Mit der "Moskauer Novelle" ist die junge Christa Wolf 1961 ins Scheinwerferlicht der literarischen Öffentlichkeit getreten. Ihre "Moskauer Tagebücher" über ihre Reisen in die damalige Sowjetunion (nach Moskau, Kiew, Riga, Leningrad und Sotschi) von 1957 bis 1989 blieben bisher unveröffentlicht und sind erst jetzt von ihrem Mann Gerhard Wolf aus dem Nachlass der 2011 gestorbenen Autorin des "Geteilten Himmel" herausgegeben worden ("Moskauer Tagebücher", Surkamp Verlag). Gerhard Wolf (86), der seine Frau auf einigen Reisen auch begleitete, hat sie mit hilfreichen Anmerkungen, Erläuterungen und zusätzlichen Dokumenten ergänzt.

Die Tagebücher sind auch und vielleicht gerade wegen der zeitlichen Distanz eine ungemein aufschlussreiche Lektüre für heutige Leser. Die damals tagesaktuell niedergeschriebenen Notizen geben Auskunft und lassen auch Rückschlüsse über Werk und Entwicklung der Schriftstellerin im Laufe der Jahrzehnte des Kalten Krieges und der deutschen Teilung zu.

Die oft sehr detaillierten Aufzeichnungen über Alltag und gesellschaftspolitische Diskussionen in der damaligen Sowjetunion zeichnen auch den Weg Christa Wolfs (1929-2011) von ihrem festen Glauben an eine bessere Welt im Sozialismus bis zur harten Desillusionierung nach. Ausführlich dokumentiert werden auch Briefwechsel mit Lew Kopelew, der bei einem Spaziergang in Moskau seine Kollegin aus der DDR über verfolgte oder unterdrückte sowjetische Schriftsteller informiert. Zunächst stehen bei Wolf vorurteilsfreie, wohlwollende und neugierige Beobachtungen im Vordergrund: "Ein großer Ernst, der an den Sinn des Fleißes glaubt, herrscht überall. Und das ist ja wohl das Wichtigste." Und: "Das Leben, scheint mir, ist hier lebendiger, unmittelbarer als bei uns."

Aber schon bald schärft sich ihr Blick für die Details, zunächst auf die Warenwelt und die Geschäfte in den Straßen bezogen: "Leider gibt es wenig, das stimmt, die Auslagen gar nicht verlockend." Schon bei der zweiten Reise notiert sie: "Auf der Toilette funktioniert die Spülung nicht - wie vor zwei Jahren." Während des offenbar ziemlich unergiebigen Schriftstellerkongresses mokiert sie sich mit den Worten "Kein Mut zu eigener Meinung" über die standardisierten formelhaften Reden, die sie als reine Qual empfindet, dabei allerdings heimische Vergleiche verdrängend.

Im Laufe der Jahre wird Wolf grundsätzlicher, nüchterner gegenüber der Euphorie der ersten Jahre: "Moskau, zum dritten Mal. Jedesmal schwieriger zu verarbeiten. Wahrscheinlich liegt es an dem Prozeß, in dem ich bin: Nicht nur kritisch, fast mißtrauisch geworden gegenüber dem Augenschein." Aber auch "unsere Leute" in Moskau geraten ins Visier: "Die Botschaft: brav, bieder, uninformiert. Hierarchie." Also eigentlich das Spiegelbild der heimischen Funktionärswelt, was das SED-Mitglied Wolf so noch nicht sieht. Aber sie sieht 1963 bereits "unsere Unbeliebtheit im sozialistischen Ausland".

Einen geradezu aktuell anmutenden Einschub gibt es in dem Buch mit der Wiedergabe eines Gesprächs der DDR-Autorin mit dem sowjetischen Schriftsteller Konstantin Simonow, der als einer der bekanntesten Kriegsberichterstatter auch an der Schlacht um Berlin teilgenommen hatte. In dem Gespräch von 1973 betont Simonow die "historische Nachbarschaft zwischen uns und den Deutschen". Das "gegenseitige Interesse" sei "eine konstante Größe, historisch bedingt und zukunftweisend", ohne die man sich eine Zukunft Europas nur schwer vorstellen könne.

Bei Wolf aber wächst die Skepsis über die Sowjetunion als "Mutterland des Sozialismus". 1966 notiert sie: "Eine geistige Erneuerung des Marxismus wird aus der SU wahrscheinlich kaum kommen."

Wolfs letzter Besuch in Moskau fällt ausgerechnet in die erste Oktoberwoche des Wendeherbstes 1989 in der DDR mit den sich zuspitzenden Montagsdemonstrationen in Leipzig und den Polizeiübergriffen gegen Demonstranten in Ost-Berlin, bei denen auch eine Tochter von Christa Wolf festgenommen wird. In Moskau stößt Michail Gorbatschow mit seiner Politik der Öffnung der Gesellschaft derweil an seine Grenzen. Von verunsicherten Gesprächspartnern hört Wolf immer wieder den Satz, der sie später auch in der DDR einholen wird: "Auf einmal soll alles schlecht gewesen sein. . . Das war doch unser Leben!"