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27 IM hinter der Bühne bei Christoph Schroth

Berlin. Mit legendären Inszenierungen hat Christoph Schroth das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin zum herausragenden und kontrovers-politischen Theater der DDR gemacht. Erst jetzt kommt heraus: Sogar eine der engsten Vertrauten des späteren Cottbuser Intendanten spitzelte für die Stasi. Von Felix Johannes Enzian

Die Berliner Journalistin Christiane Baumann hat die Geschichte des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin zwischen 1968 und 1989 erforscht. Vor wenigen Wochen wurde Baumanns Studie "Hinter den Kulissen" veröffentlicht und war sofort vergriffen. Die Autorin konzentrierte ihre Recherchen auf das Schauspielensemble, mit dem Christoph Schroth als Schauspieldirektor und zeitweiliger kommissarischer Intendant zwischen 1974 und 1989 deutsche Theatergeschichte schrieb.

Unter den rund 100 Mitarbeitern im Umfeld des Schauspielensembles befanden sich zwischen 1968 und 1989 27 identifizierte Inoffizielle Mitarbeiter (IM). Zu den Spitzeln zählten sechs Dramaturgen und Regisseure, sechs Bühnenmeister und Bühnentechniker, fünf Schauspieler, fünf Mitarbeiter des Musiktheaters.

Bis zu den aktuellen Enthüllungen war die heutige Theaterleitung nur von wenigen Einzelfällen ausgegangen. Auch für Christoph Schroth sind die Entdeckungen überraschend. Der heute 74-Jährige, der von 1992 bis 2003 Intendant am Cottbuser Staatstheater war, wollte Baumanns Studie zunächst persönlich der Öffentlichkeit in Schwerin vorstellen, sagte dies jedoch wegen seiner angegriffenen Gesundheit ab. Aber er ließ sich von der Journalistin interviewen.

Insbesondere habe Schroth nicht gewusst, dass mit der Dramaturgin Bärbel Jaksch eine seiner engsten Vertrauten am Theater mit dem MfS als "Jutta" intensiven Austausch hatte. "Ich habe nie gedacht, dass sie IM gewesen sein könnte, habe ihr hundertprozentig vertraut und mit ihr immer über alles gesprochen", wird er im Buch zitiert.

Christiane Baumann zufolge schnüffelte Bärbel Jaksch nicht gegen den Schauspieldirektor selbst und setzte sich auch mit wohlwollenden Gutachten beim Geheimdienst für umstrittene Theatervorhaben ein. Die Autorin urteilt: "Was die Berichte von ,Jutta' zur Arbeit mit Schroth angeht, so schien die Dramaturgin zu ihrem Chef die Loyalität wahren zu wollen, schien ihn und die gemeinsame Arbeit möglicherweise sogar schützen zu wollen. Diese Haltung hatte allerdings auch eine Kehrseite, die für andere Kollegen weniger positive Folgen zeitigte." Unter anderem habe die seit 1974 als IM geführte Bärbel Jaksch den Regisseur Jürgen Gosch sowie die Schauspieler Jörg Gillner und Klaus Brasch laut Stasi-Akte denunziert als "Kulturschaffende, die gegen uns arbeiten, denken und produzieren". Auch über den Chefdramaturgen Heiner Maaß habe "Jutta" Informationen weitergegeben und nach seiner Kaltstellung seinen Posten übernommen.

Für Christiane Baumann ist der Fall Jaksch ein Beispiel dafür, dass sich engagierte Theaterarbeit und mögliche Stasi-Tätigkeit nicht unbedingt ausschlossen. Eine Stellungnahme von Bärbel Jaksch gibt es dazu nicht.

Christiane Baumann geht in ihrer Abhandlung auch auf die schwierige Position Christoph Schroths als kritischer Theatermacher und SED-Mitglied ein - wie er gehörte sein künstlerischer Leitungsstab durchweg der Partei an. Schroth habe sich und seine Arbeit "als Teil des sozialistischen Staates verstanden", das Theater zugleich zu einem "öffentlichen Forum" gemacht und durch "geduldiges Taktieren" eine kritische Auseinandersetzung mit der DDR-Gegenwart auf der Bühne ermöglicht.

Das Publikum nahm diese Signale dankbar und begierig auf - zum Beispiel in der "Faust"-Inszenierung von 1979, in der der Eiserne Vorhang geschlossen blieb und schließlich symbolhaft aufgerissen wurde. Sie war mit mehr als 100 ausverkauften Vorstellungen in zehn Jahren der bedeutendste Theatererfolg der DDR. In Christoph Schroths Ära stieg das Mecklenburgische Staatstheater aus der "Kategorie B" zur wichtigsten Bühne der DDR auf. Auch viele Lausitzer Theatermacher wie die Cottbuser Schauspieler Wolf-Dieter Lingk und Thomas Harms, der Neue-Bühne-Intendant Sewan Latchinian und die Senftenberger Chefdramaturgin Gisela Kahl haben damals in Schwerin eine prägende Zeit erlebt.

Durch seine "Faust"-Inszenierung sah sich Christoph Schroth als "unangreifbar" an, schreibt Christiane Baumann. Dieser Ausnahmestatus verhinderte allerdings weder, dass Spielvorhaben der Zensur zum Opfer fielen, noch konnte er 1985 den Parteiausschluss seiner "sehr geschätzten" Schauspielerin Bärbel Röhl nach kritischen Äußerungen verhindern. "Ich weiß, dass wir das dann gemacht haben, wir haben sie ausgeschlossen - aber mit schlechtem Gewissen", blickt Schroth in der Studie zurück. "Diese Sache, diesen Ausschluss haben wir als Niederlage empfunden. Und uns dafür geschämt."

Schroth selbst geriet erst ins Visier der Stasi und ihrer Zuträger, als er eine Auseinandersetzung mit der russischen Pere stroika am Schweriner Theater anstrebte: Ende 1988 eröffnete die Bezirksverwaltung des MfS die Operative Kontrolle "Schauspieler I". Negative Folgen hatte das kurz vor Schroths Weggang ans Berliner Ensemble und kurz vor dem Untergang der DDR offenbar nicht, mit seiner "Wilhelm Tell"-Inszenierung und dem Liederabend "Es kann ja nicht immer so bleiben" lieferte der Regisseur den demonstrierenden Massen im Herbst 1989 noch passende Stichworte.

"Hinter den Kulissen" ist die erste Studie, die sich umfassend mit der Rolle der Stasi an einem DDR-Theater beschäftigt. Die Autorin wertete umfangreiche Dokumentenbestände in Schwerin und zur DDR-Geschichte aus, darunter auch Christoph Schroths Vorlass in der Berliner Akademie der Künste. Trotzdem bleibe diese 200-seitige Arbeit ein "Mosaik" mit "fragmentarischem Charakter".

Von 90 Rechercheanfragen zu IM-Vorgängen seien 33 wegen fehlender Akten ohne Ergebnis geblieben. Als Spitzel habe sich in einem Fall insbesondere der Schauspieler Hartmut Schreier (IM "Jürgen Schwarz") betätigt. Schreier war einem breiten Publikum zuletzt als Kommissar in der ZDF-Serie SOKO 5113 bekannt.

Die Gründe, warum sich Schweriner Theatermitarbeiter in den Dienst des MfS stellten und das Vertrauen ihrer Kollegen missbrauchten, sind Christiane Baumann zufolge vielfältig: Erpressung, Ehrgeiz und politische Überzeugung zählen dazu.

Trotzdem habe die Bühnenkunst unter Christoph Schroth immer wieder als Mittel der kritischen Verständigung wirken können und enorme Strahlkraft entfaltet.