Dabei zeigt der Film keine harten Sex-Szenen und wurde von manchen schon als "zu zahm" beurteilt. Doch der Vorwurf der Homophobie, der Angst vor Homosexuellen, lässt die scheinbar liberale Filmbranche nicht los. Und gerade weil in diesem Jahr außergewöhnlich viele Filme mit homo- oder transsexueller Thematik nominiert sind, kocht die Diskussion ungewöhnlich hoch.
"Brokeback Mountain" von Ang Lee, insgesamt achtmal nominiert, erzählt in herrlicher Western-Optik von zwei Männern, die sich lieben, aber bis auf vereinzelte Treffen an einem einsamen Berg nicht zueinander finden können. Es ist eine Geschichte voller Trauer über ein nicht ausgelebtes Glück. Offen schwul trat der Schriftsteller Truman Capote auf, der in dem Drama "Capote" (fünf Nominierungen) charakterisiert wird. Und die Hauptfigur des Road-Movies "Transamerica" ersehnt nichts mehr, als endgültig vom Mann zur Frau zu werden. Mit Heath Ledger und Jake Gyllenhall ("Brokeback Mountain"), Philip Seymour Hoffmann ("Capote") und Felicity Huffman ("Transamerica") machen sich gleich vier Darsteller Hoffnungen auf einen Oscar für Rollen, die jenseits ihres persönlichen Hetero-Lebens liegen.
Amerikanische Schwulen- und Lesbenverbände bejubelten die Nominierungen als "Meilenstein" und erhofften sich davon mehr Akzeptanz in der Bevölkerung.
Doch schnell regten sich auch kritische Stimmen. "Ist Homosexualität die neue Krankheit der Woche?", fragte die Kolumnistin Stacy Jenel Smith. Sie setzt die Leistung der Stars, schwul zu spielen, auf eine Ebene mit jenen Oscar-gekrönten Auftritten von Schauspielern als Autisten, Schwerbehinderte oder ganz einfach scheußliche Typen. Mut zur Hässlichkeit, zu Übergewicht, zur Abweichung vom Image werde gern belohnt - aber nur, wenn dieser Zustand von der Wirklichkeit abweiche. Von einem echten Wandel zur Normalität könne man aber erst reden, wenn weder die sexuelle Orientierung einer Filmfigur noch ihres Darstellers überhaupt von Bedeutung seien, argumentiert Smith.
Dass die US-Medien von einem gelassenen Umgang mit Homosexualität noch weit entfernt sind, zeigen die jüngsten Auftritte der "küssenden Cowboys" Ledger und Gyllenhall. Immer wieder werden sie gefragt, wie es denn gewesen sei, einem Mann vor der Kamera so nah zu kommen. Genervt meinte jetzt Ledger, der zurzeit als "Casanova" das Kontrastprogramm im Kino zeigt: "Wir haben bei den Liebesszenen Stunt-Doubles benutzt." Aus Angst, Fans unter weiblichen Teenagern zu verlieren, betonen beide Stars unentwegt ihre Hetero-Orientierung.
Ob die Academy tatsächlich mit "Brokeback Mountain" die erste schwule Romanze in den Oscar-Pantheon erhebt, ist angesichts der Debatte fraglich. Vielen Insidern scheint die Ehrung des sexuell unverfänglichen Dramas "L.A. Crash" als möglicher Ausweg. Das Blatt "LA Weekly" fügte der Liste der Nominierten schon die Sonderkategorie "bester Haufen von Heuchlern" hinzu. Und in TV-Shows treiben die Moderatoren weiter munter ihre Scherze: Harald-Schmidt-Vorbild David Letterman brachte sein Publikum jüngst musikalisch in Oscar-Stimmung - mit der tuntigen Musical-Parodie "Oklahomo".
Unterdessen hat "Brokeback Mountain" auch das "Wort des Jahres" in Hollywood hervorgebracht. Die Gruppe "Global Language Monitor", die alljährlich die sprachlichen Trends in der Filmszene unter die Lupe nimmt, kürte "Brokeback" gestern zum "Hollyword" von 2006. Dieser Begriff habe sich zum kulturellen Phänomen entwickelt. Brad Pitt und Angelina Jolie, die Co-Stars aus "Mr. & Mrs. Smith", sicherten sich mit dem Wort "Brangelina" den zweiten Platz. Ihre Liebesbeziehung brachte die werdenden Eltern in die Schlagzeilen.
Das drittbeliebteste Wort - "Petronoia" - hängt mit dem Polit-Thriller "Syriana" zusammen. Es beschreibt die Angst vor einem Zusammenbruch der Öl-Industrie und der nachfolgenden weltweiten Wirtschaftskrise.
Im letzten Jahr machte der Film "Sideways" über zwei Freunde auf einer Weintour durch Kalifornien das Wort "Pinot" zum Top-Begriff in Hollywood.