Wolf Biermann nennt Sie im Buch sein Herzenskind. Viele Lausitzer können das nicht so recht deuten. Es ist also an der Zeit, das Verwandtschaftsverhältnis zu klären.
Im juristischen Sinne ist es keines, aber es ist eben ein Herzensverhältnis. Wie Biermann gern sagt: Ich bin ihm im Alter von drei Monaten geboren worden. Meine Mutter Brigitt Soubeyrand siedelte mit mir als Baby 1958 aus Frankreich in die DDR über, weil sie Freunde am Berliner Ensemble (BE) hatte. Und sie traf dort einen jungen Regieassistenten. Das war Wolf Biermann. Sie wurden ein Liebespaar, aber auch ein Theaterkunstpaar. 1961 gründeten sie zusammen das Berliner Arbeiter- und Studententheater (b.a.t), das heute noch als Studiotheater der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" bekannt ist. Und so kam ich eben auch ich in die Hände von Wolf Biermann. Er half mir auf die wackligen Beine, sehe ich auf den Fotos. Er war der Einzige, zu dem ich je Papa gesagt habe. Und er war der einzige Vater, den ich je hatte.

Ihr leiblicher Vater war der berühmte Pantomime Jean Soubeyrand.
Aber den kannte ich gar nicht. Ich habe Soub, wie man ihn nannte, erst 1984 kennengelernt. Da war ich schon 27. Ich war gerade ein halbes Jahr Schauspieler am BE und durfte schon mit auf Tournee nach Paris. Da traf ich mehr als sieben Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermann wieder, der in jener Zeit dort eine kleine Wohnung hatte. Ihn wiedergefunden zu haben, hat mich beruhigt und auch ermutigt, nach meinen französischen Wurzeln zu suchen. Und als ich dann Soub gegenübersaß, sah ich den genetischen Beweis, dass er mein Vater sein musste. Denn er bewegte sich wie ich. Er soll ein Genie gewesen sein. Ich kenne ihn aber nur als alten wunderlichen Kauz. Für Biermann hingegen war ich sein erstes Kind.

Als er mit Ihrer Mutter zusammen war, war er ja noch nicht d e r Biermann.
Stimmt. Sie hat ihn zum Liedermachen und Singen ermuntert und auch seinen Bart kreiert, weil sie wollte, dass er ein bisschen so aussieht wie der französische Chansonnier Georges Brassens.

Sie sagen heute noch Vater zu ihm?
Seit ich mit sechzehn zu Hause auszog, sage ich Wolf. Aber das ändert nichts an unserem Verhältnis. Besonders seit ich mit meiner Krebserkrankung zu kämpfen habe, ruft er jede Woche an und erkundigt sich, wie es mir geht. Ich bin ja seine einzige familiennahe Ostverbindung.

An einer Stelle schreibt er in dem Buch : "Ich spielte Gott und formte Manuel nach meinem Ebenbilde." Wie gefällt Ihnen das?
(Lacht). Das ist typisch Wolf. Aber es ist liebevoll gemeint, weil er doch genetisch nichts formen konnte, hauchte er mir wenigstens seinen Geist ein. Meine geistige Festplatte war noch leer. Und natürlich hatte er einen Anteil, womit sie sich füllte. Er hat mir seine Art zu denken und zu kommunizieren mitgegeben.

Nun, als Drachentöter habe ich Sie noch nicht erlebt. Auch manche, die vor 40 Jahre gegen Biermanns Ausbürgerung protestierten, schreckten vor seinen Schmähkanonaden zurück.
Natürlich habe ich ein anderes Naturell. Und doch hat es mich sehr beeinflusst, in diesem Spannungsfeld aufzuwachsen. Den Robert Havemann zu Hause zu erleben und den Rudi Dutschke und viele andere spannende Leute, die sich bei uns trafen. Ich erlebte, wie er sich mit der Gitarre gegen die Staatsmacht stemmte. Acht Jahre alt war ich, als er Auftrittsverbot in der DDR bekam, 19, als er nach jenem legendären Konzert in Köln nicht mehr zurück durfte in das Land, was er nicht verlassen wollte.

Hat er auch Ihren beruflichen Weg beeinflusst?
Ich denke, das war eher meine Mutter, die mich zum Theater brachte. Er hat mich mehr durch sein politisches Denken beeinflusst und mir beigebracht, wie das Leben läuft.

