Blitzschnell verschwand US-Präsident Barack Obama von der Bühne an diesem für ihn eher unerfreulichen Abend in Denver. Sein Herausforderer Mitt Romney blieb noch ein wenig, scherzte mit seinen engen Beratern und seiner Ehefrau Ann herum. Er fühlte sich sichtlich wohl am Ort seines bisher erfolgreichsten Wahlkampfauftritts. Gerade hat er seinen Kontrahenten im Kampf ums Weiße Haus eineinhalb Stunden in die Mangel genommen.

Erfolgreich, wie selbst viele Demokraten nach dem ersten Rededuell beider Kontrahenten am Mittwochabend eingestanden. "Romney war so gut wie nie", sagte der schwarze Bürgerrechtler Al Sharpton ein wenig zerknirscht nach dem Schlagabtausch. Und der lässt normalerweise nie ein einziges gutes Haar an dem Republikaner. Doch auch Sharpton konnte seine Verwunderung darüber nicht verhehlen, wie kraftlos und defensiv der mächtigste Mann der Welt bei einem seiner wichtigsten Tests vor der Wahl am 6. November wirkte.

Ständig schaute der Präsident nach unten. Sein Lächeln wirkte seltsam unsicher, gar nicht so strahlend wie sonst. Es waren nicht seine Antworten, die viele Zuschauer irritierten. Es war die müde Art, sie vorzutragen.

Ganz anders Romney. Von der ersten Minute an griff er Obama und dessen Bilanz in den vergangenen vier Jahren an. "Er erdrückt die Familien in der Mittelschicht", sagte der Multimillionär und zählte seine Anklagepunkte auf wie ein Staatsanwalt: "Die Benzinpreise haben sich unter dem Präsidenten verdoppelt. Strom wurde teurer. Lebensmittelpreise stiegen. Die Gesundheitskosten wurden pro Familie um 2500 Dollar höher."

Gegen Romneys scharfe Formulierungen und klare Aussagen richtete Obama kaum etwas aus. "Starker Angriff, schwache Verteidigung", titelte die "Chicago Tribune" hinterher im Internet.

So sehen es offenbar auch die Fernsehzuschauer - zwischen 40 und 60 Millionen Amerikaner könnten nach Vorabschätzungen das Duell verfolgt haben.

Laut dem Sender CBS, der schnell eine repräsentative Telefonumfrage mit unentschlossenen Wählern durchführte, sagten 46 Prozent, Romney habe die Debatte gewonnen. 22 meinten, Obama sei als Sieger von der Bühne gestürmt. Der Rest spricht von Unentschieden.

Vor allem aber meinte die Mehrheit, ihre Meinung über Romney habe sich verbessert. Selbst Obamas Sprecherin Jennifer Psaki meinte hinterher: "Romney hat Punkte im Stil gewonnen. Er war vorbereitet".

Obama wirkte auch deshalb so harmlos, weil er weitgehend auf persönliche Attacken gegen seinen Herausforderer verzichtete. Kein Wort über Romneys Vergangenheit als knallharter Finanzmanager, kein Verweis auf seine schlimmen Patzer - etwa als er 47 Prozent der Amerikaner als Sozialschmarotzer charakterisierte. Stattdessen erinnerte Obama in seiner Abschlussbemerkung die Amerikaner noch einmal daran, schon vor vier Jahren gesagt zu haben, "dass ich kein perfekter Präsident sein werde". Bei Romney klangen die Schlussworte so: "Ich bin beunruhigt über die Richtung, die Amerika in den vergangenen vier Jahren eingeschlagen hat."

Schnell hoben die US-Kommentatoren den Daumen für Romney. Da schien es fast egal, was die beiden inhaltlich überhaupt gesagt haben. Ob Romneys Steuerpläne oder Obamas Gesundheitsversicherung - jedes Thema wurde knallhart und in fast verwirrender Detailtiefe diskutiert. Dass Romney mit manch neuer Definition seiner seit Monaten bekannten Vorhaben überraschte, dürfte die Tatsachenprüfer noch Tage beschäftigen.

Der 78 Jahre alte Moderator Jim Lehrer, der schon viele dieser präsidialen TV-Debatten leitete, ließ ihn jedenfalls gewähren. Kritische Nachfragen: Fehlanzeige. Kommentatoren sahen den Fernsehveteranen als größten Verlierer des Abends.