In Verhandlungen mit dem Verteidigungsministerium will Sachsen nun wenigstens Flugtrassen, Höhen und Zeiten für die Maschinen verhandeln, um den Krach erträglich zu halten. Aber ganz, sagt Stein, sei die Luftwaffe nicht mehr wegzudiskutieren.
Der Lärm der Düsenjets ist aber nur die eine Front, an der Stein zurzeit kämpfen muss. Ärger bekommt er auch von Bergsteigern, Wanderern, Gastronomen und Bürgermeistern, seit sich die staatliche Nationalparkverwaltung entschlossen hat, die streng geschützte Kernzone der Sächsischen Schweiz wieder auszuwildern. Fast einem Urwald gleich, will Stein wieder "eine Natur, die ungestört nach eigenen Gesetzen wächst", eine Art "Freilandlaboratorium", damit die Menschen wieder lernen, wie der Wald eigentlich funktioniere.
Doch das ungehinderte Wachsen und Wuchern passt Wanderern nicht. Schöne Aussichten würden versperrt, totes Holz sei ein riskantes Hindernis. "Alte Buchen, die auf die Wege fallen, sind doch eine Gefahr", sagt Lothar Richter, Rentner aus Eisenhüttenstadt und seit Jahrzehnten Stammgast in der Region. Mit vielen anderen machte er sich vergangene Woche bei einer Diskussion im Nationalparkhaus in Bad Schandau Luft. Sauer ist auch Bernd Arnold. "Wenn der Wildwuchs so weiter geht, läuft man bald durch die Schrammsteine ohne sie zu sehen. Dann kommen auch weniger Touristen", fürchtet der Besitzer von zwei Bergsportläden.
Heimatvereine und Naturfreunde, Gemeinderäte und Sportverbände laufen seit Monaten Sturm gegen den Entwurf des neuen Regelwerks für den Nationalpark. Rund 150 Einwände sind bereits eingegangen. Bis zum Herbst will Minister Steffen Flath (CDU) die Verordnung allerdings unterzeichnen.
Nationalparkwächter Stein verteidigt indes sein Konzept. Betroffen sei lediglich die Kernzone und damit nur ein Sechzehntel der Sächsischen Schweiz. Und auch dort würden freilich die wichtigsten Sichtachsen freigehalten und Wege beräumt. "Aber 100-prozentige Sicherheit haben wir hier nicht. Es kann auch mal ein Fels runterkommen", sagt Stein. Der Mensch sei im Nationalpark bei der Natur zu Gast. Dass Touristen vertrieben werden, lässt er nicht gelten.
Die scharfe Diskussion hat eine lange Vorgeschichte. Schon für eine neue Wegekonzeption hatten ein Dutzend Verwaltungsleute, Naturschützer und Bergsportler zwei Jahre über Öffnung und Schließung von Wanderstrecken und Kletterfelsen diskutiert, bis ein Kompromiss vorlag. Das Papier liest sich wie eine Uno-Resolution. "Im Wissen um die Einzigartigkeit des Naturerbes ...in der Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen ...in der Notwendigkeit der Förderung naturnaher Erholungsformen ..." Frieden herrscht dennoch nicht.
Kritiker beklagen bis heute, dass drei Viertel aller Wege gesperrt wurden. Beide Seiten kämpfen bereits mit harten Bandagen. Beispiel Grenzweg, ein Insiderpfad in die Böhmische Schweiz, der den Nachbarländern je zur Hälfte gehört. Nachdem sich die Umweltminister Sachsens und Tschechiens nicht über dessen Nutzung einigen konnten, startete der äußerst hartnäckige Bergsteigerbund nicht nur eine Unterschriftenaktion, sondern auch eine Protestwanderung, um den "landschaftlich besonders reizvollen Weg offiziell begehbar" zu halten. Doch die Nationalparkverwaltung blieb hart, notierte die Personalien, machte Fotos und zeigte die Demonstranten an. "Ich verstehe ja den Wanderer, der auch in die letzte Ecke dieser Landschaft will. Aber wenn keine Einsicht herrscht", sagt Stein, "muss ich manche Dinge verbieten."