Die Auswirkungen des Trump-Schocks sind am Mittwoch in Berlin unübersehbar: Vor der amerikanischen Botschaft steht ein Blumenstrauß, daran befestigt: ein unleserlicher US-Pass. Goodbye Amerika, soll das wohl heißen.

Im Kanzleramt tritt pünktlich um zwölf Uhr mittags - "High Noon" - Angela Merkel vor die Presse. Das Wort "herzlich" kommt ihr bei ihrer kühlen Gratulation nicht über die Lippen. Und in den Bundestagsgebäuden erlebt man Abgeordnete, die regelrecht fassungslos sind.

Der Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen hat das politische Berlin eiskalt erwischt. Was auch daran liegt, dass es dem Vernehmen nach im Vorfeld der Wahl fast keine Kontakte zum Trump-Lager gab. Sie waren aus Angst vor der öffentlichen Reaktion nicht gewollt. Außerdem glaubte man fest an einen Sieg von Hillary Clinton.

Jetzt, so heißt es, müsse abgewartet werden, wer und was da aus Washington komme. Klar ist: Die nächsten Wochen werden mit Blick auf die transatlantischen Beziehungen erst einmal unberechenbar sein.

An Merkels Seite im Kanzleramt: ihr außenpolitischer Berater Christoph Heusgen. Er beobachtet den Presseauftritt der Kanzlerin genau, bei dem sie jedes Wort vom Blatt abliest. Heusgen wird in nächster Zeit eine noch wichtigere Rolle zukommen. Merkel warnt: Wen das amerikanische Volk zum Präsidenten wähle, "hat Bedeutung weit über die USA hinaus". Derjenige trage Verantwortung, "die beinahe überall auf der Welt zu spüren ist". Deutschland und Amerika, so Merkel weiter, seien durch Werte wie Demokratie, Freiheit und den Respekt vor der Würde des Menschen miteinander verbunden. "Auf der Basis dieser Werte biete ich dem künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten eine enge Zusammenarbeit an." Das ist ihre Bedingung. Wird Trump, der Merkel im US-Wahlkampf wegen ihrer Flüchtlingspolitik scharf attackiert hat, auch einschlagen?

Lediglich zweieinhalb Minuten dauert die Erklärung, Merkel lässt keine Fragen zu. Hinter vorgehalter Hand malen sich einige schon aus, wie es wohl werden wird, wenn sie, die emotionsfreie Kanzlerin, erstmalig auf den US-Rabauken treffen wird. Merkel hat da freilich gewisse Erfahrung - der Italiener Silvio Berlusconi und der Franzose Nikolas Sarkozy waren ähnlich exzentrisch. Beide hatte sie gut im Griff.

Trump, bald der mächtigste Mann der Welt, ist freilich ein anderes Kaliber. Er ist noch eigenwilliger, noch krawalliger. Das weiß man im Kanzleramt. Die inhaltlichen Differenzen sind zudem gigantisch. Und keiner kann zum jetzigen Zeitpunkt sagen, wie sie überbrückt werden könnten.

Schon um neun Uhr tritt der Auswärtige Ausschuss zu einer Sondersitzung zusammen. "Erst Trump, dann Türkei, es gibt wirklich schönere Tagesordnungen", stöhnt ein Mitglied. Vor den Türen äußert sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD). Er hatte Trump vor einigen Wochen als "Hassprediger" bezeichnet und sich damit als oberster Diplomat sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Jetzt ist Steinmeier kleinlauter: Man müsse sich darauf einstellen, "dass amerikanische Außenpolitik für uns weniger vorhersehbar sein wird". Amerika werde geneigt sein, "häufiger allein zu entscheiden". Was das bedeuten könnte, erklärt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU): Europa und Deutschland müssten die eigene Sicherheit in den kommenden Jahren stärker in die eigenen Hände nehmen. In der Konsequenz bedeutet das wohl höhere Militärausgaben.

Während von vielen Abgeordneten im Bundestag Worte wie "unfassbar", "schrecklich" oder "schockierend" zu hören sind, ist der CDU-Mann Jürgen Hardt einer von wenigen, die es mit Zweckoptimismus versuchen: Als Barack Obama Präsident geworden sei, "waren alle euphorisch. Das hat sich dann gelegt". Jetzt seien "alle zu Tode betrübt. Auch das ist nicht angemessen".

Wirkliche Freude vermeldet an diesem Tag nur die AfD. Ihr Berliner Landesverband twittert provozierend: "Wir sind Präsident".