"Es gab Verbrechen, große Verbrechen
auf allen Seiten -
auch auf unserer Seite."
 Stjepan Mesic,
Präsident Kroatiens


Draußen auf der Terrasse versucht ein junger Pfau den ersten Radschlag, der riesige Park erinnert an einen Herrensitz der Feudalzeit, passt nicht so recht zu dem neuen Kroatien mit seinen 4,5 Millionen Einwohnern. Und auch Mesic, inzwischen 73 Jahre alt, letzter Staatspräsident Jugoslawiens vor dem Auseinanderbrechen und anschließendem Bürgerkrieg, verkörpert in so manchem eine andere Epoche. Er nimmt sich einige Zeit für die Besucher aus Deutschland. Denn die Bundesrepublik gilt in Kroatien, einem der Staaten aus der Erbmasse Titos, als wichtiger Freund. Und Freunde braucht das Land in diesen Tagen, in denen die Vorentscheidungen fallen über den weiteren Fahrplan zu seinem EU-Beitritt.
Mesic wirbt darum, indem er in aller Ausführlichkeit von den grausamen Jahre auf dem Balkan erzählt. Er will den Besuchern verdeutlichen, dass nur der Weg in die EU ein Ende der Feindseligkeiten bewirken kann. "Es gab Verbrechen, große Verbrechen auf allen Seiten - auch auf unserer Seite", sagt der Kroate. Europa ist für Mesic mehr als Wirtschafts- und Währungsunion. Es ist aus seiner Sicht der einzige Ausweg aus der Gewalt, die den westlichen Balkan zum Ende des 20. Jahrhunderts verwüstet hat. Die EU wäre das gute Ende einer schrecklichen Geschichte.
Unten in der Stadt wird weniger über diese Geschichte geredet. Ministerpräsident Ivo Sanader sagt: "Ich will, dass wir das Gewesene vergessen können." Für ihn ist der EU-Beitritt erklärtermaßen eine völlig normale Entwicklung. Er und mit ihm eine neue Generation von Politikern üben sich lieber in der europäischen Kleinteiligkeit der Beitrittsklauseln. Debatten um den Krieg und seine Wunden halten ihn nur vom aus seiner Sicht Wesentlichen ab - den Verhandlungen mit der Brüsseler Kommission. Um in die EU zu kommen, gilt es schließlich - wie in den früheren Beitrittsländern - auf fast allen Gebieten, die eigenen Strukturen zu reformieren und anzupassen. Dabei sind die Hürden für Kroatien hoch, höher als für jeden anderen der bisherigen Kandidaten. Denn nach den deprimierenden Erfahrungen insbesondere in Bulgarien und Rumänien will sich Brüssel nicht erneut den Vorwurf einhandeln, ein Land zur Aufnahme vorzuschlagen, das noch nicht reif ist für die Union.
Tatsächlich steht nicht die jüngere, kriegerische Vergangenheit, sondern ganz andere Themen bei den Verhandlungen im Vordergrund. Das ist zum einen das Justizsystem, das hinreichend Gewähr bieten soll für Rechtssicherheit und da sind zum anderen wirtschaftliche Strukturen, die den Anforderungen des freien, dem Wettbewerb unterliegenden Marktes gerecht werden können. Noch ist Kroatien ein in vielen Bereichen von undurchsichtigen, oft korrupten Netzen und zumeist defizitären Firmen geprägtes Land. Keiner kann da garantieren, dass mit hinreichender rechtlicher Sicherheit Geschäfte gemacht werden können, Viele ausländische Firmen berichten von überaus unangenehmen Erfahrungen mit dem scheinbar unauflösbaren Verfahrensstau bei den Gerichten. Berechtigte Ansprüche durchzusetzen, ist da nicht nur eine Frage zäher Geduld. Bei weit mehr als einer Million aufgelaufener Zivilverfahren ist der Willkür Tür und Tor geöffnet, weil keiner mehr kontrollieren kann, ob tatsächlich die Prozesse