Apropos tückisch. Hellmuth Karasek, wir haben Sie schon am 6. Mai in Cottbus erwartet.
Da hat die Bahn aber gestreikt.

Positiv formuliert hat sie die Vorfreude auf Ihre Lesung verlängert. Autos mögen Sie wohl nicht so?
Schon, ich habe auch nichts gegen Flugzeuge. Aber je älter ich werde, umso weniger mag ich große Strecken. Eine Autofahrt von Hamburg nach Cottbus ist für einen über 80-Jährigen eine Folter zweiten Grades. Am liebsten fahre ich doch mit der Bahn, da kann man aufstehen, sich bewegen und auch lesen.

Wie viele Bücher haben Sie in Ihrem Leben gelesen?
Ich zähle sie nicht. Ab dem 15. Lebensjahr habe ich mindestens einmal im Monat ein Buch gelesen, später etwas mehr, als Kritiker im "Literarischen Quartett" bis zwei Bücher die Woche. Jetzt sind es wieder weniger, zwei bis drei Bücher im Monat.

Auch eBooks?
Leider nicht, obwohl ich eines besitze. Aber ich habe es noch nie benutzt. Ein Freund, der Herausgeber der "Zeit", geht jedes Jahr für längere Zeit nach Kalifornien. Er zeigte mir neulich eine Aktentasche und sagte: "Da ist meine ganze Lektüre für die USA drin." Mit einem eBook kannst du ganze Bibliotheken überall hin mitnehmen. Das beeindruckt mich. Was mich bislang noch daran gehindert hat: Ich halte einfach gern ein richtiges Buch in der Hand.

Als Journalist und Autor vieler Bücher und Stücke müssen Sie es wissen: Hilft Lesen, sprachliche Eleganz auszuprägen oder ist es eher hinderlich für Schreibende?
Wenn ich schreibe, reduziert sich mein Lesen sehr. Weil ich Angst vor der Wucht und der Größe anderer Bücher habe. Lesen hat auch etwas Einschüchterndes. Wenn Sie Flaubert lesen, wollen Sie nie mehr einen Liebesroman schreiben.

Welche Autoren sind Ihnen besonders ans Herz gewachsen?
Flaubert und Tschechow, merkwürdigerweise auch viele Kinderbuchautoren. Ich habe mich inzwischen sehr intensiv mit den Märchen der Brüder Grimm beschäftigt. Und ich halte die Brüder Grimm neben Luther für die zweiten Schöpfer der deutschen Volkssprache.

Sie beschäftigen sich aber auch gern mit Frauen - in Ihren Büchern.
(Einvernehmliches Lachen). Ich würde mich gern noch öfter mit wirklichen Frauen beschäftigen, wenn sie sich auch mit mir beschäftigen würden. Normalerweise ist das Verhältnis am Ende der Kindheit ein Wunschgebilde und im Alter auch wieder. Als Pubertierender hat man noch nicht, was man sich erträumt, und im Alter hat man nicht mehr, was man sich früher erhoffte und auch erlebt hat. Der Unterschied ist: Anfangs ist man kindlich und später nur noch kindisch.

Das können Sie bestimmt auch mit einem Witz erklären.
Klar, ich beschäftige mich ja auch gern mit Witzen, habe zwei Bücher darüber geschrieben. Fragt der eine 80-jährige Lustgreis den anderen neidisch: "Ich habe gehört, du heiratest das 20- jährige Top-Model Maria. Wie ist es dir gelungen, sie so weit zu kriegen?" Antwortet der Bräutigam: "Ich hab' ihr einfach erzählt, ich sei schon 90." Eine grausame Wahrheit, auch über männliche Selbsttäuschung.

Gestatten Sie die Nachfrage: Wie alt ist denn Ihre Frau?
Nun ja, rund 20 Jahre jünger als ich, also auch schon eine Sechzigerin. Sie ist sehr reiselustig. Und ich fürchte lange Flüge. Da zeigt sich dann, irgendwann wirkt die Altersdifferenz begrenzend.

Frauen sind auch nur Männer, so provozieren Sie mit Ihrem Buch. Ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern wirklich so klein, wie der Titel vorgaukelt?
Mich faszinierten die Bilder vom Gipfel in Elmau: Eine Frau in einer wunderbaren bunten Bluse stand im Mittelpunkt, und ringsherum lauter Männer, die ganz offensichtlich akzeptierten, dass sie der Boss dort war.

Das klingt anerkennend.
Ja, das soll es auch. Ich bin ein großer Bewunderer von Frau Merkel und habe großen Respekt davor, wie sie sich in der Männerwelt behauptet. Wie sich die Kanzlerin sehr bewusst in Europa an die Spitze setzt, um es zusammenzuhalten. Sie versucht, Deutschland nicht aggressiv erscheinen zu lassen, ohne dass wir dastehen wie die Waschlappen. Das imponiert mir schon sehr.

In Ihren Glossen sind Sie eher von gnadenloser Ironie, auch gegenüber den Deutschen.
Über Vorurteile lässt sich eben trefflich lachen. Zur deutschen Diplomatie fällt mir dabei ein wenig stubenreiner Witz ein: Die englische Königin Victoria litt hörbar unter Blähungen. Als sie vor dem Diplomatischen Korps in London eine große Ansprache hielt, entfuhr ihr etwas. Der französische Botschafter entschuldigte sich graziös und nahm es auf sich. Der spanische Botschafter hielt es ebenso. Da wollte der deutsche Diplomat nicht nachstehen und sagte: "Die nächsten zehn gehen auf Rechnung der deutschen Regierung." (Lachen im Duett).

Wo haben Sie denn den Witz her?
Witze liegen in der Luft, sie fliegen einem zu wie Sagen und Märchen. Im Übrigen zeige ich in dem Buch auch mit den berühmtesten Mythen der Weltgeschichte, dass Frauen auch Männer sind. Zum Beispiel sind der gesamte Schlamassel des Nibelungenlieds und der Hunnenkrieg entstanden, weil zwei Frauen um den Vortritt in die Kirche in Worms stritten. Auch der Trojanische Krieg hat im Frauen-Gezänk seinen Ursprung. Also sind immer die Frauen schuld. Ich weiß natürlich, dass diese Geschichten von Männern erfunden wurden. Insofern hat die Sache einen Haken.

Mehr als zehn Jahre gehörten Sie zum "Literarischen Quartett". Hätten die legendären Streitgespräche, die Sie mit Literaturpapst Reich-Ranicki führten, heute noch eine Chance beim Fernsehpublikum?

Ich denke schon. Sonst würde man ja nicht jetzt wieder ein Quartett ins Rennen schicken. Natürlich, es sind andere Menschen. Das macht den Unterschied. Es ist ja auch nicht egal, ob Frau Merkel Bundeskanzler ist oder Herr Schröder. Man muss gucken, ob das Publikum das mag. Bei den Gründungsverhandlungen für das Quartett Ende der 1988-er habe ich weniger als heute daran geglaubt, dass die Zuschauer das wollen. Aber das Konzept hat sich als richtig erwiesen.

Warum ist die erfolgreiche Sendung dann eingestellt worden?
Weil Ranicki erklärt hat, dass er in seinem Alter nicht mehr so viele Bücher lesen könne. Ohne ihn wollte das keiner weitermachen. Wir sind ja keine Selbstmordattentäter.

Woran aus jener Zeit erinnern Sie sich besonders gern?
Es war alles live und dadurch sehr lebendig. Ich erinnere mich noch an das erste Quartett in Salzburg. Es war sehr heiß, gewittrig. Klimaanlagen gab es noch nicht in den Sendern. So war die Kuppel geöffnet, damit ein wenig Luft hereinkam. Reich hatte sich gerade ein Buch von Walser vorgenommen: "Ein schlechtes Buch, ein misserrrrrables Buch", wetterte er. In dem Moment donnerte es furchtbar. Und er hob beide Hände zum Himmel und sagte: "Man wird doch noch was gegen Walser sagen können." Das war einer der schönsten Momente, die es im Quartett gab.

Was würden Sie am liebsten vergessen?
Der Eklat mit Sigrid Löffler war schon ein bisschen überflüssig. Andererseits aber auch nötig und sehr schön.

Sie streiten offenbar ganz gern.
Ja, weil es in der Literatur nur mit Worten und nicht mit Schwertern geschieht.

Ihre Glossen offenbaren auch, dass wir gern über das lachen, wovor wir Angst haben. Wovor haben Sie selbst Angst?
Inzwischen schon vor dem Alter. Da helfen nur Witze. Da habe ich noch einen wunderbarrren, den ich sehr liebe und Marcel Reich verdanke. Ein Mann, etwas jünger als ich, kommt zum Arzt, und sagt zum Doktor: "Ich habe nach dem Sex immer so ein Pfeifen im Ohr. Sagt der Arzt zu ihm: "Was erwarten Sie in Ihrem Alter? Standing Ovations?"

(Kichern und Prusten). Worüber können Sie nicht lachen?
Ich kann über Witze, die die Probleme der Welt nur plump widergeben oder Vorurteile nur bestätigen, nicht lachen. Aber es kann durchaus grausam zugehen. Obama fährt in die Südstaaten, sieht einen Schwarzen beim Wasserski, freut sich, wie Schwarz und Weiß miteinander Sport treiben. Als der Präsident wieder weg ist, sagt der Gouverneur über Obama: "Ein netter Kerl. Aber er hat keine Ahnung vom Haifischfang in den Südstaaten."

Schwarzer Humor im doppelten Sinne.
Den kann ich gut vertragen. Aber keine Witze von Vorurteilen - nur über Vorurteile.

Da wird es also am 29. Juni in Cottbus einiges zu lachen geben. Sie kommen doch ganz bestimmt?
Natürlich. Selbst wenn es mit dem Poststreik weitergeht. Aber ich komme ja nicht als Paket.

Mit Hellmuth Karasek sprach und lachte Ida Kretzschmar

Lesung "Frauen sind auch nur Männer", 29. Juni, 19.30 Uhr, Weltspiegel Cottbus in Zusammenarbeit mit Thalia