Im Buch war auch zu lesen, dass er Ihnen Schwimmen und Schach beigebracht hat.
Aber beim Schach war es so, dass er es mir nicht nur beigebracht, sondern auch vergällt hat. Er ist ein sehr guter Schachspieler, aber er kann nicht verlieren. Selbst nicht gegen einen Siebenjährigen, der ich damals war. Aber anderes machte mit ihm Spaß. Ich war immer einer der Ersten, die seine neuen Lieder hörten. Seit ich denken kann, wurde ich von ihm immer sehr ernsthaft behandelt. Er weiß viel, hat viel zu sagen. Und ich lernte viel. Das war kein Kleinhalten. Und doch wurde ich immer ganz schweigsam in seiner Nähe. Das war wohl auch ein Grund, dass ich früh raus wollte in die Welt und eine Melkerlehre mit Abitur gemacht habe. Da hatte ich dann etwas zu erzählen, was er nicht kannte. Und ich hatte Glück, dass ich weitab im Mecklenburger Internat war, als er ausgebürgert wurde, sodass ich nicht in den Strudel geriet, auch ausreisen zu wollen.

Sie nennen das Glück.
Ja, weil ich dadurch mein Leben eigenständig gelebt habe. Ich bin auf die Schauspielschule gegangen, dann ans BE, habe meinen Weg gefunden. Für mich stand nie die Frage, die DDR zu verlassen. Es war ja der bessere Teil Deutschlands. Das hatte ich mit der Vatermilch aufgesogen. Und ich habe etwas länger als er daran geglaubt. Mit meiner Mutter konnte ich bis zu ihrem Tod kein Wort mehr über Biermann reden, nachdem er sie für die Schauspielerin Eva-Maria Hagen verlassen hatte. Seine Frauengeschichten hat sie nicht verwunden. Er war die große Liebe ihres Lebens. Ich habe den Kontakt gehalten, fand Eva-Maria wunderbar, bis sie sich wie alle seine Ex-Frauen mit ihm zerstritten hatte.

Selbst seine einstigen Weggefährten stießen sich oft an Biermanns ruppigem Ton auf dem Wege vom Kommunisten zum glühenden Kommunistenhasser.
Seit ich ein kleines Kind war, musste ich immer aushalten, dass es viele Menschen gibt, die politisch anderer Meinung sind. Dabei haben viele seine Lieder seit Jahrzehnten nicht mehr gehört, seine Gedichte und klugen Vorlesungen an der Heine-Universität nicht wahrgenommen. Großartige Sachen wie seine Nachdichtungen von Werken des jüdischen Lyrikers Jizchak Katzenelson zum Beispiel und der Shakespeare-Sonetten. Ich finde, das gehört mit zum Besten, was wir in deutscher Sprache haben. Ich erinnere gern an einen Satz von Heiner Müller: Die Autorität ist nicht der Autor, sondern der Text.

Geraten Sie sich auch manchmal in die Haare?
Nein. Dafür gibt es zu wenig Reibungsflächen. Und es eint uns eine gegenseitige Bewunderung als Künstler. Seit Wolf ein paar von meinen Inszenierungen gesehen hat, hält er mich für einen bedeutenden Regisseur, was mich natürlich freut. Ich habe nie von seinen guten Verbindungen beispielsweise zu BE-Intendant Peymann profitiert. Und das war auch gut so. Er fand ohnehin, mir irgendwo hinzuhelfen, sei nicht nötig bei mir. Und das freut mich dann wieder. Die Lesetour mit seiner Autobiografie ist jetzt unser erstes gemeinsames Projekt.

Was empfinden Sie beim Vorlesen?
Ich springe ja nur für einige Lesungen ein, wenn ich aus Senftenberg weg kann, und dann ist es schon ein wenig so, als blättere ich im Familienalbum. Wenn ich lese, bin ich in erster Linie der Schauspieler und nicht der Sohn, auch wenn es von Vorteil ist, so genau zu wissen, worum es geht.

Feiern Sie heute gemeinsam seinen 80. Geburtstag?
Darauf freue ich mich. Alle zehn Kinder hat er nach Berlin eingeladen.

Mit Manuel Soubeyrand

sprach Ida Kretzschmar