Polizist Jürgen Zöls surft gerne während der Dienstzeit im Internet - er schaut sich Motoren, Getriebe, Navis und sonstiges Autozubehör an. Der 47-Jährige ist Autoexperte, kennt die gängigen Preise für gebrauchte Kfz-Teile. Zöls sucht aber keine Ersatzteile für sein eigenes Auto. Er ist einer von nur ganz wenigen Internetfahndern in Deutschland, die im weltweiten Netz nach Hehlerware aus Autodiebstählen suchen. "Autos werden in Deutschland nach wie vor gestohlen. Sie werden aber immer häufiger ausgeschlachtet und die Einzelteile bei Auktionsbörsen angeboten", sagt der Passauer Polizeihauptkommissar.

18 500 Autos verschwunden

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) blieben im Vorjahr mehr als 18 500 gestohlene Autos dauerhaft verschwunden, in den vergangenen Jahren ist die Zahl etwas zurückgegangen. Auffällig ist dabei jedoch, dass sich die Diebe zu 70 Prozent deutsche Marken aussuchen. Das BKA geht zudem davon aus, dass die Täter über eine umfassende Logistik und eine hohe Professionalisierung verfügen. Den Versicherungen entsteht jedes Jahr durch die Autodiebstähle ein Schaden in Höhe von mehr als 260 Millionen Euro, wie es beim BKA unter Berufung auf den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) heißt.

Internetfahnder Zöls geht davon aus, dass etwa die Hälfte der gestohlenen Autos nicht mehr auftaucht oder wenn, dann nur in Einzelteilen. Das lohnt sich für die Täter, wie auch Tom Bernhardt vom Landeskriminalamt Sachsen bestätigt. "Der Verkauf von Einzelteilen ist für die Täter oftmals lukrativer als der Absatz der Komplettfahrzeuge", so Bernhardt. Dabei spielen auch die Schrauberbuden unmittelbar hinter der deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Grenze eine Rolle, gerade in der grenznahen Lausitz. "Die Fahrzeugteile werden in der Folge international gehandelt", so Bernhardt. Zunehmend eben auch über das Internet.

Seit 2009 ist Fahnder Zöls den Hehlerbanden auf der Spur. Etwa 1300 gestohlene Autos hat er seitdem gefunden, obwohl er als Fahndungsgruppenleiter nur etwa fünf Prozent seiner Arbeitszeit mit der Internetrecherche verbringt. "Dabei habe ich schon einmal nach einer Stunde intensiver Suche im Internet fünf gestohlene Autos entdeckt."

Der größte Fisch war ein Händler aus Österreich, der Hunderte gestohlene Motoren mit einem Gesamtschaden von zehn Millionen Euro verkauft hatte. Der Mann hatte sich auf die Philippinen abgesetzt, wurde dort aber festgenommen. Die sichergestellten Motoren wollte die Versicherung nicht haben, betont Zöls. "Die Justiz hat sie dann versteigert, und 20 Prozent des Erlöses ging an die Polizei."

Alles, was an einem Auto kaputtgehen kann, ist auf dem Markt. "Selbst komplette Lederausstattungen werden angeboten. Und je günstiger das Ersatzteil ist, desto eher besteht die Gefahr, dass es gestohlen wurde", sagt Zöls. Er gibt beim Auktionshändler Ebay den Begriff "BMW e90" in die Suchmaske ein - und erhält sofort 15 900 Treffer.

Tipps an die Kollegen vor Ort

Trotzdem erkennt der 47-Jährige sehr schnell die schwarzen Schafe. "Ich suche nach Fahrzeugteilen, die begehrt sind, und schaue mir die Händler genau an. Aufgrund meiner Erfahrung kann ich schnell erkennen, wenn ein Teil von einem gestohlenen Fahrzeug stammt." Genauer darf er seine Arbeitsweise und die Hinweise auf Diebesgut aus ermittlungstaktischen Gründen nicht erläutern. "Diebe lesen auch Zeitung und suchen nach immer neuen Tricks."

