Im Prinzip schon, aber nein, beim Kabarett gibt’s nicht immer was aus vollem Halse zu lachen. Auch nicht beim 25. bundesweiten Studentischen Satire-Festival in Cottbus, das am Sonntag mit dem Satirischen Lese-Bühnen-Brunch in der Cottbuser Mensa der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) sein Finale erlebte.

Exemplarisch: Festival-Dauergast Michael Feindler aus Leipzig, bekannt für charmant-bösartige Lieder, kam in diesem Jahr nachdenklicher denn je daher, da hat er sein Publikum sehr gefordert. „Was essen Sie, wenn keiner hinschaut?“ Das ist schon mal ein Einstieg, aber halt, es handelt sich noch um eine vergleichsweise harmlose Frage. Weiter geht’s, denken wir kurz nach: Welche Eigenschaften sind eher männlich konnotiert? Wer wird eher als rational, wer vorzugsweise als emotional beschrieben? Vater Staat, aber Mutter Natur, klingelt da was? Wer ist es, der unsere Welt dominiert und ramponiert?

Verschnaufpause? Gibt’s eher nicht. Feindler sinniert über unübersichtliche Datenströme, Demokratiekrise und drohenden ökologischen Kollaps. Das macht er sehr sehr intelligent, sehr gedankenschwer, scheut sich auch nicht vor dem Eingeständnis: „Ich habe Angst.“ Was machen wir? „Geht die Welt unter im großen Tumult, trifft uns das auch, doch keine Schuld. . . ?“

Gala der Kurz-Auftritte

Szenenwechsel. Neu in diesem Jahr war das Special „Kabarett mit Sahne“ am Samstagnachmittag in der Brasserie der BTU. Ein kleine Gala der Kurz-Auftritte. „Facility Manager“ Steffen Hagemann (Potsdam), ein Kind der Neubrandenburger Jugendkabaretts Tollense-Stichlinge, kam zu dem Schluss: „Deutschland hängt an seinen Rechtsaußen“, was nicht nur fußballerisch zu verstehen ist. Der Chemnitzer Dr. Nix: „Die AfD hat ihr blaues Wunder erlebt: Sie wird jetzt von Kenianern regiert.“ Der Karlsruher Zacharias Heck, auch Mitglied der Wahrhaft Schwachen, hat einen Lieder-Zyklus über die Liebe geschrieben, „alle negativ“. Der Pädagoge Oliver Eichelhardt (Münster) fragte sich, was eigentlich „normal“ ist und wo der Wahnsinn anfängt. In der Leistungsgesellschaft heißt es: „Burnout? Den haste dir erarbeitet!“ Die Berlinerin Christine Zeides wiederum hat unfreiwillig einen Selbstversuch gemacht, als sie sich mit einem gebrochenen Fuß in der nicht sonderlich behindertengerechten Umwelt zurechtfinden musste. „Kabarett mit Sahne“-Moderator Tilman Lucke setzte dem Ganzen die Krone auf mit dem Abba-Titel „Dancing Queen“, den er für Greta Thunberg in „Schwänzing Queen“ umgedichtet hat.

Apropos Christine Zeides. Sie hatte an einem früheren Kabarett-Sommerkurs der Deutschen Schülerakademie teilgenommen und für sich entschieden: Das ist was, das mache ich weiter. Die Schülerakademie hat auch in diesem Jahr wieder das Ergebnis ihrer Projektarbeit vorgestellt, diesmal sogar nicht als Nachmittags-Special, sondern im Hauptabendprogramm am Sonnabend. Das ging von der „Bahncard 0“ über Lehrfortbildung „Gefühlte Rechtschreibung“ (irgendwann geben sich die Schüler selbst ihre Noten) bis zum zynischen Telefonat mit einer Billig-Näherei in Bangladesch: „Ohne Fleiß kein Preis – Reis, in Ihrem Falle. . .“ Es sind sehr gute Ansätze, es sind aber eben auch noch Schüler, da klappt nicht immer alles. Trotzdem: Immer wieder erstaunlich, welche Ergebnisse da auf die Bühne kommen.

Kabarett der Berliner Medizinstudenten

In einer anderen Liga spielt naturgemäß das OE Kabarett der Berliner Medizinstudenten. Ursprünglich als erheiternder Einstieg ins Medizinstudium während der Orientierungseinheit (OE) in der ersten Humboldt-Uniwoche der Erstsemester gedacht, hat sich das mehr als 20-köpfige Kabarett in den vergangenen Jahren zu einer lustvollen Tradition entwickelt. Die Berliner waren erstaunlicherweise erst zum dritten Mal beim Cottbuser Festival und haben es auch diesmal wieder gerockt. Wie die Studenten ihre Mediziner-Zunft auf den Arm nehmen, ist Sonderklasse. Höhepunkt: das medizinisch-christliche Abendmahl.

Festival der Vielfalt

Für weitere Highlights dieses Festivals sorgten unter anderen Henning Ruwe und Martin Valenske (Berlin) mit modern-flottem Politkabarett: Die AfD sagt: Umweltschutz heißt Heimatschutz. – Den Spruch habt ihr doch von der NPD! – Na und? Man muss ja nicht jede Idee schlecht finden, nur, weil sie von links kommt!“

Und RO(hr)STOCK. Das dienstälteste deutsche Studentenkabarett ist gerade 50 geworden und hat als einzige Gruppe an allen 25 Festivals in Cottbus teilgenommen. Die Rostocker boten ein Best of der klassischen Art mit Selbstironie („Reih dich ein in unsere Rollatorfront“), toller Ökologie-Thematisierung („Es tut uns leid, Pocahontas“), und zwar einigermaßen gendergerecht („Pflanzen und Pflanzinnen“). Das alles unter der Überschrift „KvF“: „Kabarett vor Future“. Einziger Einspruch: Es muss heißen Kabarett mit Future. In aller Vielfalt. Das hat dieses Festival wieder demonstriert.