"Ich spiele die Maude nicht wie 80, sondern wie 54, wie ich bin", stellt Heidrun Bartholomäus gleich zu Beginn des Gespräches klar. "Sie ist eine Frau, die ständig unter Strom steht, viel Energie hat, die beständig Herausforderungen sucht, rebelliert, aufmüpfig ist, ohne böse zu sein, die den ganzen Tag rotiert - um zu erreichen, was ihr wichtig ist. Was sie macht, macht sie ganz", charakterisiert Heidrun Bartholomäus ihre Figur und sich selbst. Ganz oder gar nicht. Immerhin hat die Schauspielerin gerade ihr ganzes Leben umgekrempelt. Und das war nicht eben langweilig. Für ihre Filmrolle in "Komm näher" erhielt sie 2006 beim Kopenhagener Filmfestival den "Goldenen Schwan". Immer mal wieder war sie auch als Sängerin mit der Big Band "Prokopätz" unterwegs. Sie arbeitete als Synchronsprecherin - war unter anderem die Stimme von Frances McDormand zum Beispiel in "Burn after Reading". In zwei Filmen hat sie auch Jodie Foster gesprochen. Filme mit "speziellen Anforderungen" waren das, wie sie sagt. "Sie haben mich besonders gerne genommen, wenn Verrückte zu sprechen waren."

Aber Heidrun Bartholomäus hat auch Synchron-Regie geführt, die Sprecher also durch die Spannungsbögen des Films geführt, und dafür zum Teil selbst die Bücher geschrieben. Dabei hat sie das Theaterspielen nie aufgegeben, wenigstens in einem Stück pro Jahr auf der Bühne gestanden. So auch am Staatstheater in Cottbus, wo sie 2008 die Gisela in "Blütenträume" spielte und 2010 den Lear. Zuvor war sie auch die Mrs. Peachum in der "Dreigroschenoper".

Nun hat Schauspieldirektor Mario Holetzeck, für den sie, wie sie sagt, durchs Feuer gehen würde, gefragt, ob sie fest nach Cottbus kommen würde. Nach kurzer Überlegung - schließlich arbeitet sie seit 1988 freiberuflich - hat sie Ja gesagt. "In einem Ensemble muss man anders arbeiten", weiß sie. "Ich war schon immer sehr fleißig, aber im Ensemble geht es um die Zusammenarbeit, man weiß, dass man aufeinander angewiesen ist. Egotrip ist nicht." Außerdem sei es schön, die Kollegen fast täglich zu treffen, ein Schwätzchen halten zu können, sich aufgehoben zu fühlen wie in einer Familie.

Mit sieben schon alles klar

Ihre eigene Familie war im Übrigen nicht angetan von dem Gedanken, dass das Kind Schauspielerin werden wollte. "Ich wusste schon mit sieben, was ich will", sagt Heidrun Bartholomäus. Ihr Vater war Sänger am Theater in Chemnitz, wo sie geboren ist. Die Mutter Sekretärin der Verwaltungsdirektorin. "Damit ich das Chemnitzer Sächsisch nicht so verinnerliche, hat mich meine Mutter Theater spielen lassen", erinnert sich die Schauspielerin. "Ich habe beim Bühnenbildner gesessen und die tollen Modelle bewundert. Ich war so viel im Theater, dass meine Eltern es mir irgendwann verboten haben." Geholfen hat es nicht. Und eigentlich liebten die Eltern ja das Theater. "Als meine Mutter mich als Lear gesehen hat, war sie fix und alle", erzählt Heidrun Bartholomäus, die schon einmal, von 1983 bis 1988, in Cottbus engagiert war. "Damals habe ich die Iphigenie bei der Wiedereröffnung des Theaters nach der Rekonstruktion gespielt", erinnert sie sich.

Mit Blick aufs Theater

Zurück also in Cottbus. Von ihrer Wohnung unterm Dach - Treppensteigen ist angesagt - kann sie das Theater sehen. Sie liebt Cappuccino, ihre alte Katze und Rollen, die was hergeben. "Die Glatten kann ich nicht", sagt sie, "aber eine wie Maude ist spannend." Eine Frau, die ein Leben hinter sich hat, aber doch noch immer etwas vor sich. Zum Beispiel diesen in sich versunkenen Harold zu erwecken, den Maude ausgerechnet bei einer Beerdigung kennenlernt. Beerdigungen - auch wenn sie die Menschen nicht kannten - sind eine gemeinsame Leidenschaft der beiden. "Dieser junge Mann reizt sie in seiner zugeknöpften Art. Maude möchte ihn aufknacken, damit er zu sich findet. Harolds Mutter geht nicht auf ihn ein. Sieht nicht ihren Sohn, sondern ihr Bild von ihm", erklärt Heidrun Bartholomäus, was Harold zu der viel älteren Frau hinzieht. Liebe? "Es ist eine sehr spezielle Liebesbeziehung. Maude öffnet dem Jungen die Sinne, macht ihn, der immer wieder mit Selbstmorden spielt, neugierig auf das Leben, das für sie selbst in Kürze zu Ende sein wird - an ihrem 80. Geburtstag." Selbstbestimmt, wie Maude gelebt hat, will sie sterben. Sie will nicht ins Altersheim. "75 ist zu früh", meint sie. "85 bloßes Zeittotschlagen".

Ihr Leben selbst gestalten zu können, ist auch für Heidrun Bartholomäus wichtig. Wenn Theater, dann Theater, wenn Musik, dann Musik, wenn Film, dann Film. Dabei "immer mit den Füßen am Boden bleiben", ist ihr Credo. "Schweben kann ich auf der Bühne."

Zum Thema:

"Harold und Maude" - das StückDer 18 Jahre alte Spross einer wohlhabenden, alleinerziehenden Mutter verbringt seine Freizeit auf Schrottplätzen, bei Beerdigungen oder tüftelt Selbstmordszenarien aus, um die Aufmerksamkeit seiner Mutter zu provozieren. Da lernt Harold die 79-jährige, lebenslustige Maude kennen. Durch die unkonventionelle alte Dame lernt er, wie einzigartig und liebenswert das Leben sein kann. Harold ahnt jedoch nicht, dass Maude längst beschlossen hat, an ihrem unmittelbar bevorstehenden 80. Geburtstag selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden.