Am Vormittag kommen die Kinder zur Gratulation in die Wohnung am Alexanderplatz. Am Abend wird Geschonneck in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz geehrt. Zu der Veranstaltung haben sich zahlreiche Freunde und Weggefährten angesagt, unter ihnen Regisseur Thomas Langhoff, die Schauspieler-Kollegen Inge Keller, Jutta Hoffmann und Hermann Beyer sowie die Linkspartei-Politiker Lothar Bisky und Gregor Gysi.
Der Autodidakt feierte in den 50er-Jahren Erfolge als Knecht Matti in Bertolt Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Er überzeugte sowohl als Charakterdarsteller wie auch in hintergründig-humorvollen Rollen. In der DDR gehörte er zu den bestbezahlten Schauspielern und stand in mehr als hundert Filmen vor der Kamera.
Dabei konnte Geschonneck, der in der Nazizeit jahrelang im Konzentrationslager saß, erst mit beinahe 40 Jahren seine Schauspielkarriere starten. Er zählte 1945 zu den wenigen Überlebenden des Untergangs der "Cap Arcona", auf der 4000 Häftlinge eingepfercht waren. Ab 1946 arbeitete er bei Ida Ehre an den Hamburger Kammerspielen und kam 1949 ans Berliner Ensemble. Begonnen hatte er in den 20er-Jahren in Agitprop-Theatergruppen und an Erwin Piscators Junger Volksbühne.
Für die DEFA spielte er unter anderem in "Jakob der Lügner" von Frank Beyer (1974), der als einziger Film der DDR-Filmgesellschaft für einen Oscar nominiert wurde. Zuerst hatte er abgelehnt, weil er nicht die Rolle des Jakob bekam. "Er war immer ein Sturkopf", sagt seine 39 Jahre jüngere Frau Heike lächelnd. Als ihn Bertolt Brecht einmal bei Proben anschrie, brüllte Geschonneck zurück, das könne er lauter und ließ den Meister stehen.
Geschonneck ist heute auf einen Rollstuhl angewiesen, und zum Fernsehen ist sein Gehör zu schlecht. So liest er, mit Lesebrille und Lupe bewaffnet, den ganzen Tag Zeitungen und Bücher - zurzeit die Schiller-Biographie von Sigrid Damm und den Briefwechsel von Goethe und Frau von Stein. Sohn Alexander wird ihm zum Geburtstag die Autobiografie des Filmemachers Michael Verhoeven schenken. Dessen Vater Paul Verhoeven hatte 1950 in dem Film "Das kalte Herz" die Rolle des Holländer-Michel mit Geschonneck besetzt.
Der leidenschaftliche Sänger, als solcher in zahlreichen Filmen zu erleben, stimmt immer noch im Bett Songs aus der Dreigroschenoper an. Und wie eh und je interessiert er sich für das Geschehen in der Welt. "Mit Ungerechtigkeiten darf man sich nicht abfinden", heißt ein Motto des bekennenden Kommunisten, der in schlimmsten Verhältnissen in der Berliner Ackerstraße aufwuchs.
Er habe an die DDR geglaubt, gestand Geschonneck nach der Wende ein. Noch immer halte er den Sozialismus für die gerechtere Gesellschaft - allerdings ohne die in der Praxis begangenen Fehler. Die Verbrechen der Stalin-Zeit erschütterten ihn, und Missstände in der DDR, die er als solche erkannte, sprach er zum Unwillen der SED-Oberen an.
Filmrollen, in denen kommunistische Führer wie Ernst Thälmann zu Ikonen ohne Fehl und Tadel stilisiert wurden, interessierten den Mimen nicht. Stattdessen spielte er in Konrad Wolfs verbotenem Film "Sonnensucher" über die Zustände im Uranbergbau in Ostdeutschland einen aufmüpfigen Wismut-Kumpel. Zu seinen Lieblingsfilm zählt er selbst "Bankett für Achilles". Er verkörperte darin einen Arbeiter im Chemiekombinat Bitterfeld, der seine Pensionierung zur Abrechnung mit den früheren Kollegen nutzt. Der mehrfache DDR-Nationalpreisträger wurde 1993 mit dem Bundesfilmpreis geehrt.
1995 hatte Geschonneck erstmals unter der Regie seines Sohnes Matti gedreht, in dem Streifen "Matulla und Busch". Es sollte, wie er damals schon ankündigte, sein letzter Film sein. "Man muss in Würde abtreten", lautete der knappe Kommentar des spröden Stars.