| 17:35 Uhr

Cottbus
Die doppelte Klarinette mit doppeltem Mokka

Die Klarinetten-Zwillinge Gurfinkel.begeisterten am Wochenende beim 4. Philharmonischen Konzert.
Die Klarinetten-Zwillinge Gurfinkel.begeisterten am Wochenende beim 4. Philharmonischen Konzert. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Klarinette blasende Zwillinge, ein doppelter Espresso, umherziehende Trolle, eine rumänische Lerche, ein gastierender Generalmusikdirektor sowie weitere Attraktionen waren am Wochenende im 4. Philharmonischen Konzert des Staatstheaters Cottbus zu erleben. Von Irene Constantin

Mit der Lyrischen Suite op. 54 und den Sinfonischen Tänzen op. 64 war das Konzert eine Hommage auf den 175. Geburtstag des großen Norwegers Edvard Grieg.

Äußerst lyrisch geht es mit den Melodien eines, vermutlich verliebten Hirtenknaben los. Die Geigen setzen ein, himmelhoch, ein klein wenig spitz im Klang, aber alsbald beginnt der Hirte seine norwegische Rohrflöte zu blasen. Der ausgezeichnete Cottbuser 1. Klarinettist Alexander Muhr verleiht ihm die entsprechende sinfonische Form.

Weiterhin bietet die Suite einen eher tänzerisch beschwingten Bauernmarsch, ein sanftes Notturno und schließlich den populären „Zug der Trolle“. Obwohl er es besser wissen müsste, schließlich hat er Ibsens „Peer Gynt“ vertont, sind die Trolle bei Grieg so ungemein niedliche kleine Dinger, dass man sie kuscheln möchte. Keine Idee von faulen Lügnern, bösartigen Betrügern und Fake-News-Verbreitern. Auch Markus L. Frank als Gastdirigent am Pult des Philharmonischen Orchesters konnte da nichts machen, Edvard Grieg selbst neigt wohl ein wenig zur musikalischen Behaglichkeit.

Trotzdem ist nichts langweilig, der Komponist ist ein Meister der Instrumentation. Alle Gruppen des Orchesters entfalten ihre eigenen Farben, haben eigene Klangwelten, eigene charakteristische Aufgaben, separieren und mischen sich auf das Unterhaltsamste.

Wieder einmal war zu hören, wie gut vor allem die Cottbuser Bläser sind.

In der deutschen sinfonischen Tradition des 19. Jahrhunderts ausgebildet, hatte es sich Edvard Grieg zur Aufgabe gemacht, der norwegischen Musik auch im Konzertsaal zu einer eigenen Stimme zu verhelfen. So griff er für seine vier „Sinfonischen Tänze“ auf eine Sammlung von Themen norwegischer Volksmusik zurück. Ob es dem Kontrast zur rauen Natur geschuldet ist oder nicht: Diese volkstümlichen Melodien tendieren auch alle ein wenig zur Idylle.

Erst der letzte der Tänze, im Gegensatz zu den anderen in einer moll-Tonart stehend, ist ein echter spannungsvoller sinfonischer Satz. Der Tanzcharakter wird zugunsten einer dramatischen Durchführung verlassen, endlich ist die Arbeit am Material mit allen dazugehörigen musikalischen Reibungen zu spüren.

Die Musizierfreude bleibt indes in jedem Moment gewahrt, das Orchester spielte sichtlich gern unter der Leitung von Markus L. Frank. Mit einem ordentlich flotten Schlussteil endeten das Werk und das ganze Konzert.

Aber – zwischen Lyrischer Suite und Sinfonischen Tänzen kam das Duo Gurfinkel. Die Zwillingsbrüder Daniel und Alexander setzen mit ihrem Klarinettenspiel eine Familientradition vom Großvater zum Vater fort, und sie legen Ehre ein!

Schon im Doppelkonzert für Klarinette, Viola und Orchester von Max Bruch, bei dem der Violapart natürlich ebenfalls an eine Klarinette fiel, konnte man denken, die beiden hätten schon im Mutterleib synchron geatmet. Beider Klarinettentöne schwangen in derselben Hundertstelsekunde an, endeten im selben Moment, alle Biegungen und Phrasen liefen so unglaublich genau zusammen, als würde ein einziger Musiker zwei Instrumente spielen. Dass beide Instrumente exakt zusammenstimmten, verstand sich von selbst.

Wobei Perfektion eine Voraussetzung für großes Musizieren ist, aber noch nicht das Eigentliche, noch nicht die Seele der Stücke. Aber auch hier sind die jungen Brüder auf dem richtigen Weg zu einem beweglichen, lebendig atmenden Ausdruck. Im langsamen ersten Satz des Bruch-Konzertes konnte man sich daran begeistern.

Frappiert aber war man von der glitzernden Virtuosität der Musiker. Sie spielen Instrumente mit dem französischen Klarinetten-Griffsystem, das Virtuosität und ein helles Strahlen der Töne besonders gut ermöglicht. Damit trumpften sie in der Uraufführung des Abends, Enrico Chapelas Konzertstück „Espresso doppio“ besonders auf. Die beiden Klarinetten waren sozusagen die Essenz, der Duft, das Aroma dieses doppelten Mokkas, während vor allem die Pauke im Orchester den entsprechenden Herz-Sprung abbildete.

Ein Big-Band-Latino-Sound von größter Klangkultur war zu hören, ein bisschen was Jazziges, kurzum, Temperament und gute Laune, verabreicht in musikalischer Form.

Kein Wunder, der Komponist ist Mexikaner. „Ciocarlia“ hieß die super-virtuose Zugabe. Erfunden von George Enescu in seiner 1. Rumänischen Rhapsodie, ist diese rumänische „Lerche“ ein heißgeliebter Renner für Solovioline, Panflöte, balkanpoppige Brass-Band und nun eben auch für zwei grandiose Klarinettisten.

Wer mehr und noch mehr Zugaben möchte, der kaufe die frischgepresste CD, die das Duo Gurfinkel mit dem Cottbuser Orchester unter Evan Alexis Christ gerade eingespielt hat.