Frau Stünkel, um welches Thema werden Ihre Gedanken kreisen?
Ich freue mich sehr auf diese Begegnung. Wir sind ein Schriftsteller, ein Galerist und eine Künstlerin und werden über Schaffensprozesse in der Literatur und in der Kunst sprechen. Um das Unterwegssein. Die inneren Wege, die man in einem Schaffensprozess geht, aber auch das tatsächliche Reisen. Sebastian Orlac wird den Abend durch eine Lesung ergänzen, und von mir wird ein großformatiges Fotowerk aus der im Spreewald entstandenen Serie zu sehen sein.

Visueller Ausgangspunkt Ihrer Fotografien sind Spiegelungen. Warum haben Sie Spiegelungen zum zentralen Gegenstand ihrer fotografischen Arbeiten gemacht?
Wir leben auf dieser Welt in Koexistenz. Mich fasziniert dieses zeitlose und gleichsam hochaktuelle Thema sehr. Spiegelungen symbolisieren Koexistenz für mich. In natürlichen Spiegelungen auf Glas überlagern sich mehrere Ebenen. Menschen, Natur, Architektur berühren sich. Ich suche weltweit nach besonders faszinierenden Spiegelungen, die nicht nur visuell mehrschichtig sind, sondern auch in ihrer inhaltlichen Lesbarkeit. Ich zeige in Ausstellungen die Fotoarbeiten bewusst hinter Glas, so kann auch der Betrachter sich wieder darin spiegeln und wird zu einem Teil des Ganzen.

Sie haben im Spreewald fotografiert. Diese Fotografien sind im Magazin "Kahnpost" zu sehen. Welche besonderen Spiegelungen haben Sie in dieser Landschaft entdeckt?
Normalerweise fotografiere ich für meine Serie "Coexist" ausschließlich in Metropolen. In den vergangenen Jahren habe ich dazu Asien, Afrika und Europa bereist. Im Spreewald habe ich das erste Mal in einem stark durch die Natur geprägten Umfeld Spiegelungen fotografiert. Ich kenne den Spreewald seit Jahren auf Grund meiner Tätigkeit als Kuratorin des Spreewälder Literatur Stipendiums. Ich entdeckte im Hotel "Zur Bleiche" faszinierende Spiegelungen, in der die Natur scheinbar in die Menschen und die Architektur hineinzufließen scheint. Das Überwältigende und Starke der Natur, die Elemente, darin der Mensch. Der Spreewald hat viel Mystik, Historie, Poesie und dadurch Mehrdimensionalität. Das habe ich auch in den Spiegelungen gefunden.

Haben Sie sich selbst schon mal im Schaufenster bei der Arbeit fotografiert?
Nein, das vermeide ich ganz bewusst. Ich möchte in meinen Fotografien vom Menschsein und der Vielfalt dessen erzählen. Ich möchte nicht mich zum Mittelpunkt der Bilder machen, sondern betrachte mich als die Beobachtende, die Unsichtbare. Man spürt natürlich dennoch immer auch die innere Haltung eines Fotografen im Bild, auch wenn man ihn nicht sieht.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach ein herausragendes Foto aus?
Leica hat einmal einen sehr schönen Satz kreiert: "Wer sehen kann, kann auch fotografieren. Sehen lernen kann allerdings lange dauern." Einem guten Foto sieht man das Beobachten, das bewusste Wahrnehmen, die Komposition an, und dadurch entsteht die Kraft, die Aussage und die Faszination eines Bildes.

Spielt bei Ihren Arbeiten der Zufall eine Rolle oder ist alles geplant?
Es ist nichts geplant, ich fotografiere nicht inszeniert. Niemand bemerkt mich. Doch wähle ich natürlich sehr bewusst Bildinhalt und Bildkomposition.

Wie würden Sie Ihren fotografischen Stil beschreiben?
Ich zähle zu der Gattung der Street Art Photography - ich bewege mich auf der Straße und fotografiere reale Schauplätze und Menschen. Meine Fotografien belasse ich so, wie sie sind. Keine Retusche, kein Photoshop. Meine Fotoarbeiten sehen oftmals so aus, als wären sie am Computer entstanden. Doch das sind sie nicht. Man muss nicht alles am Computer erzeugen. Für mich trägt die Realität alles in sich - Abstraktion, Poesie und Faszination. Man muss genau hinsehen.

Mit Franziska Stünkel

sprach Thomas Seifert