„Ach Vattilein, liebes Vattilein . . .“ Wenn Hurvinek sich mit diesen schmeichelnden Worten und leicht verlegenem Schaukelschritt an seinen Vater heranpirscht, dann kann er nur eines wollen: Fragen stellen ohne Ende. Und richtig - während seine großen Kulleraugen rollen und das blonde Haarbüschel vorwitzig vom Kopf absteht, verkündet der hölzerne Bengel den nächsten Test für seinen Vater: „Wann ist eigentlich das tote Meer gestorben„“
Und der fracktragende, bodenständige Spejbl kann wieder nur stöhnen und mit weit hergeholten Erklärungen den Wissensdurst seines Sprösslings stillen. Doch meist ohne Erfolg. Auf seine Frage „Verstehst du““ folgt das beständige Jammern von Hurvinek: „Nein! Dass ich das begreifen soll, begreife ich nicht!“ Und er schießt gleich hinterher: „Wenn Leute etwas nicht begreifen, ist es dann Unsinn„??“

„Sinnvoller Unsinn“
Und so philosophieren die beiden auf der Cottbuser Bühne über „sinnvollen Unsinn“ und halten in ihrem Programm für große Leute dem Publikum den imaginären Spiegel vor. Ein Großteil der Dialoge ist nicht neu - aber gerade das Altbekannte ist es, was viele immer wieder zu den Prager Holzpuppen zieht. Und das seit mittlerweile über acht Jahrzehnten: Denn 1920 erblickte Spejbl durch den Pilsener Holzschnitzer Karel Nosek das Licht der Welt, 1926 folgte Sohn Hurvinek, geschnitzt von Noseks Neffen Gustav. Die Ideen für die zwei berühmten Marionetten hatte der tschechische Puppenspieler Josef Skupa. 1930 vergrößerte sich die Familie um die rothaarige Manicka und Hund Zeryk. Erst 1971 kam Frau Katerina, Ma nickas Großmutter, hinzu, die seit vielen Jahren genau wie Manicka von Helena Stachova gesprochen wird, die gleichzeitig das Prager Marionetten-Theater leitet. Hurvineks hohe Fistelstimme und Spejbls Bass verkörpert in dritter Generation Martin Klasek, der auch in Cottbus auf und hinter der Bühne zu Gange ist. Und Spejbl beispielsweise eine Zeitung lesen lässt.
„Vatti, du liest““ Hurvineks Feststellung sitzt und lässt die Weißglut in seinem Vater wachsen: „Nein, ich stricke Fußwärmer!“ - „Das gefällt mir an dir, Vattileinchen, dass du so gebildet bist.“ Hurvinek schabt mit seinen Holzschuhen und vibriert vor Neugier. Und kann neben seiner unschuldig flötenden Sohnemannsmanier auch ganz schön austeilen: „Was weißt du schon von Macht, du Holzpuppe!“ , schreit er herum und wird nicht müde, seinen Vater, der vor lauter Anstrengung schon dasteht wie eine Bogenlampe, zu foppen. Denn er hat in der Zeitung eine gute Nachricht über Aids gefunden: „Jeder, der sexuell aktiv ist, sollte sich testen lassen.“ Darauf Spejbl: „Aber das betrifft uns doch gar nicht.“ - „Siehst du, Vatti, das ist doch die gute Nachricht.“ Und so kommen die hölzernen Gesellen keineswegs verstaubt daher: Die Kosten beim Heilpraktiker werden ebenso zum Thema wie Energie Cottbus - letzteres in den Szenen zwischendurch, in denen Puppenspieler zeigen, wie Puppen auf wundersame Weise zum Leben erweckt werden können. Allerdings sind die Stücke mit Tänzerinnen oder biertrinkenden Fußballfans recht lang - mancher Zuschauer hätte sich an dieser Stelle mehr Hurvinek und Spejbl gewünscht.

Programm in 18 Sprachen
Das Ensemble ist in der Welt herumgekommen, hat die verschiedenen Programme gar in 18 Sprachen aufgeführt. Durch Fernsehshows und Hörspiele lange Zeit vor allem im Osten bekannt, hat die Familie von Spejbl und Hurvinek schon seit Jahren auch im Ruhrgebiet oder in Luxemburg ihre Fans.
Nur bei der Begrüßung hapert es bei Hurvinek, worüber sich Freundin Manicka schrecklich beschwert: „Du solltest mich grüßen!“ - „Aber ich weiß gar nicht, von wem!“ Der einfache, herzerfrischende Humor des Holzjungen ist es, der auch die Cottbuser zu Lachsalven inspiriert und zum Nachdenken anregt. Auch wenn die Stadthalle nicht voll besetzt ist, kann Hurvinek die Herzen der „lieben Menschenmägdlein und Knäblein“ erwärmen. Er schaukelt spitzbübisch auf dem Schuh des Puppenspielers und versprüht so auch irgendwie einen Hauch Nostalgie.
Und hat schon die nächste Frage auf Lager: „Worüber verhandeln eigentlich Staatsmänner, mein Lieber„“ Spejbl ist kurz vorm Nervenzusammenbruch und startet eine Ermahnung: „Hurrrrvinek!“ - „Ja, Vatinek??““