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| 16:36 Uhr

Konzertkritik
Gänsehaut zwischen Autorennen

Ido Arad (r.) stellte sich als zweiter Bewerber um die Position des Chefdirigenten vor. Spannend war auch die Begegnung mit der amerikanischen Sängerin Zoie Reams.
Ido Arad (r.) stellte sich als zweiter Bewerber um die Position des Chefdirigenten vor. Spannend war auch die Begegnung mit der amerikanischen Sängerin Zoie Reams. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Leonard Bernstein war das 2. Philharmonische Konzert am Staatstheater Cottbus gewidmet. Es dirigierte Ido Arad, einer der Bewerber für den Generalmusikdirektor. Von Irene Constantin

„Die verkaufte Braut“, die „Dreigroschenoper“, der „Freischütz“, das sind Werke, die ihren Schöpfern Segen und gleichzeitig Fluch bedeuteten. Die Erfolge waren riesig, aber ihre Popularität erdrückte alles, was Smetana, Weill, Weber sonst noch so hervorbrachten. Leonard Bernstein ging es mit der „West Side Story“ nicht anders. Eine Romeo-und-Julia-Geschichte muss zu Herzen gehen, sie ist der eine Erfolgsgarant. Den anderen konnte man im Konzert erleben, die sofort ins Ohr gehende, mitreißende Musik. Die „Sinfonischen Tänze“ aus der „West Side Story“ eröffneten das Programm.

Mit dem „diabolus in musica“, einem Tritonus-Motiv, beginnt die Tanzfolge. Spannungsreich ist der weitere Verlauf; ohne Rücksicht auf den Handlungsablauf des Musicals erlebt der Hörer schroffe Kontraste. Knallige fast perkussionistische Teile wechseln mit den bekannten Sehnsuchtsmelodien „Somewhere“ und „Maria“, harte Rhythmen und spitzige Jazztrompeten weichen graziösen Flötentönen. Passagen wie die Feindseligkeiten aufpeitschende „Fugue“ werden von der Trauer um vergebliche Träume abgelöst.

Die Suite ist ein extrem schwieriges Stück, ein Solo-Konzert für jede einzelne Orchestergruppe. Ido Arad hat sich Zeit gelassen, das Zusammenspiel, die musikalischen Staffelübergaben von einer Instrumentengruppe zu perfektionieren. Ein bisschen Swing kam dabei abhanden; umso genauer war hör- und erkennbar, wie modern Bernstein komponierte. Arad demonstrierte geradezu die melodischen Abbrüche, harmonischen Reibungen, rhythmischen Vertracktheiten. Das Orchester folgte ihm höchst präzise und mit spürbarer Spiellust.

Etwas weniger ausgefeilt kam „Fancy Free“ daher, eine Ballettmusik des noch wenig bekannten 26-jährigen Bernstein. Das Ballett beschreibt den Landgang dreier Matrosen, man bummelt, man tanzt, man gibt vor der Damenwelt ein wenig an, bummelt weiter. Keine große Sache, keine dramatische Musik, einfach ein schwungvolles, jazzig-flottes Stück Musik, und gerade so wurde es gespielt. Dem Publikum gefiel es. Man ging heiter in die Pause. Das neue Werk im Programm – modern muss man den Klassiker Bernstein ja auch nennen – war diesmal keine Ur- sondern eine deutsche Erstaufführung. Es erklang „Go“ des 1980 geborenen US-Amerikaners Adam Schoenberg. Ein Kammerorchester spielt Autorennen. Vier Solo-Streicher lassen per Glissando die Motoren warmlaufen, und dann groovt das Orchester los. Die Motorenklänge entwickeln rhythmische Überschneidungen und melodische Verläufe, stilistisch gar nicht fern von Bernsteins Jazz. Ido Arad trieb das Orchester launig um die Runden, nur wer gewonnen hat, war nicht festzustellen.

Das Schluss- und Hauptwerk des Abends zeigte den Komponisten Leonard Bernstein von einer ganz anderen Seite. Seine 1. Sinfonie „Jeremiah“ ist ein Klagegesang. Die Jeremias-Verse aus dem Alten Testament beschreiben die Zerstörung und Entweihung des Tempels in Jerusalem durch die Babylonier unter Nebukadnezar. Der erste, langsame Satz ist ein dichtes Klanggewebe, tief ernst und ausdrucksstark. Leise verklingend, sich selbst aushauchend endet dieser Satz als ein großer orchestraler Bogen. Ivo Arad formte einen warmen, äußerst dichten Klang, in manchen Streicher-Passagen an Schostakowitsch erinnernd. Der zweite, schnelle Satz heißt „Profanation“. Entweihung. Melancholie, Verwirrung, Chaos ereilt das Volk Israel. In synkopischer Hast und Hektik treibt Bernstein, treibt auch Arad diesen Satz voran – bis im letzten Satz der Mezzosopran das eigentliche Klagelied singt. „Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war!“ heißen die ersten Verse in der Luther-Übersetzung, Bernstein benutzt das hebräische Original. Das melodische Material ist hebräischer liturgischer Musik entnommen, obwohl kein einziges originales Zitat vorkommt. Bernstein war von der synagogalen Musik von Jugend an geprägt. Zoie Reams sang das Klagelied, ihre Stimme ist reich, warm, fein schattiert. Eine außerordentlich eindringliche Interpretation.

Nach dieser Trauermusik eine Zugabe? Eine einzige war möglich, „Somewhere“. Zoie Reams, das Orchester, der Dirigent erzeugten Gänsehaut.