In Washington ist man derzeit sichtlich bemüht, den Luftkrieg gegen die selbsternannten Gotteskrieger in Syrien und im Irak als Erfolg darzustellen. Diesen Erfolg in Worte zu fassen, fällt aber selbst Politsprech-Profis wie Josh Earnest schwer. "Die frühen Hinweise deuten sicherlich an, dass diese Strategie dabei ist, zu gelingen", sagte der US-Regierungssprecher und rang nach den passenden Worten. Zumindest gebe es "bestimmte Episoden", in denen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) militärisch zurückgedrängt worden sei. Eine siegessichere Regierung spricht anders.

Auch von den Schlachtfeldern in Syrien und im Irak kommen kaum Erfolgsnachrichten. Die Luftschläge des Bündnisses gegen den IS reichen kaum aus, um den Vormarsch der sunnitischen Kämpfer in der umkämpften syrischen Kurdenstadt Kobane abzuwenden, geschweige denn die Belagerung ganz zu beenden. Tausende sind aus der Grenzstadt bereits geflüchtet. Im Irak haben die IS-Kämpfer ihren Blick auf Bagdad gerichtet und kamen dem Flughafen zuletzt gefährlich nah; Apache-Hubschrauber der USA mussten helfen, die Bedrohung des internationalen Airports abzuwenden. In der Provinz Anbar kämpft der IS um die strategisch wichtige Stadt Amirijat al-Falludscha und die Provinzhauptstadt Ramadi. In Hit traten rund 400 irakische Soldaten den Rückzug an. Das von den Islamisten ausgerufene "Kalifat" bleibt intakt - und es droht noch zu wachsen. Die "Washington Post" fragt sich bereits, ob US-Präsident Barack Obama und seine Berater eher Optimisten seien oder zu Selbsttäuschung neigten.

Zumindest öffentlich machte Obama auch nach dem Treffen der 22 Militärchefs der Anti-IS-Koalition keinerlei Andeutungen, seine Strategie anpassen zu wollen. "Bisher haben wir einige wichtige Erfolge gesehen", sagte der Oberbefehlshaber der Streitkräfte in der Runde am Militärstützpunkt Andrews bei Washington. Beispiele seien der Kampf um Erbil im Nordirak und den Mossul-Damm, die Abwendung eines Massakers an Jesiden im irakischen Sindschar-Gebirge und die Zerstörung von IS-Einrichtungen.

Doch dass "Bomben nicht genug sind", wie der "New Yorker" zuletzt schrieb, weiß auch Obama. Die Offiziere selbst ließen mitteilen, dass ihr Luftkrieg zwar zum Erfolg beitragen, den Krieg aber nicht entscheiden werde.

Dazu brauchte man Bodentruppen. Doch das Thema wird wie der "Schwarze Peter" herumgereicht. Nach Informationen des Senders CBS galt das Treffen unter Vorsitz von Generalstabschef Martin Dempsey auch dem Versuch, die arabischen Partnerländer zum Einsatz von Spezialtruppen innerhalb Syriens zu drängen. Dass die USA unter Führung des Friedensnobelpreisträgers Obama sich die Finger nicht selbst schmutzig machen wollen, ist bekannt.

Auch die Türkei, die dem erbitterten Kampf um Kobane seit Tagen tatenlos von der Grenze zusieht, soll mehr in die Pflicht genommen werden. Doch Präsident Recep Tayyip Erdogan ist für die USA derzeit nicht unbedingt ein "geschätztes Mitglied" der Koalition, wie US-Außenminister John Kerry noch am Dienstagabend (Ortszeit) sagte. Türkische Beamten haben Hunderte, wenn nicht Tausende Islamisten über die Türkei nach Syrien reisen lassen, wo sie sich dem Religionskrieg angeschlossen haben.

Zum Thema:
Restbestände alter Chemiewaffen im Irak könnten nach Informationen der "New York Times" der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in die Hände gefallen sein. Die Zeitung berichtet unter Berufung auf ehemals im Irak stationierte US-Soldaten, es seien im Irak zwischen 2004 und 2011 rund 5000 Geschosse mit chemischen Kampfstoffen entdeckt worden. Der US-Geheimdienst habe die Funde unter Verschluss gehalten. Da nicht alle Giftgasbestände vernichtet worden seien, bestehe nun die Gefahr, dass der IS ihrer habhaft wurde.