Fünf Tage nach der Anschlagserie von Paris ist der Albtraum in der Vorstadt Saint-Denis weitergegangen: Maschinengewehrfeuer und Explosionen haben die Einwohner um 4.20 Uhr aus dem Schlaf gerissen. Hundertschaften von Polizei und Armee suchten in der Rue du Courbillon in der Nähe der berühmten Kathedrale nach einem Mann: Abdelhamid Abaaoud. Der 28-jährige Belgier gilt als Kopf der Terrorgruppe, die am Freitagabend 129 Menschen tötete. Zusammen mit Komplizen soll er in einer Wohnung nördlich der Hauptstadt untergekommen sein. Telefongespräche und Augenzeugenhinweise hätten die Ermittler auf die Spur gebracht, sagte Innenminister Bernard Cazeneuve.

Zersplitterte Fensterscheiben

Nur rund anderthalb Kilometer vom Stade de France, wo die Terrorserie am Freitagabend während des Freundschaftsspiels Deutschland-Frankreich begann, hatten sich die Extremisten verschanzt. "Man hörte die Sicherheitskräfte, die riefen: ,Bleibt drinnen'. Dann fielen Schüsse", berichtete ein Augenzeuge im Radio. Andere schilderten Szenen wie im Krieg: Scheinwerfer auf Häusern, zersplitterte Fensterscheiben, Detonationen. Die Stadt mit rund 100 000 Einwohnern war am Mittwoch im Ausnahmezustand: Die Einwohner mussten bis nachmittags in ihren Häusern bleiben, Busse und Bahn fuhren nicht, Schulen und Läden blieben geschlossen.

Frau sprengte sich in die Luft

Bei dem von heftigen Schusswechseln begleiteten Anti-Terror-Einsatz hat die französische Polizei acht mutmaßliche Komplizen der Attentäter vom Freitag festgenommen. Zwei weitere Terrorverdächtige kamen ums Leben, wie die Staatsanwaltschaft berichtete. Eine Frau, möglicherweise die Cousine von Abaaoud, sprengte sich in die Luft, als Spezialkräfte eine Wohnung in Saint-Denis stürmten. Ein Mann wurde von Schüssen und Granaten tödlich verletzt. Bei dem Zugriff in Saint-Denis wurden fünf Mitglieder einer Spezialeinheit leicht verletzt, wie die Polizei mitteilte. Die Aktion gegen die zu einem Anschlag bereite Gruppe dauerte rund sieben Stunden.

Frauen waren in Europa bisher noch nicht als Selbstmordattentäterinnen in Erscheinung getreten. Doch weibliche Unterstützung hatten auch die Angreifer auf "Charlie Hebdo" und den jüdischen Supermarkt Hyper Kacher gehabt: Hayat Boumedienne, die nach der Tat untergetaucht war.

Der junge Mann, der die Ex tremisten aufgenommen hatte, will seine Gäste aus Belgien nicht gekannt haben. "Ich wollte nur helfen", sagte er im Fernsehen.

Unklar blieb zunächst, ob Abaaoud der Getötete ist. Staatsanwalt François Molins sagte, er sei nicht unter den Festgenommenen. Die Identität der stark verstümmelten Toten sei noch nicht geklärt. Eigentlich war der Belgier in Syrien vermutet worden, von wo aus er die Anschläge am Freitagabend gesteuert haben soll. Nach den Attentaten kursierten Fotos des Mannes, der sich auch Abou Omar Soussi nennt. Mit dünnem Bart und beiger afghanischer Kopfbedeckung ist er in Syrien am Steuer eines Fahrzeugs zu sehen, das verstümmelte Leichen hinter sich herzog.

Der 28-Jährige wuchs in einer marokkanisch-stämmigen Familie im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf, wo auch andere Islamisten herkamen. Im vergangenen Jahr soll er auch seinen 13-jährigen Bruder Younes nach Syrien mitgenommen haben, der so den Beinamen "jüngster Dschihadist der Welt" bekam.

In andere Anschläge verwickelt

Abaaoud soll auch in andere Anschläge der vergangenen Monate verwickelt sein, berichtet die französische Zeitung "Le Monde" unter Berufung auf Ermittlerkreise: Die geplanten Angriffe auf Kirchen in Villejuif bei Paris im Frühjahr und das vereitelte Attentat im Thalys Amsterdam-Paris Ende August 2014.

26-jähriger Belgier gesucht

Neben Abaaoud suchte die Polizei auch nach Salah Abdeslam, ein 26-jähriger Belgier, der die Angreifer auf den Konzertsaal Bataclan mit einem schwarzen Polo dorthin gefahren haben soll. Er war nach den Anschlägen von zwei Komplizen nach Belgien gebracht worden. Seine beiden Helfer wurden in Brüssel festgenommen, doch nach Abdeslam wurde international gefahndet. Die Extremistenorganisation Islamischer Staat hatte in ihrem Bekennerschreiben von "acht Brüdern" gesprochen, die die Taten verübten; bei den Attentaten traten allerdings nur sieben in Erscheinung. Abdeslam könnte der "achte Mann" sein.

Zum Thema:
In Frankreich werden die Ermittlungen nach den Terroranschlägen von Paris mit Hochdruck vorangetrieben. Seit der Mordserie am vergangenen Freitag gab es 414 Hausdurchsuchungen, wie Innenminister Bernard Cazeneuve am Mittwoch mitteilte. 64 Personen wurden demnach vorläufig festgenommen, 60 von ihnen kamen in Polizeigewahrsam. 118 Menschen seien unter Hausarrest gestellt worden. 75 Waffen wurden demnach beschlagnahmt. Cazeneuve unterstrich die absolute Entschlossenheit der Regierung, den Terrorismus ohne Nachsicht zu bekämpfen.