Man kann sich das Gespräch so vorstellen: Nur die beiden Frauen, die Freundinnen, unter vier Augen. Wenn es abends ist, machen sie vielleicht eine Flasche Wein auf. Die Kanzlerin sagt der Bildungsministerin, die Entscheidung über ihre Zukunft liege bei ihr. Und Annette Schavan sagt zu Angela Merkel, dass sie zurücktritt. Die Regierungschefin erwartete das. Sie bedauert es, aufrichtig. Dann ruft sie einen Kandidaten für die Nachfolge an. So könnte es sein . . .

Die Querelen im Inland mit dem Koalitionspartner FDP oder die bisherigen Rücktritte von Ministern und zweier Bundespräsidenten haben Merkel bislang nicht beschädigt. Aber in siebeneinhalb Monaten ist Bundestagswahl, und die Opposition erinnert sie gern an den Fall Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der vor zwei Jahren seinen Doktortitel verlor und unter dem massiven Druck der Öffentlichkeit als Verteidigungsminister zurücktrat.

Laut Umfragen ist die Mehrheit der Deutschen für einen Rücktritt Schavans. Eine Bundesbildungsministerin, der wegen vorsätzlichen Täuschens die Doktorwürde entzogen wurde, dürfte kaum als Vorbild anerkannt werden und könnte damit auch die Glaubwürdigkeit der Regierungschefin untergraben. Schavan empfindet die Entscheidung der Universität als ungerecht und will ihre Ehre mit einer Klage wiederherstellen. Sie wird das auskämpfen, wie sie auch ihre straffe Dienstreise in Südafrika trotz des Tiefschlags aus Düsseldorf von früh bis spät durchzog.

Man darf annehmen, dass ihre Gedanken sie nachts um den Schlaf gebracht haben. Doch selbst, wenn sie zu den ganz wenigen zählen würde, die ein solches Verfahren gewinnen: Es dauert.

Dazu gibt es zwei Meinungen in der CDU. Erstens: Schavan tritt nicht zurück und rettet sich mit dem Verfahren bis zur Wahl. Im Falle eines CDU-Sieges könnte sie Ministerin bleiben, wenn ihr der Doktortitel wieder zuerkannt würde. Ansonsten würde Merkel sie einfach nicht mehr berufen.

Zweitens: Gerade, weil ein Verfahren lange dauert, muss Schavan jetzt handeln. Es gilt als unwahrscheinlich, dass Merkel ihre Wegbegleiterin aus dem Kabinett wirft. Vielmehr wird vermutet, dass Schavan Schaden von der Kanzlerin abwenden will und von sich aus geht. Beide dürften nach dem Programm der letzten Tage müde sein und könnten ein freies Wochenende gebrauchen. An diesem steht ihnen aber noch ein Kraftakt bevor. So oder so.