Herr Seligmann, was gefällt Ihnen an Deutschland besonders gut?

Zum einen die Sprache. Deutsch ist meine Elternsprache, auch wenn ich in Israel geboren bin. Ich habe immer in Deutsch gedacht. Diese Sprache ist mir vertraut, sie ist meine Heimat. Zum anderen gefällt mir besonders gut die deutsche Ernsthaftigkeit. Was man hier sagt und tut, ist ernsthaft und verlässlich, ob man nun ein Essen bestellt, ein Buch schreibt oder einen Tisch baut. Man setzt sich in Deutschland mit Menschen und mit Problemen grundsätzlich auseinander.

Was gefällt Ihnen gar nicht?

Die Kehrseite der Ernsthaftigkeit. Man versucht in Deutschland bisweilen, ein Problem mit aller Macht und Kraft zu lösen, und vergisst über die Aufgabe den Menschen. Es gilt das Wort Immanuel Kants: "Der Mensch lebt nicht, um glücklich zu sein, sondern um seine Pflicht zu erfüllen."

Vielleicht macht dieser Hang, Vorhaben 100- oder gar 1000-prozentig umzusetzen, die Deutschen besonders anfällig für radikale Ideologien.

Ja. Das sieht man, wenn man den deutschen Nationalsozialismus und den italienischen Faschismus gegenüberstellt. Die faschistische Herrschaft in Italien verlief bis zum Abessinienkrieg vergleichsweise harmlos. Der teutonische Nationalsozialismus setzte seine Ziele von Anfang an viel radikaler um: "bis zur bitteren Neige", ohne Abstriche.

Sie haben über das Verhältnis von Juden und Deutschen Romane und Sachbücher geschrieben - warum auch diese Autobiografie?

Das war ein Wunsch des Verlages, den ich zunächst abgelehnt habe, weil mein Leben nicht in geraden, leicht erzählbaren Bahnen verlaufen ist. Nach gründlichem Nachdenken kam ich zu dem Schluss, dass das Verfassen einer Autobiografie dennoch nützlich sein kann, für mich als Bilanz, um in Zukunft aus meinen Fehlern zu lernen, und für die Leser als Beispiel, wie man seinen Lebensweg gehen kann, auch wenn man oft nicht weiter weiß - mit Vertrauen in Gott und in die Mitmenschen.

Sie haben zunächst die Schule abgebrochen und sind später über die Umwege Wissenschaft, Politik und Journalismus zum Schriftsteller geworden. In der Liebe haben Sie immer wieder mit Entscheidungen zwischen Frauen gehadert. Wieso haben Sie Ihr Leben oft umgeworfen?

Ich wusste weder mit sechs Jahren, noch mit 16 oder 26, wie ich mein Leben gestalten möchte. Doch als ich zur Schriftstellerei und zu meiner heutigen Frau gefunden habe, erkannte ich sofort, dass diese Entscheidungen richtig sind und ich bin bis heute bei ihnen geblieben. Ich habe also nicht das Wechseln zum Prinzip gemacht. Man muss nur bereit sein, neue Wege zu gehen, wenn man merkt, dass eine Situation unpassend oder unerträglich ist.

Was ist an Ihrer Biografie typisch für das Leben von Juden in Deutschland?

Ein typisches Verhalten von Minderheiten, von Schwächeren gegenüber Stärkeren, ist das Wegducken. Dem habe ich mich nie unterworfen. Ich habe mir Diskriminierung auf Dauer nie gefallen lassen. Was mir noch wichtiger ist: Ich habe das Judentum nie negativ als Gemeinschaft von Opfern angesehen. Ich finde das Judentum hat eine ungemein positive Kreativität und Vitalität: Nicht umsonst hat es zwei Weltreligionen hervorgebracht, das Christentum und den Islam. Diese selbstbewusste Haltung ist leider nicht typisch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland.

Was wissen Sie über das Leben der wenigen Juden in der DDR?

Es war eine sehr kleine Minderheit, um die 1000 Juden am Ende der DDR. Es bestand eine offizielle Gemeinde, die sich mit dem Regime arrangiert hatte, auch einige Intellektuelle. Viele dieser Juden waren bereits recht alt. Eine Zukunft hatte diese sterbende Gemeinde nicht. Zu einigen dieser Menschen hatte ich vor und nach der Wiedervereinigung Kontakt.

Hat das kritische Verhältnis der DDR zu Israel die Lage der Juden in Ostdeutschland beeinflusst?

Problematischer war wohl, dass dieser Staat nicht bereit war, Verantwortung für die nationalsozialistische Vergangenheit zu übernehmen. Wenn ein Volk sich seiner Vergangenheit nicht stellt, führt das zu Konflikten, ein Beispiel ist der türkische Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, der das Verhältnis der beiden Nationen bis heute belastet.

Welche Publikumsresonanz haben Sie bei Lesungen in Ostdeutschland erlebt?

Das Publikum im Osten ist meist viel direkter am Autor und an seinem Werk interessiert als in Westdeutschland. Deswegen bin ich gespannt auf die Lesung in Cottbus.

Wie weit ist das Leben als Deutscher jüdischen Glaubens noch von Normalität entfernt?

Ich messe das nicht täglich, aber ich wünsche mir, dass zwischen Juden und Nichtjuden nicht prinzipiell unterschieden wird. Es gibt Deutsche, einige sind Juden, andere sind Christen, Mohammedaner oder Atheisten. Außerdem wünsche ich mir, dass nicht immer das Opfer-Sein in die Juden hineinprojiziert wird. So lange kann es keine Normalität geben. Sie lässt sich nur Schritt für Schritt erreichen, durch miteinander reden und miteinander streiten. Zur Normalität gehört für mich auch Verantwortungsbewusstsein aufgrund der Vergangenheit, deswegen finde ich es honorig, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt hat, dass die Sicherheit Israels nicht verhandelbar ist. Auch wenn dies keine praktische Konsequenzen hat.

Mir Rafael Seligmann sprach

Felix Johannes Enzian

Rafael Seligmann wurde 1947 in Tel Aviv geboren und lebt seit 1957 in Deutschland. Er liest am Dienstag um 19.30 Uhr in der Stadt- und Regionalbibliothek Cottbus. Eintritt acht Euro, ermäßigt sechs Euro. Kartenreservierung unter 03 55/3 80 60-24 oder www.bibliothek-cottbus.de