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| 17:58 Uhr

Saisoneröffnung
Stippvisite beim Nachbarn Österreich

 Die Philharmonischen  Konzerte am Staatstheater Cottbus (Probenfoto) gehen in dieser Saison thematisch auf Reisen durch Europa. 
Die Philharmonischen  Konzerte am Staatstheater Cottbus (Probenfoto) gehen in dieser Saison thematisch auf Reisen durch Europa.  FOTO: Marlies Kross
Cottbus. 1. Philharmonisches Konzert am Staatstheater Cottbus mit unvollendeten Stücken.

Die neue Konzertsaison schickt die Zuhörer auf eine Europareise. Nachbar Österreich glänzte zu Beginn mit unvollendeten Stücken. Alexander Merzyn dirigierte Schuberts 7., Bruckners 9. und „Periculum – Szenen einer Empörung“ von Philipp Manuel Gutmann.

Franz Schubert hatte die Stirn, seine „Unvollendete“ einfach unvollendet liegen zu lassen. Ihm muss nach kurzem Herumprobieren an einem dritten Satz klargeworden sein, dass den zwei Sätzen der h-moll-Sinfonie nichts mehr hinzuzufügen war. Vom heiteren Nach-Klassiker war Schubert mit dieser Sinfonie in die Bewusstheit menschlicher und künstlerisch-politischer Konflikthaftigkeit vorgestoßen. In seiner Erzählung „Mein Traum“ hatte er seine neue Künstler-Erkenntnis in Worte gefasst: „Wollte ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz.“

Vor allem im 2. Sinfoniesatz ist dies unmöglich zu überhören. Nach einem Beginn, wie er zarter nicht sein kann – ein Klarinettensolo zum Niederknien – fährt nach geheimnisvoller Violin-Überleitung das volle Orchester mit schreiender Wucht ins Idyll. Gerade diese Stelle ließ Alexander Merzyn mit besonderer Inbrunst musizieren. Auch der erste Satz der Schubert-Sinfonie leuchtete mit herrlichen Gesangslinien und feinen Soli über einem warmen Mischklang. Trotz aller schmerzlich-melancholischen Melodieseligkeit war die Interpretation temperamentvoll und erfreulich ungekünstelt; eine Freude zu hören.

Schubert goss seinen Schmerz in Melodien-Kontraste, der 1993 geborene Wiener Komponist Philipp Manuel Gutmann vertraute seine Empörung heute, 200 Jahre später, dem Rhythmus an. Sein knapp zehnminütiges Stück „Periculum“ (Gefahr) beginnt mit quasi motorisierten, krassen Streicherakkorden, gekrönt von wimmeligen Bläserskalen, die sich mehr und mehr zu Glissandi verschmieren. Immer disharmonischer wird der Orchesterklang, schreiende Melodiefetzen nehmen Marschcharakter an; man fühlt sich an Strawinski und Schostakowitsch erinnert. Schließlich überholt sich ein grobschlächtiges Daherstampfen gleichsam selbst und bleibt am Ende einfach stehen. „Periculum“ ist ein Programmstück und mit einer Warnung vor den Gefahren stumpfsinniger Marschierer-Macht sicherlich nicht fehlgedeutet. Gutmann nutzt für dieses Cottbuser Auftragswerk ein klassisches, groß besetztes Orchester, lässt die Instrumente auf herkömmliche Weise klingen und beweist, dass auch diese Mittel für ein höchst aktuelles Werk taugen.

Der, um im österreichischen Kontext zu bleiben, „Großglockner“ des Abends war das gewaltige Fragment der 9. Sinfonie Anton Bruckners. Drei Sätze konnte er am Ende seines Lebens vollenden, einen vierten nur andeuten. Aber hier fragt sich der heutige Hörer, was den vorliegenden Sätzen noch hinzugefügt werden sollte.

Bruckner ist der Meister gewaltiger musikalischer Bauwerke. Kleinste Themen und Melodiefragmente entwickelt, verändert, steigert er, bis es schlechterdings nicht weitergeht. Die Musik gipfelt sich gewaltig auf, bricht ab, holt Atem, beginnt sich von Neuem aufzubauen. Spiralförmige Steigerungen. Die Verwandtheit der Motive, hier Terz- und Quintbewegungen, geben den riesigen Musik-Bergen ihren inneren Zusammenhalt. Der erste und letzte Satz der Neunten sind exemplarisch nach diesem Muster gearbeitet. Im Mittelsatz „Scherzo“ geht es so unscherzhaft zu  wie in keiner anderen Bruckner-Sinfonie. Etwaige älplerische Tänze sind zu einem martialischen Stampfen entartet, verkrampfte Körper toben sich hier aus oder Maschinenwelten bedrohen die Berg-Idyllen.

Alexander Merzyn regierte und disponierte die Musikmassen außerordentlich souverän, auswendig! Jede Steigerung hatte ihr richtiges Maß, jede melodische Stelle war ein erholsames Ausschwingen. Ein Extragenuss die wunderbar homogen und klangschön musizierende beeindruckende Phalanx der acht Hörner. Dank lebhafter Tempi riss die Spannung über eine ganze Stunde keinen Moment ab. Bravo für das große Orchester, das in allen drei Werken sehr schön klang, Bravo für den Dirigenten. So darf die musikalische Europareise weitergehen.

 Die Philharmonischen  Konzerte am Staatstheater Cottbus (Probenfoto) gehen in dieser Saison thematisch auf Reisen durch Europa. 
Die Philharmonischen  Konzerte am Staatstheater Cottbus (Probenfoto) gehen in dieser Saison thematisch auf Reisen durch Europa.  FOTO: Marlies Kross