in der korrekten Reihenfolge abgewickelt werden. Da gibt es genügend Möglichkeiten, eine Akte mal wieder ganz unten im Stapel verschinden zu lassen. Einige mittelständische deutsche Firmen haben dabei viel Lehrgeld gezahlt und sich dann auch ganz aus Kroatien zurückgezogen. Justizministerin Ana Lovrin kämpft mit einer langen Liste von Statistiken gegen solche Erfahrungen. "Wir haben große Fortschritte gemacht", sagt sie den deutschen Besuchern. Tatsächlich zeigen die Zahlen, dass die Erfolge zwar beachtlich, die Zahl unerledigter Prozesse aber immer noch erheblich ist. Das weiß auch Lovrin und deswegen zeigt sie auch viel lieber die Modelle für den Neubau des Zagreber Gerichts - auch wenn es selbst bei diesem Projekt schon zu erheblichen Verzögerungen gekommen ist. Aber nicht nur beim Justizsystem gibt es großen Reform- und Anpassungsbedarf. Gehandelt werden muss in fast allen Bereichen des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens. Die extrem kleinteilig parzellierte Landwirtschaft beispielsweise braucht neue Betriebsgrößen, um im Agrarmarkt Europa zu überleben. Öffentliche Ausschreibungen müssen transparenter werden, wie überhaupt der Marktzugang für ausländische Unternehmen so gestaltet werden muss, dass er den Mindestanforderungen des Wettbewerbsrechts der Union entspricht. Vieles, das allermeiste davon ist noch nicht in Angriff genommen.
Den Vertretern der EU, den in Zagreb arbeitenden deutschen Diplomaten wird immer klarer, dass der vorgesehene Beitrittsfahrplan nur zu halten ist, wenn Abstriche gemacht werden. Denn die Verhandlungen gestalten sich genauso zäh wie die eigenständigen Bemühungen der kroatischen Regierung, überfällige Reformen in Kraft zu setzen. Bis zum Herbst sollen alle 36 Verhandlungskapitel eröffnet sein - ein Kraftakt sondergleichen. Und bis Ende nächsten Jahres soll Kroatien all die geforderten Anpassungen in Gang gesetzt haben - um dann 2011 beitreten zu können. Aber in den vergangenen Monaten wurden kaum substanzielle Fortschritte gemacht. Einer der wichtigsten Streitpunkte ist beispielsweise die Werftindustrie des Landes, die bislang nur dank hoher staatlicher Subventionen überlebte. Da ist ein Konzept zur Anpassung an die Marktbedingungen seit vielen Jahren und völlig unabhängig vom EU-Beitritt überfällig.
Die Europa-Enthusiasten in Zagreb verlassen sich bislang darauf, dass die EU letztlich doch den Druck mindern wird. Die Folgen des irischen Referendums würden daran zunächst wenig ändern, weil stets gesagt wurde, dass Kroatien unabhängig vom Ausgang der Abstimmung auf der grünen Insel dabei sein soll. Das negative Votum der Iren könnte es allerdings schwerer machen, im Land selbst den Beitritt durchzusetzen. So wäre eine der Folgen des endgültigen Scheitern des Lissabon-Vertrages, dass Kroatien das einzige Mitgliedsland ohne Anspruch auf einen Kommissar wäre - ein Makel, den die Gegner sicher nach vorne spielen würden.
Wenn Kroatien dennoch pünktlich aufgenommen werden sollte, so wäre dies dann doch wieder vor allem jenen Überlegungen geschuldet, die Staatspräsident Mesic anführt. Denn der Beitritt ist tatsächlich auch die beste Chance, die inneren Spannungen, die nicht nur Kroatien, sondern den ganzen westlichen Balkan prägen, abzubauen. Und in Brüssel wissen alle, dass es letztlich um viel mehr geht, als nur um Kroatien.
