Tilmann Rönnebeck sitzt an diesem Nachmittag wie auf Kohlen, immer wieder geht der Blick zum Handy - er wird in diesen Tagen zum zweiten Mal Vater. Seine Frau ist in Dresden und hier füllen die Endproben für die wohl anspruchsvollste Verdi-Oper den Tag. Am liebsten wäre er an zwei Orten gleichzeitig. Dabei ist bei den Proben volle Konzentration gefordert - seine gute Vorbereitung kommt ihm jetzt zugute. Um "die richtigen Nuancen in der Stimme zu finden", hat er mithilfe seines Schwiegervaters Walter Böhnisch, der lange Zeit Kapellmeister, später Studienleiter am Cottbuser Theater war, schon vor einem Jahr begonnen, sich mit dieser Partie zu beschäftigen.

Zerrissene Persönlichkeit

Die steten Wechsel von sehr hohen und sehr tiefen, von kraftvollen und ganz intimen Passagen stellen gesanglich hohe Anforderungen. Und dann ist ja noch diese zerrissene Persönlichkeit, die er so gut wie möglich darstellen möchte. "König Philipp ist eigentlich eine tragische Figur. Er agiert als absoluter Herrscher in einem erstarrten System, hat sich im tiefsten Inneren aber so etwas wie Menschlichkeit bewahrt, sehnt sich nach Liebe. Die Geschichte ist herzzerreißend, und Verdi hat dazu eine Musik geschrieben, die die Seele berührt", schwärmt der in Magdeburg geborene Sänger.

Eine große Oper, die es musikalisch wie inhaltlich in sich hat. In Friedrich Schillers gleichnamigem Drama geht es um Liebe, Eifersucht, Macht und den Widerstreit unterschiedlicher Interessen an der Schwelle einer neuen Zeit, der die handelnden Personen ihrer persönlichen Träume beraubt und sie letztlich ins Unglück stürzt. Eigentlich genügend Stoff für zwei Opern. "Ich glaube, Verdi selbst hat sieben verschiedene Fassungen geschrieben", sagt Tilmann Rönnebeck. Intendant Martin Schüler bringt eine Version mit vier Akten und einem Vorspiel auf der Grundlage der Pariser Uraufführung auf die Bühne. Gesungen wird in italienischer Sprache. Großartige Arien wie "Sie hat mich nie geliebt" oder das Duett zwischen Philipp und dem Großinquisitor. Tilmann Rönnebeck spricht voller Begeisterung darüber.

"In ,Don Carlos' ist alles auf der Bühne, was in Cottbus singen kann", sagt der Bassist, der inzwischen zum Ensemble der Semperoper Dresden gehört und gerne für dieses Gastspiel zurückgekehrt ist. "Es ist, als wäre ich gar nicht weg gewesen, das Ensemble hat mich gleich wieder aufgenommen", freut er sich und lobt das leider immer seltener werdende Ensembletheater. "Hier in Cottbus stehen Freunde auf der Bühne, jeder weiß, was der andere kann, vertraut ihm", sagt der Sänger, der seinen Beruf - jedenfalls das klassische Fach - seinem Vater zu verdanken hat. "Mein Vater ist Arzt, aber begeisterter Hobby-Pianist", erzählt Rönnebeck. Weil Schubert-Lieder eben gesungen gehören, hat er den Sohn gebeten, sie einzustudieren. Dem Vater zuliebe hat der das auch gemacht, obwohl ihm der Sinn damals eher nach Pop stand.

In einer Pop-Band

Er spielte in einer Band, schrieb selbst Texte - auf Englisch. "Ich fand, nur das ist kreativ, und ein bisschen trauere ich dem auch nach", gesteht er. Aber auch an der klassischen Musik hatte Tilmann Rönnebeck nach und nach Gefallen gefunden, und so studierte er an der Musikhochschule "Hanns Eisler" in Berlin neben Komposition auch Gesang bei Kammersänger Reiner Goldberg. Noch während des Studiums wurde er vom Theater am Kurfürstendamm für die Rolle des Robert Biberti im Musical "Die Comedian Harmonists" gecastet. "Wir sind damit durch die ganze Welt gereist", erinnert er sich. "550 Vorstellungen habe ich gesungen."

Dann kam, vermittelt durch die Hochschule, ein Vorsingen in Cottbus und sein erstes Engagement mit vielen wichtigen Rollen: Fasolt in "Rheingold", Sarastro in "Die Zauberflöte", Pater Guardiano in "Die Macht des Schicksals" und die Auszeichnung mit dem Max-Grünebaum-Preis als bester Sänger. Es folgten zwei Jahre an der Komischen Oper Berlin, und schließlich landete Rönnebeck 2010 am Ziel seiner Wünsche - der Semperoper Dresden. "Davon habe ich schon als Student geträumt, und es ist für mich immer noch eine große Freude, dort singen zu dürfen," gesteht der Sänger. Aber wie das mit erfüllten Wünschen eben ist, aus ihnen sprießen neue. Gerade laufen Gespräche mit den Salzburger Festspielen.

Unser Gespräch ist zu Ende, das Telefon hat nicht geklingelt. Tilmann Rönnebeck springt auf, irgendwie glücklich, seine Aufregung - die Premiereneuphorie, die Freude über das erwartete neue Familienmitglied - in Bewegung umsetzen zu können. Toi, toi, toi.

P.S. Am Mittwoch - also zwischen der Hauptprobe und der Generalprobe für "Don Carlos" - wurde Johanna Aurelia Rönnebeck geboren. Glückwunsch!

Für die Premiere gibt es Restkarten im Besucherservice und an der Abendkasse; für die Vorstellung am 26. April, 19.30 Uhr, sind Karten erhältlich, Ticket-Telefon 0355/ 78242424 oder online unter www.staatstheater-cottbus.de

Zum Thema:
Don Carlos, Infant von Spanien, soll, um Frieden zwischen ihren Ländern zu stiften, die französische Prinzessin Elisabeth von Valois heiraten. Schon als er sie zum ersten Mal - ganz inoffiziell - sieht, verliebt er sich in sie. Doch dann erhebt plötzlich König Philipp Anspruch auf sie. Carlos aber will sie nicht als Stiefmutter akzeptieren, während sich Elisabeth in ihr Schicksal ergibt. Und dann ist da noch die heilige Inquisition, der alle, auch der König selbst, ausgeliefert sind. So kommt zu den persönlichen Konflikten zwischen Staat und Kirche sowie dem aufkommenden Protestantismus. Die Flandern rebellieren gegen den verordneten spanischen Katholizismus. Carlos' Freund Rodrigue, Marquis von Posa, ist Teil der Verschwörung und fordert Carlos auf, an seiner Seite zu kämpfen. Dem König gegenüber fordert Posa Gedankenfreiheit - mutig, da Schiller selbst verfolgt war, als er am "Don Karlos" zu schreiben begann.