„Wir leben von unseren Eintrittsgeldern.
Unser Antiquariat
ist nur Nebenkriegsschauplatz.“
 Werner Borchert, Ladenbesitzer und Chef der Bücherstadt Tourismus GmbH


In dem Konversionsprojekt zur Umwandlung militärischer in zivile Anlagen sollte die Zukunft den Antiquariaten gehören. Doch nun wirft auch der letzte Profihändler mit seinen rund 200 000 Büchern das Handtuch. Rainer Minx gibt auf.

„Dazu gibt es nichts mehr zu sagen“, sagt der 50-jährige Doktor der Philosophie und klingt verbittert. „Ich höre am 30. Juni nächstes Jahres auf, ab 1. Januar ist Ausverkauf.“ Fast 20 Antiquare haben sich bemüht, dem ab 1910 zur Militärstadt ausgebauten Ort ein neues Gesicht zu geben.
Minx hat am längsten die Stellung gehalten. Energisch trägt der schmale Mann mit dem kurzen Bart und den runden Brillengläsern einen Stapel Bücher davon. Dann kommt er zurück. „Es gibt große Rabatte, können Sie noch schreiben“, sagt er ironisch und räumt den nächsten Stapel weg. Dann erzählt er doch noch ein bisschen: Zu hohe Mieten, zu wenig Umsatz, kaum Besucher, die sich wirklich für Bücher interessieren, eine miserable Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.

„Es geht nur noch um Bunker“
Und dann ist da noch ein schwerwiegendes Problem: die Militärgeschichte des Ortes mit den NS-Wehrmachtsführungsbunkern und deren Vermarktung. „Was hier passiert, ist eine Remilitarisierung“, schimpft der Antiquar. „Es geht nur noch um Bunker, da mache ich nicht mehr mit.“ Ein paar Meter weiter am anderen Ende der „Bücherstadt“ mit ihren vier Verkaufsgebäuden regiert das Militär. „Bunkershop“, steht auf einem gelben Schild, „Antiquariat & Militaria“. Im Fenster drei Bücher: „Kampfflugzeuge von heute“, „Erinnerungen eines Panzerschützen 1941-1945“ und dick und vergilbt „Unser Vaterland in Waffen“. Dazwischen ein Porzellanteller mit Kriegsschiff und Flaggen sozialistischer Staaten. „Ueckermünder Hafenwoche Waffenbrüderschaft“ steht darauf. Auf dem Büchertisch daneben: Hanni und Nanni, Plutarch, Konsalik, Rosamunde Pilcher, eine „Kleine Geschichte des Ersten Mai“.
Im „Bunkershop“ hat sich Jens Schmalenberger sein Reich aufgebaut. Seit gut zwei Jahren betreibt der 42-jährige Zahntechniker und Hobbyhistoriker den Laden, seit sechs Jahren bietet er Bunkerführungen an. Die Besucher hätten oft nach mehr Informationen gefragt, erzählt er. „Da kam dann die Idee mit dem Laden, um zu zeigen, wo das Wissen herkommt.“ Und dann zeigt er auf das Geschäft gegenüber: „Herr Borchert ist die Bücherstadt.“
Werner Borchert ist seit 2003 dabei und Geschäftsführer der Bücherstadt Tourismus GmbH. Hier starten die Bunkertouren. „Wir leben von unseren Eintrittsgeldern“, sagt er. „Unser Antiquariat ist nur Nebenkriegsschauplatz.“ Von wachsenden Erfolgen erzählt er und von steigenden Besucherzahlen. „Elitäre“ Lesungen mit unbekannten Autoren und „fünf, sechs Gästen“ sind längst eingestellt worden. Stattdessen wird für die Vermietung von Gulaschkanonen geworben. „Wenn wir uns nur noch auf die Militärhistorie konzentrieren würden, wären wir in wenigen Jahren ein kerngesundes Unternehmen.“
Als „Bücher- und Bunkerstadt“ wird Wünsdorf inzwischen angepriesen. „Jeder, der in Bunker geht, kann lesen“, beschreibt der 56-jährige frühere MDR-Journalist kurz sein Konzept.
Die Kultur soll die 86-jährige Witwe des Karikaturisten und „Dalli-Dalli“-Schnellzeichners Oskar, Annemarie Bierbrauer, aufpeppen. Sie ist mit dem Eigentümer der Gebäude befreundet und will in einem der einst kaiserlichen Pferdeställe ein kleines Museum mit den Werken ihres Mannes eröffnen.

Polit-Pominenz sagt Feier ab
Dass Brandenburgs Ministerpräsident, die Kulturministerin des Landes und auch der Landrat zur Geburtstagsfeier am Wochenende abgesagt haben, hat Borchert ein wenig verstimmt. „Wir ackern hier wie die Rummelnutten“, sagt er. Doch dass zum zehnjährigen Bestehen auch der letzte Profiantiquar seinen Abschied ankündigt, scheint ihn nicht wirklich zu betrüben: „Wir haben so viele Bücher, das reicht für ein Jahr.“ Und das nächste Event nach dem Jubiläum folgt bereits Mitte Oktober: Ein „Militärfahrzeugtreffen Bunkerpark Wünsdorf“ samt „Mitfahrgelegenheit auf einem Panzer“. www.buecherstadt.com