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| 16:40 Uhr

Kabarett
„. . . ist Diarrhö doch kein Problem“

„Die Wahrhaft Schwachen“ aus Karlsruhe haben sich am Samstagabend im Konzertsaal des Cottbuser Konservatoriums vorgestellt.
„Die Wahrhaft Schwachen“ aus Karlsruhe haben sich am Samstagabend im Konzertsaal des Cottbuser Konservatoriums vorgestellt. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Das 23. Satirefestival in Cottbus erlebt eine kleine Renaissance des Ensemble-Kabaretts. Blochwitz

Wieder hat es erfreuliche Entdeckungen beim Kabarett-Treffen der Studiosi gegeben, das sich jetzt völlig zu Recht Satirefestival nennt. Es ist ja schon seit Jahren ein Zusammenspiel von Kabarett, Film, Bildender Kunst, Literatur, Musik und Wissenschaft – dargereicht  in der überaus populären  Form des Science Slam..

Die Tendenz zu kleinen Formationen war in der Szene  in den vergangen Jahren zu beobachten: Ein Solist oder zwei Leute stehen auf der Bühne, machen das gut. Selbst der Klassiker ROhrSTOCK, das dienstälteste deutsche Studentenkabarett, 1970 gegründet und allein bei allen 23 Cottbuser Festivals vertreten, sucht händeringend Nachwuchs und brachte in diesem Jahr  immerhin drei Akteure an den Start.

Kabarettfestival „Ei(n)fälle“ in Cottbus FOTO:

Und dann stellen sich Die Wahhaft Schwachen aus Karlsruhe mit neun  Leuten auf die Bühne und bieten einen der prägenden Sätze des Festivals: „Die Zusammenhänge dieser Show sind zum Teil sehr subtil.“ Zeigen, dass man mit bloßer Mimik den Saal zum Kochen bringen kann, haben dabei doch  einen künstlerischen, intellektuellen Ansatz – und können überzeugen. Das Ensem­ble-Kabarett lebt!

Dabei ist natürlich überhaupt  nichts zu sagen gegen die beiden politsatirekabarettistischen Hengstmann Brüder aus Magdeburg Gott bewahre, die sind Kult. Oder gegen den fantastischen Würzburger Robert Alan, der seine „Bachelor-Arbeit über Humor abgeschrieben“ hat, „Bitch“  für das ältere Publikum mit „Prinzessin“ übersetzt und dem man gern „auf Flixbus folgen“ möchte.  Nichts gegen das Hallenser Duo Klavierreim („Ich bin ein Einhorn“, „Bowlingbahnsong“), das sich unter anderem über „Menschen mit Immatrikulationshintergrund“ Sorgen macht. Oder wer will nicht mehr sehen und hören von Beier und Hang aus München:  „Reden ist Silber, Ausreden Gold.“ Die eine literarische  Kochshow vom Feinsten im  Repertoire haben – unter anderem „Emil und die Digestife“.

Aber es ist eben einfach verblüffend, dass es auch noch Gruppen gibt wie das OE Mediziner Kabarett aus Berlin. Mit 21 Leuten auf der Bühne! Festival-Rekord. Aber wie jetzt: Die studieren Medizin? Ja, klar, sie wissen, wovon sie reden. „Man kann sich kranklachen, sogar totlachen, Lachen ist ansteckend – also sehr gesund klingt das ja nicht . . .“ Sie karikieren Oberärzte, interviewen  OP-Ärzte, die nach getaner Arbeit im Stile von Fußballern wie Lukas Podolski und Oliver Kahn über die vergangenen 90 Minuten referieren.  Zum Brüllen! Was aber noch gesteigert werden kann, wenn frauliche Engelszungen die ausbleibenden Tage besingen oder nebenbei  erklären: „Wenn mir ein Mensch wie du so wichtig ist, ist  ist  Diarrhö doch kein Problem.“ Unfassbar. Auch, dass dieses Kabarett in Cottbus seinen allerersten Auftritt außerhalb der  Charité  hatte.  Bei dieser programmlichen, darstellerischen und gesanglichen Qualität! Die Entdeckung des 23. Cottbuser Satirefestivals.

Er ist keine Entdeckung, sondern ein Urgestein, sorgt  aber immer wieder gern  – dem Festival-Motto „Ei(n)fälle“ folgend –  für überraschende Einblicke:  Moderator Thomas Paul Schepansky hatte sich zum 23. Festival die  Zahl 23 vorgenommen, das die Zahl der Illuminaten sei. Und verdächtig oft vorkomme, wenn man sich mit dem Kabarett-Treffen und seinen Pro­tagonisten beschäftige . . .

23 sind die Mädchen und Jungen, die  den Kabarettkurs derDeutschen Schülerakademie absolviert haben, noch lange nicht.  Der Kurs stellt seit fünf Jahren unter der Losung „Hier ist die Zukunft“ sein im Sommer unter der Leitung der Berliner Kabarettisten Tilman Lucke und Martin Valenske erarbeitetes Programm in Cottbus vor. Es hieß diesmal „Faktenlos an  die Macht“ und wurde prima ergänzt vom Neubrandenburger Schülerkabarett Tollense Stichlinge. Sehr politisch, ziemlich aufgeweckt und in der Tat eine Verheißung für die Zukunft.  Es wäre dann doch extrem schade,  wenn es – wie zu hören – für diesen Kurs kein Geld mehr gäbe.