Fahrkarte auf Piano Dabei stand es nicht in der ersten Arie, dass sie in Cottbus Wurzeln schlagen würden. Der Solo-Posaunist Karl Esbach (Jahrgang 1937; Cottbus 1958-1990), als er aus Döbeln ankam und den damaligen Baracken-Bahnhof sah, sagte sich: "Hier bleib ich nicht." Und blieb doch. Schließlich leitete er neben vielen musikalischen Theateraufgaben "Die Original Spreewald-Musikanten". Er ist ein trefflicher Geschichtenerzähler. Er hatte einen musikalischen Vater und durfte in dessen Kapelle als Pianist mitspielen. Niemals so gut, wie er später als Posaunist war. Jedenfalls legten ihm die Kollegen oft Fahrkarten auf das Klavier. Sollte heißen: "Wieder mal aus dem Rhythmus ausgestiegen!" 1978 hatte er ein Lied auf den ersten Deutschen im Weltall Sigmund Jähn geschrieben. Das hatte wirklich den Weg in einen Hörerausscheid gefunden. Im Cottbuser Stammlokal ließ er Karten unterschreiben, die das Lied unterstützen sollten. Einmal hatten "Die Original Spreewald-Musikanten" den Auftrag erhalten, vor den Teilnehmern einer RGW-Tagung der Landwirtschaftsminister zu spielen. Die fand in Bronkow (Oberspreewald-Lausitz) statt. Das verwechselten sie mit Beeskow (Oder-Spree). Dort fanden sie natürlich nur verschlossene Türen. Kaum zu glauben: Als sie Stunden später in Bronkow ankamen und ihre Musik zu Gehör brachten, wurden sie gefeiert, "und dann wurden die ,Sto gramm' in Mundspülgläsern herumgereicht." Sängerin auf Notenbank Marie-Luise Heinritz (Jahrgang 1937; 1971- 2002) war 18, als sie von der Notenbank zur "Notenbank" wechselte, vom Geldinstitut zum Opernchor des Meininger Theaters. Aber sie wollte solo singen. Deshalb studierte sie und kam dann als Mezzosopranistin und Altistin nach Cottbus. Auch sie: "Dieser Bahnhof, nein." Dass diese Ankunft kein Schock fürs Leben wurde, ist einigen Partien zu verdanken, mit denen sie den Durchbruch schaffte: die Maddalena im "Rigoletto" und die Frau Reich in "Die lustigen Weiber von Windsor". Eine wunderbare, unverwechselbare Sängerin und Darstellerin! Ein Filmausschnitt der Art, wie sie in Theatern bei Inszenierungsarbeiten gefertigt werden, zeigt sie als geheimnisvoll wirkende Gräfin in "Pique Dame". Sie erwarb sich einen Ruf über Cottbus hinaus. Noch fünf Jahre, nachdem sei zum letzten Mal auf einer Bühne gestanden hatte, erhielt sie in der vergangenen Woche einen Anruf aus Köln, ob sie im "Blaubart" einspringen könnten. "Einmal muss aber Schluss sein." "Unterlassene Hilfeleistung" Was macht ein Sänger-Schauspieler, wenn er auf der Bühne einen "Hänger" hat? Der Sänger Joachim Gäbler (Jahrgang 1930; 1967-1996) erinnert sich einer Begebenheit, die ihm in Potsdam widerfuhr. In einer Szene als Doolittle mit Alfred Struwe (Higgins) fehlte ihm plötzlich der Text. Sekunden vergingen, sie erschienen ihm wie Stunden, und die Souffleuse half nicht. Da rief er: "Mensch, Mädchen, sag doch endlich was!" Was natürlich ganz unprofessionell war. Zum Glück sind solche Momente selten. Gäbler spielte viele Bassrollen von Sarastro bis Doolittle. Entdeckt wurde er gleich nach dem Krieg in Dresden. Er lernte damals Elektriker und sang in einem Volkschor. Am Tag Reparaturen, abends Proben. Er wurde zum Vorsingen in der Semperoper vermittelt. Als er sich dort meldete, sagte Professor Arno Schellenberg: "Das kann doch nicht wahr sein, das ist ja mein Elektriker!" Was aber wahr wurde, war eine glänzende Karriere mit 110 Partien. Cottbuser Postkutscher Wer Hans-Joachim Schröpfer (1934; 1966-1999, danach Gastrollen) nicht von der Bühne kennt, kennt ihn vielleicht als Postkutscher. Als solcher hat er erst mehrere Erste Parteisekretäre und später mehrere Bundespräsidenten sowie Oberbürgermeister deutscher Großstädte begrüßt. Eine Rolle, die so recht zu dem Mann der heiteren Muse passt. Er lodert für dieses Genre: "Operette ist ein Märchen für Erwachsene", sagt er. "Jeder weiß, es ist nicht so, wie es vorgeführt wird, aber die Figuren haben etwas von mir." Vom "Vetter aus Dingsda" bis zum "Messeschlager Gisela" zog er seine aktive Cottbuser Bahn. Demnächst steht er wieder im Musical "Anything goes"von Cole Porter auf der Bühne Zur Ehrenrettung von Bahnhöfen sei gesagt: Der Bahnhof, der verdienstvollen Künstlern im "Kaffeeklatsch" bereitet wird, ist aller Ehren wert. Wer noch mehr über das Theater erfahren möchte, der sei noch einmal auf das bild-, fakten- und anekdotenreiche Buch "Im Rampenlicht" (15 Euro, ISBN 978-3-928696-92-0) von Birgit Mache hingewiesen.