Die US-Attacke gegen Israels rechtsgerichteten Regierungschef Benjamin Netaanjahu kam in Form eines einzigen Wortes: "Chickenshit". Ein bissiger Begriff, der eine Kettenreaktion aus Stellungnahmen und Erklärungen auslöste. Veröffentlicht wurde das besagte Wort im US-Magazin "The Atlantic". Der Journalist Jeffrey Goldberg analysierte darin am Dienstag den aktuellen Zustand der israelisch-amerikanischen Beziehungen. Kürzlich, so schrieb Goldberg, habe er sich mit einem hochrangigen Beamten der Obama-Regierung unterhalten. Es sei um Netanjahu gewesen. "Die Sache mit Bibi (Netanjahu) ist, dass er ein Schisser ist", habe dieser Beamte gesagt. Im Original benutzte der Amerikaner den Begriff "chickenshit", wörtlich übersetzt bedeutet das "Hühnerkacke", gemeint aber ist ein Feigling, ein Angsthase.

Das Wort fällt im zweiten Satz von Goldbergs Text - danach folgen allerhand Erklärungen, warum die israelisch-amerikanische Freundschaft an einem Tiefpunkt angelangt sei. Auch ohne die "Schisser"-Stichelei gebe es dafür genug Belege. So sei Washington frustriert über das Scheitern der von US-Außenminister John Kerry mit viel Mühe 2013 angeschobenen Nahost-Friedensinitiative: Netanjahu verweigerte im vergangenen April eine Fortsetzung der Gespräche, als die radikal-islamische Hamas mit der gemäßigten Fatah eine Einheitsregierung vereinbart hatte.

Eine Woche danach warf ein US-Beamter der israelischen Regierung vor, die Hauptschuld am Scheitern zu tragen. "Der größte Schaden für die Friedensgespräche kam vom (israelischen) Siedlungsbau", sagte der anonyme Beamte damals. Während der monatelangen Gespräche hatte Israel wiederholt Siedlungsbauprojekte im Westjordanland und Ost-Jerusalem angekündigt - ausgerechnet dort, wo die Palästinenser ihren eigenen Staat wollen.

Schon während der Friedensgespräche lieferten sich beide Länder diplomatische Scharmützel, häufig nach demselben Schema: Israel kündigt an, zu bauen, die USA üben Kritik. Oft kritisiert dann Israel zurück: Verteidigungsminister Mosche Jaalon nannte Kerry im Januar Medienberichten zufolge "messianisch" und "besessen". Im Gegenzug wurden Jaalon bei seinem USA-Besuch vergangene Woche Treffen mit Regierungsmitgliedern im Weißen Haus verweigert.
Die Äußerungen im "Atlantic" erzürnen Israel nicht nur des "Schissers" wegen. Auf mehreren Seiten breitet Goldberg aus, warum Netanjahu die Schuld an der Krise zwischen seinem Land und den USA trage, ein schwacher Politiker sei, der sich nicht traue, seinen Wählern schmerzhafte, aber unumgängliche Wahrheiten zu vermitteln. "Gut an Netanjahu sei, dass er Angst hat, Kriege zu beginnen. Schlecht an ihm ist, dass er nichts dafür tut, einen Ausgleich mit den Palästinensern und den sunnitischen arabischen Staaten zu finden", habe der US-Beamte gesagt und hinzugefügt: "Das einzige, was ihn interessiert, ist sich selbst vor einer politischen Niederlage zu schützen. Er hat keinen Mumm."

Israelische Politiker schimpfen nun zurück. Derartige Tiraden gegen den israelischen Ministerpräsident seien verletzend für Millionen von Israelis und Juden weltweit, gab der Chef der extrem rechten Siedlerpartei, Wirtschaftsminister Naftali Bennett, zu Protokoll. Netanjahu selbst ließ verlauten, er werde nur angegriffen, weil er bereit sei, "den Staat Israel zu verteidigen".
Trotz der ungewöhnlich harschen Misstöne bemühen sich bisher beide Seiten um eine Beruhigung der Lage. "Wir glauben nicht, dass es eine Krise in den Beziehungen gibt", zitierte die Zeitung "Haaretz" den US-Beamten Alistair Baskey. Und Netanjahu versicherte, er "respektiere und schätze" die tiefe Verbundenheit mit den USA. Aber Goldberg schließt nicht aus, dass die USA vielleicht nicht länger in den UN und anderen internationalen Organisationen ihre schützende Hand über Israel halten könnten. Sogar eine US-Resolution gegen die israelischen Siedlungen schließt er nicht mehr aus.