Verblasst ist das sonnige ukrainische Gelb mit dem blauen Wappen an den Briefkästen von Simferopol. Es sind beinahe die letzten Spuren aus einer anderen Zeit - bevor sich Russland im März 2014 die Krim einverleibte. Blutrote russische Wappen mit dem Doppeladler stechen ins Auge -Symbole des umstrittenen Systemwechsels. Bei den Menschen in Simferopol fällt die Bilanz ein Jahr nach dem "Krimskaja Wesna" - dem politischen Krim-Frühling - durchwachsen aus.

"Es gibt Minuspunkte, und es gibt Pluspunkte. Auch wenn es im Moment härter ist - fragen Sie, wen Sie wollen: 95 Prozent wollen die alte Zeit nicht zurück", sagt Viktoria, eine Mutter von drei Kindern. Sie lobt die Sozialleistungen und die medizinische Gratis-Versorgung unter den Russen. Zu ukrainischen Zeiten habe es das nicht gegeben. "Aber die vielen neuen Gesetze. Daran müssen wir uns erst gewöhnen", sagt sie.

Viktoria und ihr Begleiter Igor räumen aber ein, dass die ukrainischen Gesetze liberaler gewesen seien. Sorgen machen sie sich wegen der rasant steigenden Preise. Niemand rechnete vor einem Jahr damit, dass der Hoffnungsträger Russland in eine tiefe Krise fällt. "Aber wir müssen eben ranklotzen. Alles wird gut", meint Igor.

Beide schauen auf Fotos und Sträuße mit roten Nelken zum Gedenken an jene, die vor einem Jahr in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auf dem Maidan durch Schüsse starben. Damals schlugen die prowestlichen Proteste in Gewalt um. Präsident Viktor Janukowitsch verlor seine Macht. Um die in Kiew getöteten Angehörigen der inzwischen aufgelösten ukrainischen Sonderpolizei Berkut trauert auch der frühere Offizier Wladislaw. "Sie waren meine Freunde", sagt der 34-Jährige, der heute mit Fahrdiensten und Ferienwohnungen Geld verdient. "Keiner hier wollte eine Regierung, die durch Gewalt an die Macht gekommen ist", sagt er. Er sei froh, dass der Krim ein Blutvergießen erspart geblieben ist.

Der kräftige Mann klingt, als tröste er sich damit, dass in der Ukraine alles noch schlimmer sei als hier. "Mir persönlich geht es besser als vorher." Dass der Westen Russland eine Annexion der Krim und einen Völkerrechtsbruch vorwirft, weiß er so gut wie jeder andere. Die Soldaten hätten aber vor einem Jahr auch deshalb keinen Widerstand geleistet, weil sie keine Zukunft in der Ukraine sahen. Ob das Leben in Russland für alle den erhofften Wohlstand bringt? Wladislaw will sich da lieber nicht festlegen: "Posmotrim" - Wir werden sehen.

Echte Gegner des Machtwechsels sind am ehesten über vertrauliche Kontakte zu finden. "Die Leute sind völlig verängstigt. Sie haben am Anfang alle das russische Geld gesehen und sind jetzt ernüchtert", sagt eine 40-Jährige. Wer sich beschwere, riskiere Druck von den Behörden. Die ethnische Russin wollte ihren ukrainischen Pass nicht abgeben und habe schriftlich erklären müssen, dass sie die neue Staatsbürgerschaft nicht wolle. Die Folgen? "Ich bekomme keine Arbeit. Ich habe in meiner Wohnung, die mein Eigentum ist, nur noch begrenztes Aufenthaltsrecht", sagt die Mutter eines Sohnes.

Vom ukrainischen Festland ist die Krim nun durch die russische Staatsgrenze abgeschnitten. Ella sieht deshalb schwarz für die Zukunft der Menschen hier.

Zum Thema:
Die Krim, mit 26 000 Quadratkilometern knapp so groß wie Brandenburg, hat eine wechselhafte Geschichte. Jahrhundertelang von Griechen, Türken oder Tataren beherrscht, gehörte die strategisch bedeutsame Halbinsel im Schwarzen Meer nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst zu Russland. 1954 schenkte Kremlchef Nikita Chruschtschow, der in der Ukraine aufgewachsen war, die Krim der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik. Nach dem Zerfall der UdSSR erklärte sich die Ukraine 1991 für unabhängig. Ein Jahr darauf verhinderte die Zentralregierung in Kiew ein von pro-russischen Kräften angestrebtes Referendum über die Unabhängigkeit der Halbinsel. Nach dem Umsturz in Kiew und der Volksabstimmung im März 2014 annektierte Russland die Krim.