Irgendwann mache aber jeder Händler mal einen Fehler, ist Zöls überzeugt. "Wenn ein privater Verkäufer zehn Motoren ins Netz stellt, schrillen natürlich die Alarmglocken." Und wenn die Individualnummer des angebotenen Ersatzteils weggekratzt ist, ohnehin. "Es gibt aber für mich noch andere Wege, um Rückschlüsse auf das Originalauto zu ziehen."

Hat Zöls einen Verdacht, informiert er die örtliche Polizei. Die meisten Hehler sind Zöls zufolge in Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin zu finden. Aber auch die Brandenburger Soko Grenze hat aus Passau schon Tipps bekommen. Manche helfen bei der Ermittlungsarbeit, andere führen ins Leere. "Ein Händler, den wir aufgrund der Hinweise überprüft haben, konnte nachweisen, dass er die Teile legal erworben hat, teilweise sogar aus Behördenkäufen", erinnert sich Gerd Otter, Sprecher der Soko Grenze. Die Teile wechseln teils häufiger den Besitzer, ohne dass diese von der Herkunft aus Diebesgut etwas ahnen.

Direkter Draht zu Ebay

Als Fahnder hat Zöls einen direkten Zugriff auf die Verkäuferdaten bei Ebay. Und braucht er weitere Unterstützung, gewährt das Auktionshaus diese. "Jeder Versuch, einen gestohlenen Gegenstand bei Ebay zu verkaufen, schadet unserem Marktplatz und allen ehrlichen Käufern und Verkäufern", sagt ein Unternehmenssprecher. Bestehe der Verdacht einer Hehlerei, werde den Käufern empfohlen, die Polizei zu informieren. "Ebay arbeitet in solchen Fällen eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen. Für Ermittlungsverfahren können die Behörden sehr einfach und datenschutzkonform alle notwendigen Informationen bei uns abfragen."

Käufer macht sich strafbar

Die Käufer von gestohlener Ware machen sich natürlich auch strafbar, betont Zöls. "Ich kontaktiere auch mal einen Käufer und setze auf seine Mitarbeit." Bei den meisten Zahlungsarten im Internet habe der Käufer ohnehin ein halbes Jahr Rückgaberecht. "Wenn die Polizei dann anfragt, spielen die Käufer meist mit. Sonst droht ihnen auch der Verlust des Geldes und der Ware."

Zum Thema:
Jahr für Jahr verschwinden in Deutschland etwa 18 000 gestohlene Autos auf Nimmerwiedersehen, rein rechnerisch also alle 30 Minuten ein Auto. Insgesamt wurde 2014 laut BKA nach 34 653 Autos gefahndet (2013: 35 696). Etwa 70 Prozent der dauerhaft gestohlenen Pkw sind deutsche Fabrikate. In den östlichen Bundesländern verschwinden seit Jahren die meisten Pkw auf Dauer. Allerdings wurden hier im vergangenen Jahr rückläufige Zahlen registriert. In Sachsen wurden 2014 exakt 1499 kaskoversicherte Wagen als gestohlen gemeldet. Das seien 142 Fahrzeuge weniger als 2013. Die Diebstahlrate fiel demnach von 1,0 auf 0,9 pro 1000 versicherter Pkw. Ein größeres Risiko für Autobesitzer besteht nur noch in Berlin (3,5), Hamburg (1,6) und Brandenburg (1,4). Der Bundesdurchschnitt liegt laut GDV bei 0,5. Im Jahr 2014 zahlten die Versicherer 18,6 Millionen Euro an Diebstahlsopfer in Sachsen aus, im Schnitt erhielt jeder Betroffene damit rund 12 400 Euro.In Brandenburg wurden 1454 Autos geklaut, fast ein Viertel weniger als ein Jahr zuvor. Die Diebstahlrate fiel von 1,8 auf 1,4. Die Versicherer zahlten 2014 insgesamt 17,5 Millionen Euro an Brandenburger Diebstahlsopfer aus. Im Schnitt erhielt jeder Betroffene knapp 12 000 Euro.