Herr Rechn, hat sich denn der Oscar-Trubel so langsam gelegt?
Na ja, ich habe 'ne Menge Telefonate und E-Mail-Verkehr mit den Staaten, mit einer Agentin, die sehr interessiert ist - also: Übersee hat schon ein reges Interesse. Hier in Deutschland ist es relativ ruhig.

Das Gefühl, dass sich mit so einem Erfolg die eine oder andere Tür öffnen könnte, das stellt sich ein?
Ein wenig, ja. Ich hab' eigentlich mit gar nichts gerechnet, aber das kommt jetzt schon.

Noch mal zurück zur Oscar-Verleihung: Was hat sich da besonders eingeprägt, gab es einschneidende Erlebnisse? Oder war das alles eine einzige große Party?
Ja, das war riesig groß. Also, ich kann mich nur noch dran erinnern, dass ich mich 13 Uhr fertiggemacht habe, 14 Uhr sind wir losgefahren, und alles danach war wie so'n Rausch: Von einer Party zur nächsten, Glückwünsche, essen bis zum Abwinken, trinken auch . . . Natürlich, als unser Film aufgerufen wurde, das war der Höhepunkt. Aber sonst . . . Ich war zwei Wochen da und hatte ständig irgendwelche Veranstaltungen, Meetings . . . Also: Bis zur Oscar-Nacht kann ich nichts besonders hervorheben. Erst danach: Direkt nach den Oscars wurde ich vom Oberrabiner von Beverly Hills aufgenommen, er hat mich da 'ne Woche wohnen lassen - das war bemerkenswert, das war sehr schön. Ich hab' seine Familie kennengelernt, war auch in der Synagoge, hab' ein paar Veranstaltungen bei ihm mitgemacht - und wir sind seitdem recht gut befreundet.

"Son of Soul" wird in Hollywood als "Bester fremdsprachiger Film" ausgezeichnet, aber es geht dem Film wie den meisten anderen, die den Auslands-Oscar gewonnen haben: Sie sind in Deutschlands Kinos eher weniger zu sehen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Das kann ich nicht sagen, das weiß ich nicht. Die Rechte sind bei Sony, die sind dafür zuständig, den Film auch zu vermarkten, aber ich habe keinen Plan, was die damit vorhaben. Es sind vor allem Programmkinos, die den Film zeigen. Es gibt auch so gut wie keine Werbung, Öffentlichkeitsarbeit für den Film - ja, das ist schon recht traurig. In den Staaten war wesentlich mehr darüber zu sehen und zu lesen, in Ungarn natürlich auch, aber hier in Deutschland? Ich komme mir jetzt immer noch so vor wie ein Geheimtipp oder so. Das ist schon recht traurig.

Ist es möglich, dass die Verleiher denken, die Leute wollen solche Filme, solche Themen nicht mehr sehen? Es gab ja jetzt gerade - ähnlich gelagert - den ARD-Dreiteiler zum NSU: Gutes Fernsehen, aber die Einschaltquoten waren eher dünne . . .
Die Verantwortung wird immer aufs Publikum abgewälzt. Der NSU-Film wurde auch nicht ordentlich vorbereitet für das Publikum. Er ist in der Werbung völlig zu kurz gekommen. Ich hab' mir alle drei Teile angesehen und war - vor allem vom ersten Teil - absolut begeistert. Ich konnte mir selber auch vorher nicht vorstellen, dass der Film so wird. Gut, ich kenne den Regisseur (Christian Schwochow: "Novemberkind", "Bornholmer Straße" - Anm. d. Red.), hab' viel von ihm schon gesehen und wusste, das wird auf jeden Fall spannend. Aber in der Vorbereitung der ARD war davon nicht viel zu sehen. Sicher hat das Publikum nicht unbedingt Lust drauf, immer wieder dieselben Probleme hin- und herzuwälzen. Aber man hätte dem Publikum schmackhaft machen müssen, wie dieses Thema aufgearbeitet wird, wie dort gespielt wird, um welche Zusammenhänge es sich handelt. Und genauso ist es auch mit "Son of Saul": Man hört, das ist ein Holocaust-Film, Drittes Reich und denkt zum Anfang, na ja, es geht um unsere Geschichte, die deutsche Schuld, et cetera, et cetera und hat natürlich auch sofort Bilder von Spielberg im Kopf, "Schindlers Liste", und denkt, das hat man jetzt alles schon gesehen. Aber sobald man in diesem Film war, weiß man, dass man gewisse Dinge vorher noch nie gesehen hat. Das kann ich auch von mir behaupten. Was der Film erzählt, ist in dieser Form vorher noch nicht gezeigt worden. Und über dieses Alleinstellungsmerkmal wird so gut wie gar nicht gesprochen. Das ist auch eine Frage an den Verleiher.

Was steht bei Ihnen gerade an?
Jetzt gerade hab' ich ein Angebot über eine Episodenhauptrolle in einer ZDF-Serie: "Kommissarin Heller". Ansonsten sind ein paar Sachen in Vorbereitung, ein Kinofilm - da ist noch nicht ganz klar, wann wir da anfangen. Er wird auf jeden Fall international besetzt und dreht sich um den Westteil Berlins. Und dann gibt's hier und da noch ein paar Sachen, Anfragen, aber da will ich jetzt noch nichts weiter sagen. Da kann sich ganz schnell etwas ändern . . .

Mit wem würde Urs Rechn denn gerne mal drehen?
Da fallen mir gar nicht direkt Namen ein, es sind so viele . . . Vielleicht mal mit Polanski, wenn er ein ordentliches Thema hat - und wenn er überhaupt noch Filme macht.

Gibt's Traumrollen?
Ich habe ja 20 Jahre lang Theater gespielt, aber ich kann da nicht sagen, ich hätte 'ne Lieblingsrolle oder: Wenn ich alt bin, spiele ich den King Lear. Vielleicht gerne mal den Bösewicht oder den dritten Mann im Hintergrund . . . Nee, kann ich nicht sagen, wirklich nicht. Ich versuche das, was kommt, gut zu machen, ich freue mich da auf so gut wie jede Rolle. Und wenn's mal 'n Frauenarzt ist, warum nicht!

Mit Urs Rechn

sprach Peter Blochwitz

Veranstaltung mit Urs Rechn im Cottbuser Weltspiegel am 22. April: Um 19.30 Uhr wird der Oscar-Film gezeigt, danach steht Diskussion mit Rechn auf dem Programm. Ticket-Telefon 0355 /49 49 497 oder

www.weltspiegel-cottbus.de