Herr Aust, warum hat die Band beschlossen, dass sie "das musikalische Buch electra schließen will", wie Sie es formulieren?
Ja, das verkünden wir zwar mit Wehmut. Aber seit Bandgründung sind 46 Jahre vergangen, die natürlich auch an unser aller Kondition etwas nagen. So merken wir Musiker schon, dass man inzwischen viel mehr Kraft investieren muss, um die Forderung an sich selbst sowie die erwartete Bühnenleistung halten zu können. Das gilt besonders für Sänger und Bläser. Ich bin jetzt 70 Jahre alt, Stephan Trepte 68 und Wolfgang Riedel sowie Gisbert Koreng nicht viel jünger. Daher ist es keine Floskel, dass wir 2015 aufhören. Einen Rücktritt vom Rücktritt wird es von uns definitiv nicht geben.

Obwohl Ihre Band mit der "Sixtinischen Madonna" beim Publikum am meisten punktete, ist die äußerst beliebte Rockballade innerhalb ihrer Abschiedskonzerte nur an vier Abenden und mit Dresden sowie Hoyerswerda auch nur an zwei Auftrittsorten mit eingeplant. Warum? Und welche Entstehungsgeschichte liegt dem monumentalen Werk eigentlich zugrunde?
Die Rocksuite "Die Sixtinische Madonna" stellt wahrhaftig alle anderen Veröffentlichungen von uns in den Schatten und ist in der Geschichte des Bildes weltweit die einzige musikalische Rezeption. Aber aufgrund des sehr hohen Gesamtaufwandes, der sich durch das zusätzliche Mitwirken eines Chores und eines Orchesters ergibt, konnte sich das Stück für Rockkonzerte nicht durchsetzen. Entstanden war es anlässlich unseres zehnjährigen Bandjubiläums 1979. Anstelle eines feierlichen Konzertes wollten wir etwas künstlerisch Bleibendes schaffen. Als einheimische wie kunstliebende Dresdner fanden wir Rafaels Meisterwerk dafür am passendsten. Und auch unser damaliger Texter Kurt Demmler ließ sich von unserem Enthusiasmus anstecken. Allerdings wurde bald klar, dass sich die Informationsfülle sowie die wechselvolle Geschichte des Gemäldes nicht einfach nur in einen Song packen lassen. Ich unterteilte das Thema "Sixtinische Madonna" in "Der Maler", "Das Bild" und "Der Betrachter" und erweiterte das musikalische Grundgerüst in die Form einer Suite. Unmittelbar nach unserem runden Geburtstag kam die gleichnamige Langspielplatte heraus. Wir haben das Stück dann, wie gesagt, auch nie mehr in unseren Livekonzerten gespielt. Dass wir es 2009 selbst wieder aufgreifen konnten und damit auch in unser 40. Bandjubiläum mit dem neuen Programm "electra Klassik" starteten, verdanken wir einzig und allein der Initiative von Teilnehmern des Projekts "Sixtinische Madonna" des Schulfördervereins am Hoyerswerdaer Lessinggymnasium. Deshalb gehört auch die Hoyerswerdaer Lausitzhalle zu den Bühnen, wo wir mit unserer Rocksuite letztmals Station machen werden. Zu verstehen ist das vor allem als ganz persönliches Dankeschön von electra an den Großen Chor Hoyerswerda mit seiner großartigen Chorleiterin. Denn dessen Engagement sorgte schließlich nicht nur dafür, dass "Die Sixtinische Madonna" 2008 vor 800 Besuchern der Lausitzhalle nach rund 30 Jahren Pause eine Wiedergeburt feierte, sondern dass diese Kontaktaufnahme der Hoyerswerdaer für unsere Band gleichzeitig Initialzündung war. Die Zuverlässigkeit und die Leistungen des entstandenen Projektchores überzeugten uns derart, dass wir in ihm sowie der Elbland-Philharmonie Sachsen wieder stabile Partner für unsere Rocksuite gefunden hatten.

Ende Mai gab es drei Konzerte im Schlachthof Dresden mit 3000 Zuschauern, was wünschen Sie sich für das Konzert am 20. Juni in der Lausitzhalle Hoyerswerda?

Vor allem wünschen wir dem Hoyerswerdaer Konzert nochmals so einen Erfolg wie bereits vor acht Jahren. Zum einen wäre es eine sichtbare und verdiente Anerkennung für den Großen Chor, zum anderen geht hier dann wirklich die allerletzte Liveveranstaltung mit der Rocksuite über die Bühne. Diesmal agieren neben der Band electra sowie dem Großen Chor der Tenor Jens-Uwe Mürner sowie das Orchester Collegium Musicum der TU Bergakademie Freiberg.

Herr Aust, würden Sie uns abschließend noch verraten, wie electra zu seinem wohlklingenden Namen kam?
Ja, das war damals so eine Sache. Denn englischsprachige Namen wurden von den damaligen Kulturfunktionären nicht gern gesehen. Und langes Überlegen brachte nichts Überzeugendes für uns. Also griffen wir nach dem Sternenatlas und tippten im Dunkeln abwechselnd so lange darauf herum, bis uns etwas gefiel. Electra ist also ein Sternbild, aber wohin es genau gehört, das weiß ich jetzt auch nicht mehr.

Mit Bernd Aust

sprach Ulrike Herzger