auf einer Party, sind lustig und freundlich und dann bekommen Sie einen Anruf mit der traurigen Mitteilung, dass jemand gestorben ist. Das Leben ist so und für mich ist Show Leben und ich will auch als Künstler auf der Bühne leben - mit allen Facetten, die das Dasein bietet. Sicherlich ist das nicht jedem gegeben.

Welches Publikum haben Sie mit ihren „Mary“ -Shows im Blick“ Oder setzen Sie auf die breite Masse„

Ich habe Menschen im Blick. Zu mir kommen Leute von acht bis 80 oder noch älter: Intellektuelle, Hartz-IV-Empfänger, Punks. Da sitzt der Punk neben dem Bankdirektor. Muss man in Deutschland immer eine Klientel haben“ Was ist denn so negativ daran, die breite Masse anzusprechen? Das machen die Rolling Stones doch auch, aber denen wird der Vorwurf nicht gemacht. Wenn in Deutschland jemand erfolgreich ist, hat das gleich immer diesen Neidaspekt: Man hat Angst, der Mensch verdient zu viel.

Mit GEORG PREUßE
sprach Nils Michaelis