Gast der Auftaktveranstaltung war Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.
"Je genauer man hinsieht, desto größer ist das Staunen: Die Natur ist durch eine Verlässlichkeit geprägt, die in der geschichtlichen Welt unvorstellbar ist." Durch Menschen ausgeübte Macht konnte brechen und fallen, verlässlich war allein der Rhythmus der Natur, der Wechsel von Tag und Nacht, die Folge der Jahreszeiten. Was seit Menschengedenken Bestand hatte ist mit den sich häufenden Anzeichen eines Klimawandels in Frage gestellt. Die Stabilität natürlicher Systeme scheint aus den Fugen zu geraten.
Scharfsinnig analysiert Wolfgang Huber Ausmaß und Folgen des Klimawandels, argumentiert mit biblischen Vergleichen und verweist auf Ergebnisse der Wissenschaft. Auf Sachstandsberichte, Theorien und Messergebnisse, auf Erdrutsche und Überschwemmungen, als erste spürbare Folgen der Veränderung des Klimas. In seinem Appell: "Es ist nicht zu spät für eine Antwort auf den Klimawandel", fasst er verfügbares Wissen zusammen und versucht Antworten auf die Frage nach den Chancen der Menschheit zu geben, um die drohende Katastrophe zu verhindern. Bischof Huber mahnt zu schnellem und entschlossenem Handeln und warnt zugleich vor Zynismus und Mutlosigkeit: "Zynisch und mutlos ist beispielsweise die Aussage, es habe ohnehin keinen Sinn mehr, sich zu engagieren." Entschieden wendet er sich gegen die These, eine Trendwende bei der Emissionsentwicklung sei vor 2020 nicht möglich. Nötig sei dafür jedoch der Wille zu einem einschneidenden Mentalitäts- und Bewusstseinswandel, ein globales Umdenken in Politik und Wirtschaft. Immer wieder verweist der Bischof auf die Verantwortung des Einzelnen, auf die Notwendigkeit einer schöpfungsgemäßen Lebensorientierung, "eine Lebenseinstellung der Bewunderung und Ehrfurcht gegenüber dem Weltenbau . . ., der Ehrfurcht . . ., der Freude am Leben und seines bewussten Genießens." Die Werte der von Wolfgang Huber geforderten Lebensorientierung in der Verantwortung vor Gott taugen in gleichem Maß für einen gesamtgesellschaftlichen Werte konsens, für eine Werte diskussion in Verbindung mit der Zukunft der Erde, der ethischen Verantwortung für kommende Generationen.
Die Gäste des Literaturforums erleben an diesem Abend einen engagierten Kirchenpolitiker und brillanten Denker, einen Menschen, der Verantwortung wahr nimmt, sich einmischt und eine gesellschaftliche Diskussion zur Bewahrung der Lebensgrundlagen fordert und praktiziert.
So weicht Wolfgang Huber auch den Fragen und Themen der anschließenden Diskussion nicht aus, wendet sich entschieden gegen gelegentliches Wunschdenken. "Die Lösung besteht nicht darin, die Zeit zurück zu drehen, denn nicht alles, was die Moderne brachte, ist Teufelswerk."
Immer wieder kommt das Gespräch auf die Braunkohle, die Chancen, sie auch künftig zu nutzen. Ausgehend von der globalen Bedeutung der Energiefrage, der Notwendigkeit alternativer Energien und des Energiesparens als Energiequelle favorisiert der Bischof eine zeitlich begrenzte Nutzung der Braunkohle. "Die Benennung eines Zeithorizontes für die Nutzung der Braunkohle wäre eine Möglichkeit, um in dieser Frage einen gesellschaftlichen Konsens zu erzielen." Auf die Frage der Einschränkung des Lebensstandards bei einem geringeren Energieverbrauch antwortet Huber, dass ein Drittel weniger Energieverbrauch nicht ein Drittel weniger Lebensstandart bedeuten müsse.
Die Vielschichtigkeit der angesprochenen Themen macht an diesem Abend einmal mehr deutlich, wie wichtig und dringend das Gespräch und die Diskussion zur Problematik der real existierenden Gefahr einer Klimakatastrophe ist. Einer Diskussion ohne Schwarz-Weiß-Denken und Populismus, ohne das Motiv von Einschaltquoten und Auflagenhöhen. Die Tatsache, dass kein Stuhl an diesem Abend leer bleibt, zeugt von dem Bedürfnis der Menschen, Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit zu bekommen, sich auszutauschen und sich selbst einzumischen.
Am Ende der Veranstaltung schreibt Prof. Dr. Wolfgang Huber ins Gästebuch: "Gut Geisendorf ist ein liebenswerter Ort des lebendigen Gesprächs - so habe ich es dankbar erlebt."
Die nächste Veranstaltung des Geisendorfer Literaturforums: 20. September 19 Uhr, Dr. Hans Stilett-Montaigne.