Nana Djordjadze ist Künstlerin durch und durch. Sie sticht hervor, egal wo sie sich gerade bewegt. Im Staatstheater bei der Eröffnungsveranstaltung zum 24. Filmfestival Cottbus genauso wie auf dem Stadthallen-Vorplatz, wo ihre strahlend roten Locken das triste Herbstgrau fast vergessen machen. Nana Djordjadze ist auf dem Weg zu einem der drei Mastertalks, die der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) in diesem Jahr erstmals in der Stadthalle veranstaltet. "Mastertalk" - ein Meistergespräch - dieser Begriff passt der bescheidenen Georgierin nicht. Ein "Talk" soll es werden, ein Gespräch unter Filmfreunden.

Architektur und Film

Nana Djordjadze erzählt vom Beginn ihrer Karriere in der georgischen Haupt- und ihrer Geburtsstadt Tiflis. Architektin war sie, hatte 1972 ihr Studium der Architektur abgeschlossen und sechs Jahre lang in dem Beruf gearbeitet. Erst Mitte der 70er-Jahre entdeckte sie ihre Liebe zum Film und schloss eine Ausbildung als Filmemacherin an. Ihr Diplomfilm "Trip to Sopot" von 1980 wurde von der sowjetischen Zensur verboten. Ebenso ihr Debüt-Spielfilm "Robinsonade". "Ich dachte, mein Leben sei vorbei", sagt Nana Djordjadze. Zwei verbotene Filme am Anfang ihrer Karriere - kein guter Start ins Leben als Regisseurin. 1987 aber wurden die Offiziellen aus Cannes auf Nana Djordjadze und ihre "Robinsonade" aufmerksam. Der Film wurde im gleichen Jahr mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet. "Cannes hat mir das Leben gerettet", sagt die Regisseurin heute.

Von Cannes aus reiste Nana Djordjadze mit ihrer "Robinsonade" zu einer Reihe von Festivals. "Irgendwer hat in Cannes die Kopie eingesteckt und weitergegeben", sagt sie. "Ich war schockiert." Bis heute seien Auftritte bei Festivals nicht ihre Lieblingsbeschäftigung. Auch vor dem Gespräch heute habe sie große Angst gehabt. "Worüber soll ich reden?", fragt sie. Über ihre Art, Filme zu drehen vielleicht. Nana Djordjadze nutzt Drehbücher, aber nur bis zum Beginn der Dreharbeiten. "Dann vergesse ich alles, was im Skript steht", sagt sie. Auch ihre Schauspieler bekämen das Drehbuch nicht zu sehen. Nur kurz vor den Szenen erklärt sie ihnen, was passieren soll. "In der ersten Woche hassen sie mich dafür, danach mögen sie die Arbeit", sagt die Georgierin. Selbst dann, wenn Drehtage bei ihr schon mal 48 Stunden dauern können. Sie braucht nur wenig Schlaf, sagt Nana Djordjadze. Ihre Schauspieler? Die dürften sich dann zwischendurch ausruhen. Für ein oder zwei Stunden.

Oft drehe sie an Orten, an denen sie nur für eine begrenzte Zeit bleiben dürfe, sagt sie. Orte, Landschaften, Szenen aus der Wirklichkeit - Nana Djordjadzes surreale Geschichten entstammen immer der Realität. "Für mich ist das Surreale real", sagt sie. Jeden Tag ändere sich der Verlauf des Films, beim Dreh, beim Schnitt. Dass ihr Mann ihre Drehbücher schreibt, ihr Sohn in den letzten drei Filmen hinter der Kamera stand, erleichtere ihre Art zu arbeiten. "Wir können streiten und am Ende müssen sie mich lieben", sagt die Filmemacherin. Ewig könne sie an Filmen arbeiten, wenn ihr Produzent dann den fertigen Film einfordert, sei sie immer kurz vor einem Herzinfarkt. Kopien ihrer Werke hat sie nicht zu Hause, Kritiken liest Nana Djordjadze nur sehr selten. "Ich lasse einen fertigen Film gehen", sagt sie. Vielleicht fällt es ihr auch deshalb schwer, über ihren aktuellen Film zu sprechen, "Meine Meerjungfrau, meine Loreley", der das Filmfestival in Cottbus an diesem Samstag beschließen wird.

Kein Leben mit Hass

Auch über die politischen Verhältnisse zwischen Russland und der Ukraine, beides Länder, in denen Nana Djordjadze für ihren Film gearbeitet hat, spricht sie nicht frei. Am Set in Odessa habe sie mit Russen, Georgiern und Ukrainern gearbeitet. Alle hätten den Ukrainekonflikt als schrecklich empfunden und verurteilt. "Man muss auch seinen Feind lieben", sagt Nana Djordjadze. Was für die Arbeit an ihren Filmen gelte, gelte auch für das Zusammenleben von Menschen im Großen. "Es ist unmöglich, mit Hass zu leben", sagt sie. Applaus bei denen, die zum Gespräch unter Filmfreunden gekommen waren.

In der russisch-ukrainischen Produktion "Meine Meerjungfrau, meine Loreley" erzählt Nana Djordjadze die Geschichte einer Prostituierten, die den 14-jährigen Kolya einen Sommer lang mit ihrer Gunst verwöhnt. Eine Liebesgeschichte, die mit Charakteren, Bildern und Musik verzaubern will. Und allein durch die Entstehungsgeschichte des Films mit russischer und ukrainischer Beteiligung ein Plädoyer für das, was Nana Djordjadze als ihr Lebensmotto vorstellt: "Es ist unmöglich, mit Hass zu leben."