Nirgendwo werden in Kroatien die Spannungen, die nach wie vor die ganze Region beherrschen, erfahrbarer als in Vukovar, der Stadt in Slawonien im Südosten des Landes und an der Grenze zu Serbien. Der Ort, die "Heldenstadt", wie sie in Kroatien genannt wird, ist eine Art makaberes Freilichtmuseum der offiziellen Propaganda vom gerechten Verteidigungskrieg der Kroaten gegen die verbrecherische serbische Aggression. Tatsächlich sollte Vukovar 1991 kurz nach der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens zum Ziel einer monatelangen, mörderischen Belagerung durch serbische Einheiten werden. Diese eroberten die dann schon weitgehend zerstörte, einst wegen ihres gut erhaltenen barocken Kerns berühmte Stadt. Der Angriff auf die Stadt und das anschließende Massaker an 260 im Krankenhaus verblieben verwundeten Kroaten und ihren medizinischen Betreuern gab der Welt eine erste, schreckliche Ahnung von den Gräuel, die in der Region in den nächsten Jahren noch folgen sollten.
Vukovar war vor dem Balkankrieg eine von einer großen serbischen Minderheit bewohnte Gemeinde und vor dem zweiten Weltkrieg auch Heimat vieler Juden und Deutscher gewesen. Heute, wo noch immer große Teile der Stadt zerstört sind, ist von dieser Tradition nichts mehr zu spüren. Aber dieser Rückfall geht nicht ausschließlich auf die serbische Schreckensherrschaft zurück. Nachdem 1995 sich kroatische Verbände ihren Weg zurück in die Region erkämpft hatten, verblieb in Vukovar zwar eine bedeutende serbische Minderheit, die etwa ein Drittel der Einwohner zählt. Aber bis heute ist die Stadt ethnisch tief gespalten. Erst in diesem Jahr wurde ein mühsamer Versuch gestartet, wenigstens in einer Schule wieder Kinder aus beiden Volksgruppen gemeinsam zu unterrichten. Ansonsten leben Serben und Kroaten streng voneinander getrennt.
Für Bürgermeisterin Zdenka Buljan, die aus der HDZ, der nationalkonservativen Partei von Ministerpräsident Sanader kommt, ist Vukovar dennoch auf besten Weg zurück in die Normalität. Sie setzt darauf, dass bald die Hilfsgelder aus den europäischen Fonds fließen - und dann allmählich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung die alten Feindschaften irgendwie verschwinden.
Dass damit allein die bösen Geister der Vergangenheit wohl kaum zu bannen sind, macht allerdings ein katholischer Pater klar, der im weitgehend zerstörten Franziskanerkloster in fast perfektem Deutsch eine erschreckend unchristliche geschichtliche Aufrechnung präsentiert. In den Erzählungen von Pater Spehar gibt es nicht nur keinen Platz für ihre serbische Minderheit, obwohl er selbst auch sagt, dass Serben 1991 unter denen Kämpfern waren, die die Stadt verteidigten. Aber von diesen "guten Serben" seien die wenigsten geblieben und die anderen, die heute ein Drittel der Bewohner ausmachen, sind jene finsteren serbischen Gestalten, die ihre kroatischen Nachbarn verraten haben sollen. Und seine Legendenbildung reicht weit zurück. Darin gibt es schon lange nur gute Kroaten und böse Serben. Die Geschichte des zweiten Weltkriegs und der Zeit danach wird in den Worten des Priesters zu einer Mischung aus Halbwahrheiten und traurigen Lügen. Dass die kroatischen Faschisten - die Ustascha - als enge Verbündete von Nazideutschland ein Schreckensregime errichtet hatten, wird in Vukovar verschwiegen. Zehntausende von Serben, Muslime, Juden und Roma, aber auch viele kroatische Regimegegner wurden in dem Konzentrationslager Jasenovac ermordet. Pater Spehar redet vom früheren guten Zusammenleben der Kroaten, Deutschen und Juden und welch ein Verbrechen es war, als "die Deutschen und die Juden von den serbischen Kommunisten aus der Stadt verjagt wurden". Nirgendwo auf den Gräberfeldern rund um die Stadt ist auch nur eine Andeutung von der Bereitschaft zur Versöhnung zu erkennen.
Es genügt ein Blick auf die Landkarte, um zu erkennen, wie mit Kroatien als Mitglied die EU mitten drin sein würde in diesen Nachwirkungen des jüngsten Balkankrieges.