Der deutsche Arzt Michael Hartlich ist einer derjenigen, für den der Traum zum Albtraum wurde. Fassungslos berichtet er, was er in der Nacht erlebt hat. Als die Explosionen die Wüstennacht erzittern lassen, eilt er nach draußen. Was nun passiert, gehört für einen Arzt zum Beruf, und doch treibt es ihm die Tränen in die Augen. "Es war wie im Krieg. So was habe ich noch nie gesehen, überall Blut, ein Baby, ein Kind, der Geruch verbrannter Haut, verbrannter Haare. Hartlich versucht verzweifelt zu helfen. "Ein Baby mit abgerissenem Bein habe ich zur Operation nach Scharm el Scheich geschickt. Ein Junge starb in meinen Armen. Er hatte schwere Brustverletzungen. Er hatte in dem China-Restaurant gesessen."
87 Menschen seien bei der Bombenserie verletzt worden, darunter 29 Ausländer, teilte das ägyptische Geusundheitsministerium mit. Zu den Verletzten gehören unter anderem vier Dänen und drei Amerikaner und eine Schweizerin.
Das Unheil reißt tiefe Wunden in Dahab. Die Bomben explodierten im Strandviertel, sie trafen zwei Restaurants und einen Supermarkt. Auf dem Asphalt trocknen Lachen von Blut. Fliegen schwirren darüber. Das Res-taurant "Al Capone" ist verwüstet. Wie durch ein Wunder haben einige Gläser, gefüllt mit bunten Cocktails, die Detonation überstanden. Über den Touristenbasar legt sich schwerer Geruch. In einem Parfümladen sind Flakons zu Bruch gegangen, Gewürzstände wurden durch die Detonation auseinandergerissen. Ladenbesitzer durchsuchen verzweifelt die Trümmer. "Ich sah viele Tote, viel Chaos. Der Laden wurde komplett zerstört", sagt Ibrahim Sadek, der ein Internetcafe betreibt.

Kein Wasser im Krankenhaus
Kenner haben Dahab immer für seine entspannte Atmosphäre gerühmt. Keine Betonburgen bis zum Strand, sondern kleinere Unterkünfte mit ursprünglichem Charakter, die viele junge Rucksacktouristen anzogen. Dahab ist das arabische Wort für Gold und Gold ist die Farbe des Strandes, der die Menschen hierher lockt. Die Abgelegenheit bedeutet aber auch, dass Dahab für einen Katastrophenfall schlecht vorbereitet ist. Fassungslos berichtet der Arzt Hartlich über das örtliche Krankenhaus, wo er die ganze Nacht über gearbeitet hatte. Es sei dort "schlimmer als in einem Dschungellazarett". Nicht einmal Wasser zum Händewaschen habe es gegeben. Es ist nicht so, dass die Touristen völlig ahnungslos auf den Sinai kamen. Die Anschlagserie von Dahab war die dritte innerhalb von 18 Monaten. Im Juli 2005 starben etwa 70 Menschen in Scharm el Scheich, im Oktober 2004 kamen in Taba 34 Menschen ums Leben.

Risiko unterschätzt
Viele Ausländer ignorieren das Risiko. "Die Küste auf und ab gab es hier Bomben", sagt der neuseeländische Tauchlehrer Jason Lovett, der seit drei Jahren hier arbeitet. "Man muss schon ziemlich blöd sein, wenn man denkt, hier konnte nichts passieren." Der 60-jährige Franzose Jean-Marie Simon reist regelmäßig nach Dahab. "Wir kamen hierher, weil es so ruhig und so ägyptisch ist. Ich glaube aber nicht, dass wir wiederkommen."
Lovett, Simon und die anderen Touristen haben anderswo eine Heimat, in die sie zurückkehren können. Für die Einwohner von Dahab aber brechen schwere Zeiten an. Der Tourismus ist ihre Lebensgrundlage, er hat der Rotmeerküste ein bescheidenes Maß an Wohlstand gebracht. "Sie haben unsere Jobs und unseren Ruf zerstört", erregt sich der Masseur Tarik Ibrahim über die Täter. "Es wird keinen Tourismus in Dahab mehr geben" seufzt der Juwelier Hani Sadek Michail. Vor der Küste liegt am Morgen noch ein Kreuzfahrtschiff vor Anker. Davor steigen Taucher an den Strand. Sie tragen Säcke mit sterblichen Überresten der Opfer, die durch die Wucht der Explosion ins Meer geschleudert wurden.