Nach dem Willen der SPD/CDU-Regierung soll es im Schuljahr 2006/ 2007 erstmals auf dem Zeugnis von der dritten bis zum Halbjahr der zehnten Klasse Ziffernnoten zum Arbeits- und Sozialverhalten in sieben Kategorien wie Ausdauer oder Sorgfalt geben. Die Noten reichen von Eins ("hervorragend ausgeprägt") bis Vier ("zu wenig ausgeprägt"). Der Landesschulbeirat muss dazu noch Stellung nehmen. Lehnt er den Entwurf ab, gibt es ein Einigungsgespräch mit Minister Holger Rupprecht (SPD). Das letzte Wort hat der Minister.
Der Vorsitzende des Beirates, Andreas Bergmann, rechnet mit einer geschlossenen Ablehnung. Er sehe keine Vorteile der neuen Regelung im Vergleich zu dem bestehenden, "leidlich funktionierenden" System. Die Sprecherin des Landeslehrerrates, Gerlinde Balcke, kündigt bereits das "Nein" der Lehrer an. "Wir haben große Bedenken wegen der Noten und der Kategorien." Diese "Leistungen" könne man nicht mit Noten versehen. Wie sollen Integrationskinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf benotet werden? "Wir haben so lange mit SPD und CDU verhandelt und immer hieß es nur: Das steht so im Koalitionsvertrag. Das ärgert uns schon mächtig."
Landeselternrat und Landesschülerrat lehnten am Wochenende den Entwurf ab. Petra Brückner, Vorsitzende des Landeselternrates, lässt kein gutes Haar daran. "Das ist völliger Blödsinn." Es gebe keinen Grund, Arbeits- und Sozialverhalten in Noten zu pressen. "Wo da der pädagogische Nutzen liegen soll, ist mir ein Rätsel." Eric Vohn, Schülervertreter im Beirat, sagt: "Wir sehen keinen Grund für solche Noten, schon gar nicht auf der ersten Seite des Zeugnisses."
Vernichtende Kritik kommt auch vom Vorsitzenden des Bundeselternrats, Wilfried Steinert. "Kopfnoten sind Ausdruck der Hilflosigkeit der Pädagogen. Kinder werden in Schubladen einsortiert." Noten seien oft nicht nachvollziehbar. Wesentlich sinnvoller seien verbale Beurteilungen und Gespräche. "In Skandinavien sind von der Vorschule an zwei bis drei Elterngespräche pro Jahr verbindlich", sagt der Pädagoge. "Man muss den Jugendlichen deutlich machen, wie sie ihr Ziel erreichen können. Wer Kopfnoten fordert, handelt kopflos."
Auf der anderen Seite der Barrikaden stehen die CDU, die die Kopfnoten durchgesetzt hat, und Ausbildungsbetriebe. "Wir wollen Zahlen auf dem Zeugnis sehen", sagt etwa der wirtschaftspolitische Sprecher des Handwerkskammertages Brandenburg, Wolfgang König. Die Handwerker hätten keine Zeit, "ellenlange Bewertungen" durchzulesen. CDU-Bildungsexperte Ingo Senftleben lobt die "moderne pädagogische Form" der Vorschrift. Damit würden Bildung und Erziehung wieder in ein besseres Gleichgewicht gebracht. Zudem habe sich die Regelung bereits beim deutschen Pisa-Spitzenreiter Bayern bewährt.
In Bayern gibt es seit dem Schuljahr 2004/2005 Kopfnoten in der Grundschule ab Klasse zwei. Die Leistungen werden allerdings auf der Rückseite des Zeugnisses und nicht mit Noten, sondern mit Buchstaben von a) bis d) bewertet und durch Wortgutachten ergänzt. Ob sich die Kopfnoten bewährt haben, sei noch unklar, heißt es im bayerischen Kultusministerium. Erst nach Ende der Erprobungsphase 2008 soll Bilanz gezogen werden.

Hintergrund Keine neue Erfindung
 In der DDR gab es Noten in den Kategorien Ordnung, Mitarbeit, Fleiß und Betragen. Diese wurden nach der Wende abgeschafft. Derzeit gilt noch die 2004 eingeführte Regelung von der dritten bis zum Halbjahr der zehnten Klasse. Dabei werden die Informationen zum Arbeits- und Sozialverhalten in geschlossener oder offener Form vergeben. Geschlossene Form heißt: In fünf Kategorien gibt es jeweils die fünf Stufen a bis e. Den Stufen sind vorgefertigte Sätze zugeordnet. (Beispiel: Kategorie Selbstständigkeit, Stufe c bedeutet: "arbeitet mit kleinen Anregungen weit gehend selbstständig, zeigt Eigenaktivität"). Über offene oder geschlossene Form entschied die Schulkonferenz.