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| 14:53 Uhr

Cottbus
Und Alexander Muhr gab alles

Beifall für Solo-Klarinettist Alexander Muhr.
Beifall für Solo-Klarinettist Alexander Muhr. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Man applaudierte gern und lang: 7. Philharmonisches Konzert am Staatstheater Cottbus. Von Irene Constantin

Es ist gar nicht so einfach, als Solist vor den eigenen Orchesterkollegen zu stehen. Soloklarinettist Alexander Muhr wagte es mit Carl Maria von Weber. Dazu gab es Schubert und eine Klarinetten-Uraufführung. Der Erste  Kapellmeister Alexander Merzyn dirigierte anstelle des beurlaubten GMD Evan Christ.

Siebzehnmal nahm Franz Schubert einen Anlauf zum Sprung auf die Bühne. Erfolgreich gelandet ist er niemals; nur „Alfonso und Estrella“ und „Fierrabras“ werden heutzutage hin und wieder aufgeführt. Aber die Ouvertüren haben sich behauptet, die zur „Zauberharfe“ hat es gar ins 7. Philharmonische Konzert in Cottbus gebracht. Das Stück spielt im Ritter-und-Zauberer-Milieu und es müssen gewaltig starke Ritter und sehr mächtige Zauberer sein, wenn man Alexander Merzyn glauben darf. Merzyn ließ das Orchester ordentlich im Forte und Fortissimo donnern, im Piano und Pianissimo wurde eher nicht gezaubert und geharft. Schade, etwas differenzierter und feiner hätte der sogleich folgende Höhepunkt des Abends durchaus vorbereitet werden können: Webers Klarinettenkonzert Nr. 2 Es-Dur.

Der wunderbare Solo-Klarinettist des Orchesters, Alexander Muhr, stand vor der schwierigen Aufgabe, das Publikum und seine Kollegen auch als Konzert-Solist zu überzeugen. Weber war mit dem seinerzeit hochberühmten Klarinettisten Heinrich Josef Baermann befreundet und gab ihm ordentlich „Futter“ mit seinem zugleich sinfonischen und virtuosen Es-Dur-Konzert. Schon die ersten beiden Klarinetten-Töne des 1. Satzes sind mit ihrem riesigen Intervallsprung ein Kunst-Stück für sich. Alexander Muhr ging diesen Satz sehr unprätentiös an. Blendend gespielt in glanzvoll runder, singender Tongebung und butterweichen Übergängen zwischen den Registern blieb er in Körpersprache und Musiziergestus noch immer ein wenig Kollege unter Kollegen. Im zweiten, langsamen Satz mit seiner unendlich schönen melodischen Linie machten es die Kollegen dem Solisten nicht gerade leicht. Die Geigen webten ihren Streicherteppich glatt wie ein Brett, undynamisch, langweilig. Der Solist musste alles geben, um dem ersten Teil des verträumten Satz innere Spannung zu verleihen. Doch an diese langsame Melodie schließt sich ein instrumentales Rezitativ an – und hier überkam das Orchester plötzlich der Geist. Es begleitete den Solisten schier kongenial, ging auf jeden musikalischen Gedanken ein; der kleine Dialog wurde zur musikalischen Sternstunde.

Diesen Schwung und Esprit nahmen alle mit in die große Polonaise, den Schlusssatz. Er fordert alles vom Solisten, und Alexander Muhr gab alles, endlosen Atem, musikalischen Formwillen und zum guten Schluss atemberaubende Virtuosität!

Das Uraufführungswerk des Abends „Pya-ryu“ stammt von der japanischen Komponistin Shiori Usui und entstand in enger Zusammenarbeit mit Muhr. Erprobt wurde, was alles geht auf der Klarinette – sogar so etwas wie ein Flageolett aus dem Mundwinkel. Das Stück erwies sich als putzige Petitesse, gespickt mit allerexperimentellsten Klarinettenklängen und gewürzt mit banalsten Orchesterfetzen. Dem Publikum gefiel der musikalische Witz, man  applaudierte gern und lang.

Zum Schluss noch einmal Franz Schubert, die Sinfonie Nr. 5. Mozartisch leicht ist das Werk besetzt und mozartisch leicht käme es auch daher, wenn da nicht immer wieder Brechungen und Eintrübungen unverwechselbar romantisch und eben nach Schubert klängen. Alexander Merzyn ließ die Sinfonie vor allem schwungvoll spielen. Besonders der zweite Satz gewann so einen schönen Fluss. Leider fehlte in den ersten drei Sätzen jedoch jede noch so kleine Zäsur zwischen den einzelnen musikalischen Gedanken und Phrasen, so dass ein Eindruck von Atemlosigkeit und Hektik entstand. Allein im Schlusssatz Allegro vivace hörte man Gliederungen und Atempausen, und schon kam der wirklich sehr „vivace“, „lebhaft“ genommene Schluss nicht hektisch, sondern luftig und frisch daher. Ende gut, alles gut.