Langsam geht Ulrich Hansemann aus Chile die Stufen zum Glockenturm der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar empor. "Mich graust schon ein bisschen, wenn ich daran denke, was mich bei meiner jüdischen deutschen Großmutter in der NS-Zeit erwartet hätte." Der 44 Jahre alte Landwirt will sich im ehemaligen Konzentrationslager über das Leben und Sterben der Häftlinge und die Gräueltaten der SS-Mannschaften informieren.

Staatsakt der DDR
Vor 50 Jahren wurde die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald mit einem Staatsakt der DDR-Regierung eingeweiht. "Es war das erste Mal in Deutschland, dass ein so großes NS-Konzentrationslager in eine Gedenkstätte umgewandelt wurde", sagt Gedenkstätten-Direktor Volkhard Knigge. Die Überlebenden und die Familien der Toten hatten erstmals eine Stätte, an der sie ihrer toten Kameraden und Angehörigen gedenken konnten. "In ihren Augen sind die Lager Friedhöfe, Martyriums-Stätten, heiliger Boden." Der DDR sei es dabei aber weniger um das Gedenken an die Toten, als um die Legitimierung des eigenen Systems gegangen, mit dem nach ihrer Anschauung das Vermächtnis der antifaschistischen Widerstandskämpfer erfüllt worden sei. Gewaltig ist der Eindruck des Besuchers beim Betreten der riesigen Anlage. "Es ist eine Architektur, die den Menschen klein macht", sagt Historiker Knigge. Ulrich Hansemann, der bei seinen Europa-Besuchen auch in Ber gen-Belsen, Auschwitz und Majdanek war, sagt beklommen: "Von einem sozialistischen Staat erbaut, erinnert das Denkmal doch sehr an die NS-Architektur."
Von der Grundidee sei das Mahnmal jedoch interessant, findet Knigge: Der christlichen Passions- und Heilsgeschichte nachempfunden, geht der Besucher zuerst abwärts an sieben Stelen vorbei in die "Nacht", um an der Straße der Nationen mit den toten Antifaschisten zu kommunizieren. An drei Ringgräbern vorbei kommt der Besucher dann wieder aufwärts zur "Freiheit", zur markanten Buchen wald-Gruppe von Fritz Cremer und dem weit ins Land sichtbaren Glockenturm. Unter dem Motto "durch Kämpfen und Sterben zum Sieg" stellte die DDR den Widerstandskampf unter Führung der Kommunisten in den Mittelpunkt.
Für das Gedenken an rassistisch oder aus anderen Gründen Verfolgte wie Juden, Sinti und Roma, Christen und Homosexuelle oder Kriegsgefangene war kein Platz. "Die überwiegend jüdischen Häftlinge, die in den drei Ringgräbern liegen, wurden per Aufschrift einfach als Antifaschisten verherrlicht."
Unter den Toten sind Häftlinge von Todesmärschen aus Lagern wie Groß-Rosen. Rund 15 000 Menschen starben allein in Buchenwald in den letzten drei Monaten bis zur Befreiung am 11. April 1945.
Menschen, die danach an Entkräftung starben, wurden von Häftlingen und US-Soldaten mit Namen und Häftlingsnummer in Einzelgräbern beerdigt. "Die Gräber nehmen wir sehr ernst", sagt Knigge, der seit 1994 die Gedenkstätte leitet.

Neue Gedenkstätten-Konzeption
Zuvor arbeitete er mit an der neuen Gedenkstätten-Konzeption, die die Geschichte des Lagers und des Mahnmals in drei Ausstellungen veranschaulicht. Die größte von ihnen dokumentiert die Geschichte des NS-Lagers und das Martyrium der Häftlinge. Die beiden anderen, räumlich getrennt, zeigen die Nutzung des Geländes in der Zeit nach 1945 durch die sowjetische Militäradministration als "Speziallager" sowie die politische Vereinnahmung in der DDR. "Der Ort, der so politisiert wurde, musste von politischer Funktionalität befreit werden."
1951 beschloss das SED-Politbüro, das KZ bis auf wenige Zeugnisse wie Lagertor oder Krematorium abzureißen und abseits davon ein Nationaldenkmal zu errichten. Cremers erste Entwürfe für die Plastik missfielen, weil den Figuren das "politisch Optimistische" fehlte. Sie zeigten nicht den "Sieg im Weltmaßstab". Cremer habe sich bis zuletzt gegen den Fahnenträger gewehrt, sagt Knigge. Bei Überlebenden, aber auch Künstlern wie Hans und Lea Grundig, stießen die DDR-Pläne auf Ablehnung. Sie hätten fassungslos gefragt, wo im KZ Aufstand und Sieg gewesen seien. Das Wichtigste sei gewesen, dass die Internierten versuchten, ihre Menschlichkeit zu bewahren.