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| 17:02 Uhr

23. Satirefestival in Cottbus
„Das nennt man angewandte Physik!“

Tilman Lucke (l.) und Martin Valenske überlegen, mit welchen „Ei(n)fällen“ sie das Publikum noch überraschen können.
Tilman Lucke (l.) und Martin Valenske überlegen, mit welchen „Ei(n)fällen“ sie das Publikum noch überraschen können. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Unbeeindruckt vom Orkantief „Friederike“ haben die Freunde des Kabaretts am Donnerstag das 23. Satirefestival in Cottbus eröffnet. Peter Blochwitz

Andere, nämlich politische Tiefs, standen im Mittelpunkt der Eröffnungsgala im Großen Haus des Staatstheaters Cottbus. Das Festival unter dem Motto „Ei(n)fälle“  dürfte aufgrund der vielen politischen Steilvorlagen, die es in jüngster Zeit gegeben hat, ziemlich spannend werden, mutmaßt dann auch Eröffnungs-Moderator Thomas Paul Schepansky (Bielefeld), der den Grönemeyer-Hit „Kinder an die Macht“ auf eigene Weise interpretiert: Kindereien der „obersten Führer“ Nordkoreas und der USA, Kindereien deutscher Spitzenpolitiker im Zusammenhang mit den Folgen der Bundestagswahl.

Diese ist – im Vergleich zu anderen Wahlen, die es im vergangenen Jahr in Europa gegeben hat, „der BER unter den Wahlen“, konstatieren Tilman Lucke und Martin Valenske vom Jungen Kabarett der Berliner Distel. Sie sind nicht zum ersten Mal mit ihrem Late-Night-Politcomedy Format „Frisch gepresst“ in Cottbus und ledern gewohnt bissig los: „Unter Merkel hat die deutsche Politik mehr Männer verloren als die Bundeswehr Soldaten in Afghanistan.“ Kein Wunder: „Befasste sich Angela Merkel nicht in ihrer Doktorarbeit mit der Geschwindigkeit von Zerfallsprozessen? Das nennt man dann angewandte Physik!“

Kurz mal weg von der Politik, hin zum täglichen Leben. Für diese Wendung sorgt der Würzburger Andy Sauerwein, den sich Lucke und Valenske als Gast in die Show geholt haben. „Weil ich ein toller Typ“ bin, singt Sauerwein nun, musikalisch unterstützt von den Federweissen. Leider müssen sich Männer heutzutage eine Menge einfallen lassen, um Frauen zu beeindrucken. Früher konnte man beispielsweise noch punkten mit seiner Fähigkeit, zügig und souverän ein Auto einzuparken. Aber heute? Einparkhilfe! Kann doch jeder!  Da nützt es auch nicht mehr viel, wenn Valenske an die Heckscheibe schreibt: „Ich parke noch analog.“

Zurück zur Politik. Valenske: „Die Mehrheit der AfD-Wähler, Pegida-Mitläufer und Flüchtlingsheim-Anzünder sind Männer. Deswegen heißt es ja auch Herrenrasse.“

Lucke wiederum thematisiert das weltweite Bienensterben. „Die Bienen gelten inzwischen als die SPD des Tierreichs. Mit dem Unterschied, dass die Bienen vorher nützlich waren.“ Eine Einschränkung: „Die Bienen sterben auf der ganzen Welt, außer in der Türkei.“ Wieso? „In der Türkei gab’s noch nie einen Völkermord.“

Über Trump („Fake America great again“), deutsche Paketzustelldienste („Ich bin Subunternehmer. Also so ’ne Art freischaffender Sklave.“), Erdogans Wahlzettel oder Sauerweins scheiternde Liebeserklärungen geht es endlich nach Russland: „Das gedopte Land.“ Dort findet in diesem Jahr ja die Fußball-Weltmeisterschaft statt, weshalb die Fifa extra ein paar Regeln geändert hat: „Der russische Strafraum wird nach Sibirien verlegt.“ Und: „Bei Unentschieden findet ein Elfmeter-Erschießen statt.“

Ach, und eine Wahl gibt’s dort auch demnächst: „Russland sucht den Superzar.“ Womit die Klammer geschlossen werden kann zur Bundestagswahl. „Wir befinden uns  im Zeitalter des Grokoko und freuen uns auf so manchen Grokodeal.“ Da  sich sich das  wie Krokodil anhört, gibt’s zum Schluss noch einen Song zur Melodie von „Schnappi, das kleine Krokodil“.

Fazit: Eine Menge Satire mit  Musik. Leider war nicht alles akustisch gut zu verstehen, besonders bei den Gesangsnummern, sodass manche Pointe unterging.

Nachdem am Freitagabend sechs weitere Festival-Teilnehmer auf der Bühne standen, darunter die Dauerbrenner von ROhrSTOCK und die Magdeburger Hengstmann Brüder, zeigt sich  am Sonnabend zunächst der Nachwuchs. In der Cottbuser Mensa der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg  um 15 Uhr das Kabarettensemble der Deutschen Schülerakademie. Es präsentiert den Crashkurs „Faktenlos an die Macht“ und verspricht:  „Wir zeigen euch alles, was ihr braucht, um ein erfolgreiches Leben zu führen – sei es bei der Wahl des richtigen Kaffees, bei der Suche nach der großen Liebe oder beim Aufbau eurer kleinen persönlichen Diktatur à la Donald Trump.“ Die in den Sommerkursen der Schülerakademie erarbeiteten Programme waren in den vergangenen Jahren von hoher inhaltlicher und spielerischer Qualität. Tja, wenn die künstlerische Leitung bei Tilman Lucke und Martin Valenske liegt . . . Ebenfalls ab 15 Uhr auf der Mensa-Bühne steht das Schülerkabarett Tollense Stichlinge aus Neubrandenburg.

Am Abend folgen in der Mensa ab 19.30 Uhr  Nächstenliebe (Berlin), Michael Feindler (Leizig) und Peter Fischer (München).  Im Konservatorium stellen sich ab 19.30 Uhr Die Wahrhaft Schwachen aus Karlsruhe, das Hallenser Duo Klavierreim sowie Beier und Hang (München) dem Publikum. Beendet wird das Festival am Sonntag ab 12 Uhr mit dem Satirischen Lesebühnen-Brunch.


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Einfällle Logo FOTO: Schubert, Sebastian / LR