Was ist für Sie Anlass zum Malen?
Es war für mich immer eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit - wie für einen Schriftsteller das Schreiben. Eine Form, Erlebnisse, Gefühle, Gedanken, und Eindrücke kreativ zu verarbeiten. Das Rüstzeug dafür habe ich an der Kunsthochschule Berlin Weißensee erworben, wo ich 1986 mein Diplom gemacht habe. Das war eine Zeit, in der in Westberlin die Jungen Wilden ganz aktiv waren und auch in der DDR entwickelte sich so ein neuer Expressionismus, mit dem ich ganz gut meine Gefühlswelt im Bild darstellen konnte.

Ende der 80er kam die Wende, hatte sie Einfluss auf Ihre Arbeit?
Die war natürlich auch für mich ein Umbruch. So viele neue Eindrücke, auch von Reisen, waren zu verarbeiten Für mich ist ja überhaupt das Arbeiten im Atelier immer wieder ein Infragestellen, ein Suchen, was habe ich noch nicht probiert, was interessiert mich. Ich versuche die Routine, die sich vielleicht inzwischen eingeschlichen hat, aufzubrechen. Die Malerei ist ein Abenteuer.

Wenn Sie ein Thema haben, ist das Bild im Kopf dann auch sofort da, oder entwickeln Sie es an der Leinwand?
Das entsteht so nach und nach. Wir sind ja umgeben von so vielen Eindrücken - Musik, Zeitungen, Werbung, Filme. Ich suche mir dann die Anregung, die für mich wichtig erscheint und die visuell ein Erlebnis bringt. In der Cottbuser Ausstellung ist zum Beispiel so ein Dialog mit Karl Hofer, also der klassischen Moderne zu sehen. Ich habe mir sein Bild "Mädchen mit Schallplatte" ausgesucht, auch weil die Schallplatte so ein Repräsentant des 20. Jahrhunderts ist. Außerdem habe ich einen Nachbarn, der war DJ. Der hat mit mal 'ne Kiste Platten geschenkt und wollt für seine Bar ein großes Deckenbild von mir haben - gestaltet mit seiner Plattensammlung.

Man hat auf Ihren Bildern generell den Eindruck, dass Sie sich viel mit Musik beschäftigen.
Schon fast suchthaft. Ich finde auch die Cover toll. Gerade in der Klubszene ist ihre Gestaltung oft ganz minimalistisch - einfache Symbole oder nur pink. Für meine Collagen verdanke ich ihnen wichtige Anregungen. Auf der Leinwand entstehen dadurch Farbklänge, die ich so nicht malen würde. Ich bin herausgefordert, zu reagieren.

Was reizt Sie am Verknüpfen verschiedener Kunstrichtungen?
Ich finde, das gehört zum Menschen. Jeder von uns selektiert doch unter den unzähligen Einflüssen, denen wir jeden Tag ausgesetzt sind. Meine Bilder sind meine Selektion. Dabei habe ich dann auch noch die bildende Kunst seit dem 16. Jahrhundert im Kopf, sehe, wie sich Komposition und Gestaltungswille bis heute als roter Faden durchziehen. Ich versuche in diesem Material, das wie ein Farbberg ist, mein Bild zu finden.

Sie galten als einer der jungen Wilden in der DDR.
Die Kunsthochschule Berlin war ja stilistische nicht so geprägt wie Leipzig mit Tübke oder Mattheuer. Berlin war immer sehr frei. Und ich hatte ein Schlüsselerlebnis: Beim Aufräumen eines Kellers habe ich Emaille-Werbeschilder aus den 20er-Jahren gefunden. In dem Augenblick wusste ich, solche reinen Farben wollte ich auch verwenden. Diese Strahlkraft zu erreichen war aber ein Problem, solche Farben gab es in der DDR nicht. Ich habe dann direkt auf der Leinwand mehrere übereinandergelegt. Diese Kräftigen Farben bringen für mich dieses Großstadtempfinden, eine Stimmung rüber. Ich habe dann auch die Musik im Ohr - Tom Waits . . .

Mit Klaus Killisch sprach

Renate Marschall