D ie Rebellen hatten bereits Ende August gemeldet, Saif al-Islam sei festgenommen worden, doch das erwies sich später als Falschmeldung. Nun soll ihm wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess gemacht werden. Mit dem Beginn der Aufstände in Libyen im Februar erwies sich Saif al-Islam, der lange Zeit als Reformer und Kronprinz seines Vaters an der Spitze Libyens galt, schnell als erbarmungsloser Hardliner. Im libyschen Staatsfernsehen drohte er mit einem Bürgerkrieg mit Tausenden Toten. „Wir werden Libyen nicht aufgeben, und wir werden bis zum letzten Mann, bis zur letzten Frau und bis zur letzten Kugel kämpfen“, sagte Saif al-Islam, dessen Name Schwert des Islam bedeutet.

Seit Juni wurde der Gaddafi-Sohn vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit per Haftbefehl gesucht. Von IStGH-Chefankläger Luis Moreno-Ocampo wurde er als Libyens „De-facto-Ministerpräsident“ angesehen, der eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung eines von seinem Vater ausgearbeiteten Plans zur Unterdrückung des Volksaufstands „mit allen Mitteln“ spielte.

Dabei galt Saif al-Islam lange als so etwas wie das gute Gesicht des als Schurkenstaat verschrieenen Libyen. In der Öffentlichkeit trat der kahlköpfige junge Mann gewandt mit Anzug und Krawatte, Englisch- und Deutschkenntnissen, ein wenig Französisch sowie ruhiger und besonnener Ausdrucksweise auf. Zudem genoss er jahrelang den Ruf eines Reformers, der seinen Vater von dessen atomaren Ambitionen abbringen konnte. 2007 stieß er ein Projekt für eine Verfassungsreform zur Modernisierung Libyens an, machte aber keinen Hehl daraus, dass die Macht seines Vaters dabei nicht angetastet werden sollte. Er gründete einen privaten Fernsehsender und die ersten beiden privaten Zeitungen des Landes. Nur ein Jahr später verkündete er dann seinen Rückzug aus der Politik.

Still wurde es trotzdem nie um ihn. Im Oktober 2009 berichteten libysche Medien, er solle zur Nummer zwei des Staates aufgebaut werden. 1997 gründete er die Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Als deren Präsident trat er im Ausland als humanitärer Botschafter seines Landes auf und spielte bei internationalen Verhandlungen eine Schlüsselrolle. So half Saif al-Islam 2000 bei der Befreiung der auf den Philippinen entführten deutschen Familie Wallert. 2004 willigte seine Stiftung in die Zahlung von 35 Millionen Dollar Entschädigung für den Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle ein, bei dem 1986 drei Menschen getötet und mehr als 200 verletzt worden waren. Er handelte auch die Entschädigungen für die Angehörigen der Lockerbie-Opfer aus – libysche Geheimagenten standen hinter dem Anschlag auf ein Flugzeug, bei dem 1988 über Schottland 270 Menschen ums Leben kamen.

Geboren wurde Saif al-Islam 1972 in Tripolis. Dort machte er 1995 seinen Hochschulabschluss als Architekt, später ging er zum Studium nach Wien, wo er sich mit dem inzwischen verstorbenen österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider anfreundete. An der London School of Economics machte er seinen Doktor. Der Jungeselle hielt sich Tiger als Haustiere, ging gerne reiten und auf Falkenjagd. Mit der Festnahme von Saif al-Islam ist das Schicksal aller Angehörigen des Gaddafi-Clans bekannt.

Ein Foto zeigt ihn nach seiner Festnahme an eine Bettkante gelehnt; drei Finger seiner rechten Hand sind verbunden, seine Beine in eine Decke gehüllt. Gaddafi selbst sowie einige seiner Söhne waren bereits während des monatelangen Konflikts ums Leben gekommen. Gaddafis Frau Safia und vier weitere Kinder setzten sich ins Ausland a b.

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zum themaDie EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton hat Libyen nach der Verhaftung von Saif al-Islam zur Zusammenarbeit mit dem Internationalen Strafgerichtshof aufgefordert. Es sei „von größter Bedeutung, dass Saif al-Islams Sicherheit jetzt garantiert und seine Rechte auf einen Prozess gewährleistet sind“, sagte ein Sprecher Ashtons am Samstagabend in Brüssel. Nach Angaben des Übergangsrats ist am Sonntag auch der ehemalige Geheimdienstchef Abdallah el Senussi gefasst worden. Ein Vertreter des Übergangsrats teilte mit, Senussi (62) sei in der Region El Gira im Süden Libyens gestellt worden.